Wer die Spieler des 1. FC Union nach Abpfiff beobachtete, bekam den Eindruck, die Mannschaft habe einen triumphalen Sieg errungen. Der komplette nach Frankfurt gereiste Kader stattete seinen rund 800 mitgereisten Fans Dank ab, Hände wurden abgeklatscht, Glückwünsche entgegen genommen und Trikots geworfen. Dabei gab es ja „nur“ ein 1:1 (0:1) beim FSV Frankfurt, der grauen und doch so gefährlichen Maus der Zweiten Liga.
Der mögliche Sprung auf Platz zwei wurde nach einer unterdurchschnittlichen Leistung verpasst. Der wäre am Sonntag möglich gewesen, denn 1860 München leistete sich beim 0:1 (0:0) in Paderborn bereits die zweite Saisonniederlage. Außerdem fand Düsseldorf mit 1:0 (1:0) gegen Bochum in die Erfolgsspur zurück. Immerhin bleibt Union auswärts ungeschlagen.
Fans und Spieler waren dennoch zufrieden mit dem Punkt, denn – Unentschieden haben das so an sich – es hätte ja auch schlimmer kommen können. „Wir haben hier doch nie was geholt, die sind schwer zu spielen“, erinnerte ein aufgeräumter Kapitän Torsten Mattuschka an die Erfahrungen am Bornheimer Hang.
Stadion im Osten Frankfurts wie verhext
Obwohl wahrlich kein Hexenkessel – am Sonntag kamen nur 4436 Zuschauer – war das kleine Stadion im Osten Frankfurts für die Eisernen wie verhext. Auch im fünften Anlauf gab es hier zwar keinen Sieg, aber immerhin den zweiten Punkt. „Und das geht unter dem Strich auch in Ordnung“, sagte Trainer Uwe Neuhaus. Kollege Benno Möhlmann hielt sich knapp auf der Pressekonferenz und lobte Neuhaus: „Das hat der Uwe sehr gut analysiert.“ Es war eben ein Tag, an dem keiner dem anderen wirklich wehtun wollte.
In der Halbzeit ehrte der Union-Fanclub „Eiserner V.I.R.U.S.“ den FSV dafür, der gastfreundlichste Verein der Liga zu sein. Stolz zogen FSV-Vertreter mit einem Pokal von dannen, nicht ohne sich über das Stadion-Mikrofon zu bedanken: „Union ist einfach ein geiler Verein.“ Nein, zu diesem Tag hätten keine Verlierer-Tränen gepasst.
Was nicht heißt, dass es Union nicht versucht hätte. Die nur auf einer Position veränderte und zuletzt zweimal siegreiche Mannschaft – Mario Eggimann rückte wieder in die Innenverteidigung, Christian Stuff blieb draußen – übernahm zunächst die Initiative. Ein Schuss von Adam Nemec, der über das Tor strich, war der erste Wachmacher an diesem trüben und verregneten Nachmittag. (13.).
Konterchancen werden leichtfertig vertändelt
Schon vor der Pause fiel auf, wie leichtfertig die Eisernen – vor allem Benjamin Köhler – Konterchancen vertändelten. „Schlechte Pässe, falsche Laufwege“ attestierte Neuhaus seinen Schützlingen in diesem Zusammenhang. So lange es 0:0 stand, war das kein großes Problem.
Aber dann fiel überraschend das 1:0 für den FSV, der ebenfalls mit zuletzt zwei Siegen seinen schlechten Saisonstart korrigiert hatte. Nahe der Eckfahne kam Alexander Huber von rechts zur Flanke, und weil Freund und Feind den Ball verpassten, fiel er dem kleinen Matthew Leckie auf den Kopf. So kam der Australier zu einem eher seltenen Kopfball-Tor (40.).
Neuhaus wollte keinen Schuldigen benennen, fand aber, „dass es für uns immer dann gefährlich wird, wenn wir hinten viele sind. Das ist eine schlechte Organisation, daran müssen wir arbeiten.“ Eggimann, der wegen einer Sprunggelenksverletzung in den vergangenen vier Wochen gefehlt hatte, räumte er noch eine Schonfrist ein.
Rückstand nagt an Kapitän Mattuschka
Die Fans verkrafteten das 0:1 besser als die Spieler, ein trotziges „Kämpfen“ kam sofort aus dem Gäste-Block. Auch die Union-Anhänger, von denen gezählte 17 mit freiem Oberkörper dem verfrühten Herbsteinbruch trotzten, hätten einen Pokal verdient. An Mattuschka nagte das 0:1 am meisten, aus Frust über ein Foul schoss er den Ball nur Zentimeter an Schiedsrichter Benjamin Cortus (Röthenbach) vorbei und hatte Glück, dass er mit Gelb davon kam.
Union auch, denn nach zunächst furiosem Beginn der Frankfurter kamen die Berliner nach 58 Minuten zum zu diesem Zeitpunkt überraschenden Ausgleich. Und den hätte es ohne Kämpfer Torsten Mattuschka nicht gegeben. Während Gegenspieler Joan Oumari schon abgeschaltet hatte, weil er den Ball im Aus wähnte, schlug der Kapitän diesen noch nach innen.
„Der Ball war nicht aus. Und da habe ich meine Riesenschnelligkeit ausgespielt“, nahm er sich hinterher selbst auf die Schippe. Die Vorlage nahm der Kroate Damir Kreilach dankend auf und schoss eiskalt aus fünf Metern ein. Es war bereits das dritte Saisontor des „Sechsers“; der Kroate tut offenkundig mehr, als von ihm erwartet wird.
Der Fokus liegt bereits auf dem Heimspiel gegen St. Pauli
Und so scharten sich nach Abpfiff die Reporter um den schüchternen jungen Mann, der seine Interviews noch auf Englisch gibt. Brav gab er Auskunft, dass sein Torrekord bei bisher neun Toren stünde und dass es völlig egal sei, wer die Tore schieße. Wichtig sei jetzt das nächste Spiel gegen St. Pauli, „und ich glaube, dass wir das gewinnen“. Ähnliches war aus fast allen Spieler-Statements nach dem Punktgewinn beim Angstgegner zu hören.
Nur Uwe Neuhaus hielt nichts von der Herberger-Weisheit, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist. „Ich habe jetzt wirklich keine Lust, über St. Pauli zu reden“, beschied er einen Journalisten. Dabei haben sie den Fokus längst auf das kommende Heimspiel gerichtet. Am Montag trainiert die Mannschaft extra um 18.15 Uhr, um dann gemeinsam das Spiel des kommenden Gegners gegen Dynamo Dresden zu sehen.
dpa/sei





