Fan-Film

„Union fürs Leben“ - Warum die Eisernen mehr sind als ein Verein

| Lesedauer: 11 Minuten
Sebastian Fiebrig

Foto: privat

Für seine Fans ist der 1. FC Union viel mehr als nur ein Verein. Ein Film erzählt davon, welche Rolle die DDR-Identität spielt und den Unterschied zwischen der Rivalität zu Hertha und dem BFC Dynamo.

Der 1. FC Union gilt als der andere Verein im deutschen Profifußball. Häufig wird er auch als Kultklub bezeichnet. Ein Image, dass die Köpenicker auch gern für sich in Anspruch nehmen. Die beiden preisgekrönten Filmemacher Rouven Rech, 40, und Frank Marten Pfeiffer, 40, (Auszeichnung für die Hoffenheim-Doku „Das Leben ist kein Heimspiel“) haben für ihren Dokumentarfilm „Union fürs Leben“ fünf sehr unterschiedliche Fans lange begleitet und versucht, zu verstehen, was das Andere ausmacht.

Dabei haben sie eine Ostberliner Identität entdeckt, die auch gut 25 Jahre nach dem Mauerfall noch existiert und kultiviert wird. Mit Sebastian Fiebrig sprachen sie über Besonderheiten der Union-Fans, welche Rolle die DDR-Identität für die Anhänger spielt und den Unterschied zwischen sportlicher und mentaler Rivalität zu Hertha und dem BFC Dynamo.

Berliner Morgenpost: Für Ihren Film haben Sie beide Union in den letzten vier Jahren intensiv begleitet. Können Sie jetzt erklären, was das Besondere an Union und seinen Fans ist?

Rouven Rech: Ausgehend von unseren Entdeckungen würde ich sagen: Das sind Leute mit einer sehr starken Bindung zu ihrem Kiez, zu ihrer Herkunft. In den Medien gilt Berlin als die hippe Stadt. Da wird über die Klubszene gesprochen oder die Start-ups. Aber für die Leute in Köpenick spielt dieses Image überhaupt keine Rolle. Dort hat sich eine andere Identität gebildet. Natürlich, weil sie auch eine andere Geschichte und Sozialisierung hat.

Frank Marten Pfeiffer: Die Historie von Union ist tatsächlich einzigartig. Diesen Hintergrund gibt es nirgendwo anders. Der Verein wurde offiziell als Arbeiterklub neu erschaffen. Dazu hat sich aber ein widerspenstiger Geist durch verschiedene Gründe entwickelt. Das Besondere ist dann, dass dieses Land, aus dem der Verein kommt und den Hintergrund erhalten hat, nicht mehr existiert. Daraus haben sich ganz neue Identitäten und Persönlichkeiten entwickelt. Auch bei den Jüngeren, die zu Union gehen. Obwohl sie die Lebenswirklichkeit vorher in der DDR gar nicht mehr mitbekommen haben – diese besondere Stimmung transportiert sich durch ihr Umfeld oder ihre Eltern.

Wie drückt sich das Widerspenstige aus?

Rech: Mir hat sich ein Spruch eingeprägt, der über Gesundheitssenator Mario Czaja gesagt wurde: „Dass einer von uns es so weit gebracht hat, finde ich super.“ Das sagt, dass man erst einmal davon ausgeht, der Underdog zu sein. Dabei ist da viel mehr Stärke als bei einem Außenseiter. Und daraus entwickelt sich etwas. Man spürt immer, dass da ein großer Wille dabei ist. Wir haben festgestellt, dass dieses immer wieder kämpfen eine große Rolle spielt. Auch und gerade wenn man auf die Nase fällt. Das sieht man bei der Mannschaft. Das wird von der Mannschaft gefordert. Unsere Frage war: Woher kommt das? Kommt das daher, dass die Mannschaft immer verliert und man sie deshalb ständig ermuntern muss? Oder liegt das daran, dass man im eigenen Leben auch mal auf die Fresse bekommen hat und trotzdem weiß, dass man weitermachen muss. Weil es eben immer weiter geht.

Sie haben selbst nicht die gleiche Herkunft wie die meisten Union-Fans, sondern sind aus Bochum beziehungsweise aus der Nähe von Stuttgart nach Berlin gekommen. Haben Sie das Gefühl, dass von diesem Teil der DDR-Identität, den Sie beschrieben haben, etwas bei Union übrig geblieben ist?

Rech: Politisch ist von der DDR-Identität bei Union im Stadion zumindest überhaupt nichts zu spüren.

Pfeiffer: Was auffällig ist von außen: Die Fans lassen dem Verein nicht alles durchgehen. Das gibt es wahrscheinlich nicht oft, dass eine Vereinsführung sehr genau überlegen muss, wie weit sie gehen kann. Was ist kommerziell angebracht und was ist politisch angebracht.

Rech: Wir kennen mit Hoffenheim auch das komplette Gegenteil. Da ist nicht unbedingt der erste Gedanke, was gut für die Fans ist. Bei Union sehen wir, dass die Fans genau das fordern und das auch geschieht.

Pfeiffer: Gerade bei den Fans, die wie der Schauspieler Lopez in unserem Film aus der Ära der 70er Jahre kommen, ist das zu spüren. Sein ganzes Umfeld, sein Fanklub denkt so: Das ist unser Verein. Es gibt diesen bei Union immer wieder geäußerten Spruch „Andere Vereine haben Fans, wir Fans haben einen Verein“.

Gerade in den 70er und 80er Jahren waren die Union-Fans wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen berüchtigt. Wird das von den damals Jugendlichen heute noch kultiviert?

Rech: Vor allem ist bei den älteren Union-Fans erst einmal ein Blick auf eine aus ihrer Sicht gute Jugend geblieben. Ich kann gar nicht einschätzen, ob das verklärt ist. Aus unserer heutigen, kritischen Perspektive von außen dominierte damals die Gewalt. Aber das ist für die Akteure von früher heute gar nicht entscheidend. Es ist für sie eher wichtig, dass sie dort bei Union gemeinsam ihre Jugend erlebt haben. Das hat sie geprägt, ohne dass sie heute noch die Prügeleien groß thematisieren würden.

Pfeiffer: Aber es gibt schon so einen kleinen Stolz darauf, dass der 1. FC Union Berlin in der DDR so verschrien war. Der Ruf war nicht der beste.

Rech: Man muss das aber aus der Situation damals verstehen und nicht von heute aus betrachten. Was hieß denn das für Jugendliche, keinen guten Ruf in der DDR zu haben? Das war doch auch so etwas wie Anerkennung.

Aufgrund der fehlenden sportlichen Relevanz fehlt bei Union diese Nostalgie nach den Erfolgen in der DDR wie bei anderen Vereinen. Geblieben ist allerdings die Rivalität zum BFC Dynamo, dem ehemaligen Verein des Ministeriums für Staatssicherheit.

Rech: Das spielt heute sportlich überhaupt keine Rolle.

Aber mental schon. Unions Flügelspieler Christopher Quiring, der im Film auch ein Protagonist ist, macht sich diese Rivalität doch beispielsweise zu eigen, obwohl er nach der Wiedervereinigung geboren wurde.

Pfeiffer: Das stimmt, und er gibt es offen zu. Das wird halt weitergelebt und ist nicht nur ein Spruch. Man kann als Kind oder Jugendlicher nur das weiter erleben, was die Eltern und das Umfeld mitgeben. Dann bleibt solch eine Rivalität zum BFC Dynamo auch übrig, selbst wenn sie sportlich keine Relevanz mehr hat. Das ist ererbt. Natürlich ist das anders, als wenn man das selbst am eigenen Leib auch erfahren hat. Das ist ähnlich wie mit der Herkunft. Es bezeichnen sich heute viele als Ostdeutsche, auch wenn sie die DDR nie selbst erlebt haben. Aber es ist da und spielt eine Rolle für diese Personen.

Warum wird das von den „Altunionern“ so weitergegeben?

Rech: Ich glaube, dass es auch so eine Suche ist. Wenn man sich eine Identität aufbauen möchte, braucht man Punkte, um das daran festzumachen. Es ist einfacher zu sagen: Hier sind wir und dort die anderen. Es kommt auf diese Abgrenzung an und darauf, einen eigenen Raum zu finden. Im positiven Sinne: So bin ich. Sportlich spielt heute Hertha eine viel größere Rolle als Rivale. Das hat gewechselt. In der Wahrnehmung der Fans ist das so, dass man früher der Underdog gegenüber dem BFC war und heute nimmt man diese Rolle gegenüber Hertha ein.

Aber das Thema ist noch präsent. Im Januar musste ein Testspiel abgebrochen werden. Zuvor hatten Union-Fans den Platz gestürmt. Auslöser war ein Transparent bei den gegnerischen Fans, auf dem „BFC Dynamo“ stand. Ist das unbewältigte Vergangenheit?

Pfeiffer: Gerade bei einem solchen Vorfall muss man aufpassen. Ist das wirklich der Großteil, der Union trägt und die Werte weitervermittelt, der dort aufgefallen ist? Oder ist das eine Minderheit, die ausflippt? Aber diese wenigen Personen können ganz schnell den Ruf beschädigen und alles andere überdecken. Selbst wenn das die Mehrheit ist.

Rech: Ich würde das andersherum sagen. Von den Personen, mit denen wir zu tun hatten, wäre niemand auf den Platz gerannt oder hätte Bengalos gezündet. Und wir haben uns intensiv mit etlichen Fans aus den unterschiedlichen Bereichen des Stadions, mit sehr unterschiedlicher Herkunft befasst.

Haben Sie herausgefunden, wie sich die Union-Fans nach dem Mauerfall verändert haben?

Rech: Es ist vor allem die Fanstruktur, die sich verändert hat. Es gibt Leute, die vor 1989 eher parteinah waren. Die haben sich vorher nicht unbedingt getraut, zu Union zu gehen. Nach dem Mauerfall konnte sich das durch verschiedene Umstände ändern.

Häufig wird der geradlinige Lebensweg als Vorbild dargestellt. Union verkörpert dagegen die Brüche im Leben als Normalität. Sportlich wie auch durch seine Identität. Präsident Dirk Zingler wurde beispielsweise von den Fans sein Wehrdienst beim Wachregiment des MfS zwar krumm genommen, aber nicht zum Verhängnis.

Pfeiffer: Das mit den Brüchen kann man so sehen. Wir haben das in der Zeit auch so wahrgenommen. Es ist nicht das Thema unseres Films, aber es schwingt immer mit. Man muss mit der Vergangenheit umgehen. Sie geht ja nicht weg und man kann sie auch nicht wegwischen. Und Menschen verändern sich auch.

Mittlerweile kommen auch viele Neuberliner zu Union. Der Verein gilt als hip, so wie Berlin als Stadt. Verändert das etwas?

Rech: Man merkt das. Aber was geblieben ist, ist dieser familiäre Zusammenhalt. Auch, wie sich die Leute dort gegenseitig helfen.

Wie kann man diese Ostberliner Identität in knappen Worten zusammenfassen?

Rech: Das ist schwierig zusammenzufassen in zwei, drei Sätzen. Deswegen haben wir unseren Film gemacht. Das ist ähnlich wie mit dem vielbeschworenen Geist von Union. Den kann man schwer in Worten ausdrücken und man weiß auch nicht, ob es ihn gibt. Eine direkte Antwort auf die Frage nach der Ostberliner Identität kann ich nicht geben. Aber wir haben gespürt, dass es dort etwas anderes gibt und die Leute dort anders ticken. Und sie sehen es auch mit Stolz, dass sie anders ticken.

Pfeiffer: Aber wir haben diesen Kontext zu Union gesehen. Der Verein spielt eine prägende Rolle und ist ein Anker. So haben wir das bei unseren Protagonisten bemerkt. Es sind viele kleine Bausteine, die das widerspiegeln, was das Gefühl bei Union und im Stadtteil ist.