Man ist im Stadion An der Alten Försterei stets vorsichtig im Umgang mit Superlativen gewesen. Das gehört irgendwie auch zur Philosophie eines Klubs wie dem 1. FC Union. Beim Blick auf die neue Haupttribüne kann sich Dirk Zingler, der Präsident des Berliner Fußball-Zweitligisten, allerdings nicht mehr zurückhalten.
Warum auch, schließlich darf das, was der Verein in den vergangenen sechs Monaten erreicht hat, durchaus als außergewöhnlich bezeichnet werden. So hält Zingler nicht lange hinterm Berg, spricht von „einem Meilenstein für alle Unioner und die Fans, die Fußball pur mögen“.
Exakt 3617 Personen werden es an diesem Freitagabend (18 Uhr) sein, die erstmals ein Union-Spiel aus neuer Perspektive verfolgen können. Der SV Sandhausen ist die erste Gastmannschaft, die die neue Atmosphäre hautnah zu spüren bekommt.
„Den letzten Sitz werden wir wahrscheinlich erst um 16.25 Uhr anschrauben, fünf Minuten, bevor sich die Stadiontore öffnen“, sagte Zingler, „so war es auch bei der ersten Sanierungsetappe, da wurde auch erst kurz vor der Eröffnung die letzte Schweißnaht, die letzte Schraube gesetzt. Dieser Spannungsbogen treibt uns aber auch immer wieder an.“
Bis zuletzt an einem Projekt arbeiten, um es kurz vor Ende der Frist fertigzustellen – das ist ganz nach dem Geschmack der Köpenicker. „Was auf dem Rasen passiert ist, hat sich auch auf die Arbeiten übertragen“, erklärte der Klubchef. Der Teamgedanke wurde als höchstes Gut gepflegt, auf dem Platz und auf der Baustelle, ob bei Sonnenschein oder zweistelligen Minusgraden.
Nur fünf Punkte vom Relegationsplatz entfernt
Überträgt sich nun das beim Tribünenbau inzwischen Geleistete zurück auf die Mannschaft? Keine Frage, die neue Tribüne – selbst wenn sie derzeit erst im Rohbau zu bewundern ist – thront an der Alten Försterei schon jetzt wie ein Versprechen dafür, dass der Verein in naher Zukunft seinem Anhang auch einmal Bundesliga-Fußball bieten möchte.
Der Bau dürfte eine neue Euphorie entfachen, die durch die gute Ausgangsposition der Mannschaft zusätzlich befeuert wird. Fünf Punkte trennt Union nur von Relegationsplatz drei. Bei einem Sieg gegen Sandhausen und gleichzeitiger Niederlage des 1. FC Kaiserslautern gegen 1860 München am Montag wären es nur noch zwei Zähler.
Union und der Aufstieg – das ist der Moment, der die Klubführung stets auf die Euphoriebremse treten lässt. Ob mit der neuen Haupttribüne samt ihrer Vermarktungsmöglichkeiten auch die Erwartungen steigen, wurde Zingler gefragt. „So tickt ja der Unioner nicht. Viel eher freut er sich erst einmal darüber, was hier entstanden ist“, erklärte der Präsident.
Über die Baustelle zum Sitzplatz
Und in den kommenden Monaten wird jeder auch teilhaben können, wie der Innenausbau Stück für Stück voran geht. Denn wer zu seinem Sitzplatz möchte, muss durch die Baustelle laufen. „Das war eine bewusste Entscheidung von uns“, sagte Zingler, „die Menschen sollen teilhaben an dem Baufortschritt.“
Damit soll auch dokumentiert werden, dass man den unter Trainer Uwe Neuhaus eingeschlagenen Weg mit aller Konsequenz weitergehen will. Oder wie es der Klubchef bezeichnete: „Union ist kein Verein, der sich ausschließlich über das Ergebnis definiert.“ Was nicht heißen soll, dass man einen Sprung in die deutsche Eliteklasse nicht schon in diesem Sommer auch mitnehmen würde.
Nur dieses „auf Biegen und Brechen“ wird es nicht geben. „Wir sind auch deshalb so unkonventionell, weil wir frei in unseren Entscheidungen sind. Schließlich haben wir, wenn die Tribüne fertig ist, 25 bis 30 Millionen Euro an privaten Mitteln ins Stadion investiert“, sagte Zingler.
Sportlicher Ertrag wird erwartet
Dieses gewisse Maß an Unabhängigkeit will man sich an der Alten Försterei unter allen Umständen bewahren. Doch es war auch Zingler, der sagte: „Natürlich erwarten wir auch, dass sportlicher Ertrag entsteht, je mehr man in den Klub investiert.“
Die Mannschaft jedenfalls ist gespannt auf ihren ersten Auftritt vor der neuen Tribüne. „Das halbe Jahr ohne Haupttribüne habe ich mir eigentlich schlimmer vorgestellt“, sagte Kapitän Torsten Mattuschka: „Dass da so eine Lücke klaffte, war schon komisch. Aber Fans und Mannschaft haben das ganz gut hinbekommen. Es war nicht weniger Stimmung als sonst. Jetzt wird es noch schöner.“
Von Vereinsseite wurde im vergangenen halben Jahr alles getan, um die Atmosphäre im Stadion zum Punktspielstart 2013 zu verbessern. „Jetzt“, so Dirk Zingler, „geht der Ball wieder an den Trainer.“ Und die Mannschaft.





