Beim traditionellen Weihnachtssingen des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin ist Montagabend ein neuer Teilnehmerrekord gefallen. 27.500 Fans des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin sind am Tag vor Heiligabend in das Stadion „An der Alten Försterei“ gekommen. Die Karten waren schon lange vor dem Beginn der Veranstaltung am Montagabend vergriffen. Bereits zum elften Mal trafen sich die Anhänger der Rot-Weißen, um mit Glühwein und Tausenden Kerzen das Weihnachtsfest auf eigene Art einzuläuten. Zu den Gästen der Kultveranstaltung gehörte auch rund ein Dutzend Union-Profis, unter ihnen Christopher Quiring, Mario Eggimann und Daniel Haas.
Die Tradition des Union-Weihnachtssingens geht auf das Jahr 2003 zurück, als 89 Anhänger nach einer Serie von schlechten Spielen dem Aufruf des Fan-Clubs Alt-Unioner folgten. Im vergangenen Jahr waren beim Auftritt des größten Weihnachtschors Deutschlands 22.500 Anhänger erschienen, um sich besinnlich auf das Weihnachtsfest einzustimmen.
Zum zweiten Mal nach 2012 war wegen des großen Andrangs der Innenraum des von den Fans selbst modernisierten Stadions für maximal 6500 Sänger geöffnet worden. Der Rasen war dafür mit Rollmatten aus Kunststoff ausgelegt. Erstmals stand wegen der im Juli fertiggestellten Haupttribüne die Bühne in der Mitte des Stadions.
„O Gott, ist das voll hier“
Es waren längst nicht nur Union-Fans gekommen. Obwohl es schon ein besonderer Moment war, als um 19.05 Uhr die Vereinshymne „Eisern Union“ angestimmt wurde. Unter den Besuchern sind vielmehr zahlreiche Menschen von außerhalb, zum Beispiel aus München und Großbritannien.
Stadionsprecher Christian Arbeit eröffnete die Veranstaltung. Sein erster Kommentar angesichts der enormen Zuschauerzahl: „O Gott, ist das voll hier.“ Dann ging das Licht aus und die Alte Försterei wurde von den Kerzen der Besucher erleuchtet. Ein feierlicher Moment. Viele Familien mit Kindern sind zu der Veranstaltung gekommen.
Zu Beginn spielte ein Bläserquartett, in diesem Jahr übrigens mit Unions Fitnesstrainer Daniel Wolf an der Trompete, der „Ihr Kinderlein kommet“ blies. Danach gab es den leicht abgewandelten Titel „In der Weihnachtsbäckerei“. So sangen die Tausenden Besucher beherzt mit: „In der Alten Försterei“.
Metzelder fotografiert das Lichtermeer
Zwischendrin las Pfarrer Peter Müller die Weihnachtsgeschichte vor - und 27.500 Menschen hörten andächtig bei tausendfachem Kerzenschein zu. Fußballer Christoph Metzelder war ebenfalls ins Stadion gekommen. Bei Twitter postete er ein Foto von dem Lichtermeer und kommentierte: „Grandios“.
Der Eintritt zur Veranstaltung war gratis, Tickets wurden aber trotzdem ausgegeben. So konnten die Veranstalter gewährleisten, dass nicht mehr als 27.500 Menschen ins Stadion kamen. Aus Sicherheitsgründen mussten sogar Menschen abgewiesen werden. Die Alte Försterei war voller als selbst bei ausverkauften Punktspielen.
Gegen 20.40 Uhr ging die Veranstaltung zuende. Zum Schluss gab es - bei aller vorweihnachtlichen Besinnlichkeit - noch eine fußballerische Nachricht für die Fans: Im Stadion wurde bekannt gegeben, dass Union am 25. Januar um 15.30 Uhr in Stockholm gegen Djurgarden IF ein Testspiel bestreitet.
Internationales Aufsehen für die Veranstaltung
Das Weihnachtssingen ist zu einer festen Größe in der Berliner Vorweihnachtszeit gewachsen. Die britische Zeitung „The Guardian“ schrieb unlängst von „ungewöhnlichen Fans mit einer außergewöhnlichen Weihnachtstradition“. Der schwedische Journalist Erik Jullander von der Zeitung „Boras Tidning“ ist geradezu begeistert: „Es gibt Sachen, die muss man einfach selbst erleben.“ Die Faszination des Weihnachtssingens beim 1. FC Union im Stadion an der Alten Försterei sorgt inzwischen auch international für Aufsehen. Torsten Eisenbeiser vom Fanklub der Berliner „Alt-Unioner“ gibt zu, dass er sich vor zehn Jahren nie hätte träumen lassen, was er da gemeinsam mit 88 Mitstreitern unbewusst ins Leben rief. „Keiner hat damals daran gedacht, dass wir jemals solche Dimensionen erreichen“, sagte er.
Die Tickets gab es kostenfrei
Nach ständiger Verdopplung der Sängerschaft von Jahr zu Jahr stößt Eisenbeisers Initiative inzwischen an ihre Grenzen. Nur weil Sponsoren mithelfen, können Kerzen, Liederhefte und kleine Geschenke für die Kinder weiter umsonst verteilt werden. Für Montag standen maximal 27.500 Tickets zur Verfügung, mehr geht einfach nicht. Die übergroße Zahl der Karten wurde kostenfrei ausgegeben, nur 1750 davon konnten für den Vip-Bereich der im Juli eröffneten Haupttribüne inklusive Bewirtung erworben werden.
Über 72.000 Nutzer hatten zuvor die Internetseite des Fanklubs im Internet aufgerufen. Inzwischen hat das Singen bei 1860 München und Alemannia Aachen sogar erste Nachahmer gefunden.
Union-Anhänger Dirk Ziminzke schilderte, wie er 2003 als einer der Sänger der ersten Stunde über das Stadiontor kletterte, um die Gleichgesinnten zu treffen. „Weil es nicht mit dem Verein abgesprochen, also im besten Sinne eine Piratenaktion war, war nirgendwo ein geöffnetes Tor zu erwarten. Also entschied ich in Ein-Mann-Abstimmung über das Tor zu klettern“, bestätigte er im von den „Alt-Unionern“ herausgegebenen Buch „23.12. – Neunzehn Uhr“. Wie vor zehn Jahren im kleinen Kreis wurden 2013 Glühwein und Bratwurst gereicht. Die Weihnachtsmann-Mützen sind heute wie damals „Pflicht“, wenn hartgesottene Unioner in Fanklamotten neben Omas mit ihren Enkeln stehen und unter feierlichen Klängen Tausende Kerzen entzünden. Längst kommen auch Gäste, die sonst gar nichts mit Fußball am Hut haben oder als Fans Lokalrivale Hertha die Daumen drücken.
BM/seg/sef/dpa



