Zweite Liga

Union Berlin fühlt sich wie im falschen Film

Das Pokal-Aus ist der Höhepunkt von Unions Schwächephase: Fünf Spiele in Folge haben die Eisernen nicht mehr gewonnen, nur ein Tor geschossen. Das belastet auch das romantische Fußballkonzept.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Vom feierlichen Glanz war am Tag nach dem Pokal-Aus gegen Kaiserslautern (0:3) an der neuen Haupttribüne des 1. FC Union nichts mehr zu spüren. Keine Weihnachtsbeleuchtung, keine freudig erregten Gesichter. Stattdessen war Aufräumen angesagt. Mit Staubsaugern und Scheuerlappen wurde dem Dreck auf dem Boden zu Leibe gerückt.

Wahrscheinlich hätten die Stadionmitarbeiter auch gern die Negativserie von vier Wochen ohne Sieg weggewischt, wenn sie ihrer habhaft geworden wären. Denn jedes zusätzliche schlechte Ergebnis drückt auf das Selbstverständnis der Unioner, die sich gern den so genannten Mechanismen der Inszenierung Profifußball entziehen wollen.

Dabei wird deutlich, dass auch die Köpenicker für ihren eigenen Weg eines benötigen – sportlichen Erfolg.

Zinglers Fußballromatik

Das Achtelfinale am Dienstagabend sollte die große Wende bringen. Es war die große Chance für das seit vier Wochen erfolglose Team, das im November nur einen einzigen Treffer selbst erzielen konnte. Flankierend zur bundesweiten Aufmerksamkeit für die Flutlichtpartie gab Dirk Zingler der „FAZ“ ein Interview, in dem er ein romantisches Fußballbild entwarf.

Der Präsident stellte die Wurzeln der Vereinsführung als Ursache für den anderen Weg Unions heraus: „Wir sind ausschließlich mit der Sicht eines Fans in das Fußballgeschäft gekommen. Diese Herkunft prägt unser Handeln. Wir haben eine ganz andere Erwartungshaltung an diesen Sport. Diese neunzig Minuten sind für uns das höchste Gut. Da wollen wir unseren Spaß haben.“

Flucht aus dem Stadion

Im Nachhinein gesehen kam das Vergnügen beim zweiten 0:3 gegen Kaiserslautern in nur zehn Tagen etwas zu kurz. Stattdessen gab es Bilder zu beobachten, die eher an einen falschen Film erinnerten, der aus Versehen im Stadion an der Alten Försterei ablief. Minuten vor Abpfiff verließen viele Besucher der vor Kurzem noch stolz eingeweihten Sitzplatztribüne ihre Plätze, um nach Hause zu gehen.

Bekannte Szenen aus den VIP-Bereichen anderer Stadien, die dann genüsslich im Fernsehen gezeigt werden. Doch sie widersprechen dem Selbstverständnis der Köpenicker, das Zingler knapp so zusammenfasste: „Wenn Leute hierher kommen und sich nur bespielen lassen wollen, sind sie bei uns falsch.“

Wütende Sprechchöre

Den frühzeitig gehenden Anhängern wurde mit wütenden Sprechchören von den Stehplatzrängen bedeutet, welchen Tabubruch sie begangen haben. „Wir sind Unioner und ihr nicht!“, riefen sie. Untergegangen ist dabei die geweckte, aber momentan nicht erfüllte Anspruchshaltung unter allen Fans.

Sowohl die neue Tribüne als auch der für diese Saison geplante Rekordetat von über 24 Millionen Euro stehen für die wirtschaftliche Weiterentwicklung des Vereins. Parallel dazu kam der sportliche Erfolg. Zwischenzeitlich stand das Team auf Platz eins der Liga. Der Aufstieg schien logisch, fast selbstverständlich.

Schwächephase legt Schatten auf die Hinserie

Die aktuelle Schwächephase mit nur einem Punkt aus vier Ligaspielen und dem Ausscheiden im DFB-Pokal war so nicht vorgesehen. Vor dem letzten Hinrundenspieltag gibt Trainer Uwe Neuhaus zu: „Das Gefühl, es sei eine gute Hinserie, hat keine der handelnden Personen im Verein mehr.“

Dabei steht die Mannschaft auf Platz sechs und hat nur drei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Der Vertrag des Trainers wurde trotzdem um zwei Jahre verlängert. Woanders wären vielleicht freundlichere Ergebnisse abgewartet worden.

Becherwürfe aus dem Fanblock

Viel mehr Probleme haben die Fans, ihre Enttäuschung während der Spiele zu kanalisieren. Der trotzige Schlachtruf „Eisern Union!“, erklingt zwar immer noch bei Rückständen. Dafür häufen sich die Undiszipliniertheiten auf den Stehplatzrängen. Feuerzeuge und Bierbecher flogen zuletzt massiv auf gegnerische Spieler und Schiedsrichter.

Nicht das, was Zingler meinte, als er von der starken Identifikation der Zuschauer mit den Fußballern auch bei Niederlagen sprach. „Ich möchte Nähe haben. Das ist nicht immer einfach, weil Nähe auch anstrengend sein kann. Nähe kann weh tun“, sagte der Präsident zur engen Bindung zwischen Verein und Fans.

Automatismen greifen auch bei Union

Es sind diese Symptome, die zeigen, dass auch Union sich nicht allen Mechanismen der Unterhaltungsbranche Profifußball entziehen kann, obwohl dagegen angekämpft wird. Mit Bedacht hatte der Klub nicht den Kampf um den Aufstieg, sondern gleich gar kein offizielles Saisonziel ausgegeben. Überzogene Erwartungen sollten nicht entstehen.

Dass hingegen gute Spiele und Erfolge wie der zwischenzeitliche Platz eins Sehnsüchte und Fantasien beflügeln, kann niemand verhindern – kein manchmal spröde auftretender Trainer, kein zurückhaltender Präsident. Auch wenn sie nun mit den nicht immer schönen Ausdrucksarten der Enttäuschung umgehen müssen.

Für Entspannung wird allein sportlicher Erfolg sorgen können. Ein Automatismus, der bei aller Romantik auch für Union gültig ist. „Wir haben genug in die Fresse bekommen. Jetzt heißt es Arschbacken zusammenkneifen.“ Dieser knackige verbale Mutmacher von Kapitän Torsten Mattuschka könnte nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für den Verein und seine Fans gelten.