Wie schön, wenn man gute Bekannte hat. Noch dazu in Positionen, die es einem ermöglichen, sich beruflich weiterzuentwickeln. Also packte Jörg Böhme die Gelegenheit beim Schopfe, als seine Frau Ende vergangenen Jahres eine Fortbildung in Berlin besuchte. Er telefonierte mit André Hofschneider, dem Co-Trainer des 1. FC Union, und reiste kurzerhand auch in die Hauptstadt. Hofschneider vermittelte dem frisch gebackenen Fußballlehrer Böhme eine Hospitanz beim Berliner Zweitligisten, er durfte zusehen und lernen.

Am Montag kommt Jörg Böhme, 40, wieder ins Stadion an der Alten Försterei, diesmal jedoch nicht mit guten Absichten. Inzwischen ist er Trainer des FC Energie Cottbus, und die Lausitzer benötigen jeden Punkt im Kampf gegen den Abstieg. Vielleicht erweisen sich die Einblicke in das Berliner Training dabei ja als hilfreich. „Er war ein paar Tage ganz nah dran. Ich hoffe, dass er nicht zu viel gesehen hat“, sagt Union-Coach Uwe Neuhaus vor dem Berlin-Brandenburg-Derby (20.15 Uhr).

Wie zweckdienlich genau das Kiebitzen in Berlin war, darüber gibt Böhme keine Auskunft. Aber: „Ich konnte definitiv etwas mitnehmen. Für mich war das eine gute Gelegenheit, mal andere Abläufe kennenzulernen“, sagt er. Bis vor Kurzem drehte sich sein Leben noch weitgehend um weiter westlich beheimatete Vereine, nach seinem Abschied aus Jena 1993 spielte Böhme in Nürnberg und Frankfurt, bei 1860 München, in Bielefeld, auf Schalke und in Mönchengladbach. Nach seinem Karriereende unternahm er dort auch erste Versuche als Trainer, erst in der Winterpause erfolgte die Anstellung als Assistent in Cottbus. Jetzt also Chef, erstmals im Profifußball.

Zu den üblichen Namen, die nach Trainerentlassungen gehandelt werden, gehörte Böhme nicht, als Ende Februar Stephan Schmidt gehen musste. Eigentlich planten die Lausitzer auch nur kurzfristig mit dem Ex-Nationalspieler, inzwischen steht fest, dass er bis zum Saisonende weitermachen darf. Böhme hat sich schnell Vertrauen erarbeitet. Und das in einer mehr als schwierigen Situation. „Damit beschäftige ich mich gar nicht“, sagt er, „entscheidend ist, wie die Mannschaft im Training arbeitet.“ Als Tabellenletzter hatte Cottbus acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz 16, als Böhme übernahm. Nach 13 sieglosen Partien gab er dem Klub mit nun drei Siegen aus fünf Spielen und nur noch drei Zählern Abstand vor diesem Spieltag wieder Hoffnung, eventuell doch in der Liga bleiben zu können.

Elementare Dinge will der Coach sehen

Die knappe Niederlage am Mittwoch gegen 1860 (1:2) ändert daran nichts. „Die Jungs haben begeisternden Fußball gespielt, aber etwas den Kopf verloren“, erzählt Böhme. Er zweifelt nicht daran, dass er das in den Griff bekommt: „Man hat gesehen in den vergangenen Spielen, dass wir qualitativ gute Leute haben.“ Leute, die verkörpern, was er sich vorstellt, die die „richtige Körpersprache“ zeigen, die „elementare Dinge“ beherzigen. Laufen, rackern, kämpfen – und das bis zum Umfallen. Für die hohe Fußball-Ästhetik lässt die Lage auch keinen Spielraum.

In der Lausitz heißt es nun, der Geist von Eduard Geyer sei wieder eingekehrt. Ehrlicher Arbeiterfußball erfreut die Region. „Die Leute können sagen und denken, was sie wollen. Es war die sportlich erfolgreichste Zeit unter Ede“, so Böhme. Damals wurde eine Liga höher gegen den Abstieg gekämpft. Vor Böhme setzte Schmidt vielleicht auf die falschen Mittel, der Vorgänger zählt zur Traineravantgarde mit großen Ideen. Schmidt absolvierte seinen Trainerlehrgang mit Bestnoten, Böhme musste in die Nachprüfung. Das teilte er seinen Profis beim Amtsantritt mit. Böhme ist offen, er ist ehrlich, ein Mann klarer Worte. Als Spieler brachte ihm das oft Ärger ein mit seinen Trainern.

Zwei Tore gegen Union im Pokal

Böhme sorgte aber auch für große Momente. Ausgerechnet Unioner erinnern sich nicht gern daran. Im Pokalfinale 2001 erzielte er für Schalke 04 beide Treffer beim 2:0 gegen die Berliner. „Für uns war das ein schönes Erlebnis, aber mit dem Spiel am Montag hat das nichts zu tun“, sagt Jörg Böhme. Trotzdem, er weiß, wie man Union wehtut.