Man muss nur hinschauen, das Funkeln in seinen Augen ist einfach nicht zu übersehen. Und die Vorfreude in seinen Worten nicht zu überhören. Dirk Zingler, der Präsident des 1. FC Union, steht oben im Gang der neuen Haupttribüne, zwischen den erst im Rohbau befindlichen Vip-Logen und den roten Klappsitzen, die frisch montiert auf die ersten Besucher warten.
„Ich freue mich schon auf den neuen Sound“, sagte der Klubchef und zeigt auf die neu installierte Lautsprecheranlage, „die Haare müssen da richtig hochkommen.“ An diesem Freitag um 16.30 Uhr ist es soweit, wenn das Stadion An der Alten Försterei zum Punktspielstart der Zweiten Liga seine Pforten öffnet. Und ab 18 Uhr gegen Aufsteiger SV Sandhausen die ersten Punkte des Jahres eingefahren werden sollen.
Spätestens dort oben im neuen Tribünengang, dem das Spielfeld, das der Unioner so gern „sein Wohnzimmer“ nennt, zu Füßen liegt, wird deutlich: Union gegen Sandhausen, das ist für diesen Klub mehr als ein ganz normales Fußballspiel. Viel mehr. Es ist der Moment, in dem sich die Köpenicker Kicker endgültig vom Image des Underdogs verabschieden.
Rolle des Underdogs mit Bravour gemeistert
Eine Rolle, die sie seit der Rückkehr ins Bundesliga-Unterhaus im Jahr 2009 so gern gespielt und mit Bravour gemeistert haben. Doch mit der Inbetriebnahme der 3617 neuen Sitzplätze, in letzter Konsequenz mit der im Sommer geplanten kompletten Eröffnung der Tribüne, hat sich der 1. FC Union unumstößlich in Liga zwei etabliert und ist bereit für den nächsten Schritt: die Bundesliga.
Union und die Bundesliga? Wer jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und laut aufschreit, dem sei gesagt: Es war kein Geringerer als der Union-Boss selbst, der wissen ließ: „Natürlich wollen wir auch mal in die Bundesliga aufsteigen.“ Das war vor gut einem Jahr, als die Planung der neuen Tribüne der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Dass Union dabei Schritt für Schritt voran geht, quasi sein eigenes Tempo gewählt hat, ist gleichermaßen weitsichtig wie sympathisch. „Für den Unioner hat die Art und Weise eine sehr hohe Priorität. Das war beim Stadionbau so, und das ist auch bei der Mannschaft so“, erklärte Zingler: „Wir entscheiden immer, was richtig ist für den Verein und was ihm hilft.“
Zwei Sterne für den Nachwuchs
Die Entscheidungen, die Zingler und Co. in den vergangenen Jahren getroffen haben, können so falsch nicht gewesen sein. Aus einem kränkelnden Verein in den Niederrungen der Oberliga mit einem baufälligen Stadion ist ein Profiklub im bezahlten Fußball geworden. Mit einem Nachwuchsleitungszentrum, das vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) gerade erst wieder mit zwei von drei möglichen Sternen zertifiziert wurde.
Mit Trainingsplätzen hinter dem Stadion, die endlich Profianforderungen genügen. „Wenn wir den Menschen hier im Stadion Fußball pur bieten wollen, dann müssen wir auch vernünftige Voraussetzungen bieten.“ Das gilt für die Tribüne ebenso wie für die Rahmenbedingungen, unter denen Trainer Uwe Neuhaus und die Mannschaft Tag für Tag arbeiten.
Es passt ins Bild und entspricht auch der Mentalität des Übungsleiters, wenn aktuell dennoch nur im stillen Kämmerlein von mehr geträumt werden darf als von Platz vier bis sechs. „Wir werden dieses Saisonziel auch nicht nach oben korrigieren“, sagte Neuhaus, „wir haben es auch nicht nach unten korrigiert, als wir zu Saisonbeginn im Tabellenkeller standen.“ Daran ändert auch die gute Ausgangslage nichts: Union liegt als Siebter nur fünf Punkte von Relegationsplatz drei entfernt. Mit einem Sieg gegen Sandhausen kann der Abstand sogar auf zwei Zähler verringert werden.
Das Saisonziel wird eisern verteidigt
Neuhaus beruft sich dabei auf Spitzenreiter Eintracht Braunschweig. „Die haben immer wieder das Erreichen der 40-Punkte-Marke als Ziel ausgegeben, obwohl sie seit Wochen da oben stehen. Keine Ahnung, wie die das geschafft haben“, sagte der Coach: „Deshalb werde ich unser Saisonziel weiter verteidigen.“ Denn auch das Team soll in eigenem Tempo zu einem Aufstiegskandidaten reifen.
Vielleicht ist es nicht zuletzt der Zustand seines Kaders, der beim Trainer jede noch so kleine Überlegung erstickt, vielleicht doch schon jetzt nach oben zu schielen. Schließlich plagen Björn Jopek, Christian Stuff und Daniel Göhlert Grippe und Fieber. „Ich hoffe zwar noch, aber unser Teamarzt sagt, dass von ihnen keiner am Freitag einsatzbereit sein wird“, sagte Neuhaus. Zudem kommen Silvio (Trainingsrückstand nach Sprunggelenksverletzung) und Felipe Gallegos (Nasenbeinbruch) nicht für einen Einsatz von Beginn an in Frage.
Dabei wäre es eminent wichtig, wenn die Einweihung des Außenbereichs der Haupttribüne mit einem Sieg gekrönt werden würde. Zumal Union noch eine Rechnung offen hat nach dem 0:2 Ende August vergangenen Jahres im Hardtwaldstadion. „Der SV Sandhausen hat damals mit seinem ersten Sieg im Profifußball etwas Historisches geschafft“, sagte Neuhaus, „eine Revanche ist geplant und auch erwünscht.“
Parensen übernimmt die Rolle des Sechsers
Damit dies gelingt, wird Michael Parensen die Lücke im defensiven Mittelfeld füllen, die Markus Karl mit seinem Weggang zum Ligadritten 1. FC Kaiserslautern hinterlassen hat. „Er wird auf Dauer den Sechser spielen“, legte sich der Trainer fest. Christopher Quiring könnte für Parensen ins linke Mittelfeld rücken, Baris Özbek die rechte Seite übernehmen. Diesen Part hatte der Winterzugang schon beim letzten Test in Braunschweig gespielt.
Apropos Özbek. Der Mittelfeldmann ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie sehr der sportlichen Leitung daran gelegen ist, die Qualität der Mannschaft weiter zu verbessern. Die ersten Eindrücke, die der ehemalige U21-Nationalspieler hinterlassen hat, waren nicht die schlechtesten. Und die Erfahrung, die der 26-Jährige mitbringt (91 Liga- und 28 Europacupspiele für Galatasaray Istanbul), war bislang nicht zu finden beim Zweitligisten.
„Wichtig ist, dass wir unsere Arbeit machen“, antwortete der Trainer auf die Frage, ob seiner Mannschaft nicht doch schon in dieser Spielzeit der Sprung auf Platz drei zuzutrauen ist. Getreu dem Motto: immer schön der Reihe nach.
Ende des gallischen Dorfes
Angesichts dieser Entwicklung und den speziell durch die Stadionmodernisierung geschaffenen Möglichkeiten wäre es geradezu fahrlässig, wenn sich Verein und Anhänger weiter in jenem „gallischen Dorf“ verstecken würden, das so gerne angeführt wird, wenn es darum geht, zunächst einmal Fußball-Berlin weiter zu erobern. Denn dass Union auch außerhalb Köpenicks seine Fans hat, steht außer Frage. 15.000 Tickets sind für das Sandhausen-Spiel bereits verkauft, 21.704 Zuschauer finden in der neuen Arena Platz. Kurzentschlossene werden also auch noch am Freitagabend Karten bekommen können.
Wenn Schiedsrichter Christian Bandurski aus Oberhausen dann die Partie gegen den Abstiegskandidaten aus der oberrheinischen Tiefebene anpfeift, so ist dieser Augenblick für den 1. FC Union nichts anderes als der Startschuss in eine neue Epoche. „Erfolgreich sein – das heißt ja auch, irgendwann oben an die Tabellenspitze anzuklopfen“, sagt Dirk Zingler. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.





