Zweite Liga

1. FC Union Berlin - Ein Team auf der Suche nach sich selbst

Zurzeit ähnelt die Alte Försterei einer Krankenstation: Sechs Verletzte behindern die Entwicklung der Berliner. Die Folge: Ratlosigkeit.

Foto: GES/Helge Prang

Nur ein Punkt aus vier Zweitliga-Partien, Relegationsplatz 16, ein volles Krankenlager – fragt mein beim 1. FC Union derzeit nach der allgemeinen Befindlichkeit, so erhält man immer die gleiche Antwort: Das hatten wir uns sicherlich anders vorgestellt. Platz fünf bis sieben peilt der Fußball-Klub aus Köpenick an, eine Zone, die jedoch jetzt schon fünf Punkte entfernt ist. Das sorgt nicht nur für Ratlosigkeit in der Mannschaft, sondern behindert sogar deren Entwicklung.

Union im September 2012 – das ist ein Team auf der Suche nach sich selbst. Ein Team, das die Evolution vollziehen soll, weg von einer Kämpfertruppe hin zu einem spielstarken Zweitligisten. Union will zu einem ständigen Gast im oberen Tabellendrittel werden, verbunden mit dem Wunsch, es mittelfristig doch einmal in die Bundesliga zu schaffen. Insofern ist der eingeschlagene Weg ohne Zweifel der richtige. Gerade im Lokalderby gegen Hertha BSC (1:2) wurde deutlich, dass Kampf und Leidenschaft allein nicht ausreichen, um den Spitzenteams der Zweiten Liga Paroli bieten zu können. Nicht dass der Bundesliga-Absteiger in der Alten Försterei nun fußballerisch brilliert hätte. Doch in den entscheidenden Momenten fanden die Herthaner sehr oft spielerisch eine Lösung. Union nicht. Wenn dann auch noch „Fehler brutalst bestraft werden“, so Trainer Uwe Neuhaus, wird jeder Keim, aus dem einmal technische Qualität entspringen könnte, sofort erstickt.

Auch Silvio und Quiring nicht fit

Es ist nicht wirklich neu, dass die Köpenicker die Spielqualität erhöhen wollen. Schon in der Rückrunde der Vorsaison ließ Neuhaus die Seinen höher verteidigen – also den Gegner nicht erst am eigenen Strafraum stoppen, sondern bereits dessen Aufbau nach Möglichkeit an der Mittellinie stören. Der Erfolg war durchwachsen, der Anfang jedoch gemacht. Dass es nun nicht wie gewünscht weitergeht, liegt zum einen daran, dass die Alte Försterei derzeit eher einem Lazarett gleicht.

Michael Parensen (Haarriss in der linken Wade), Torsten Mattuschka (Schultereckgelenkprellung), Luis Gallegos (Muskelfaserriss) und seit dem Test gegen die eigene U23 (6:0) auch noch Christopher Quiring (Pferdekuss) und Silvio (Sprunggelenk) sind derzeit nicht einsatzbereit oder nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Bereits 19 Spieler musste der Trainer einsetzen. Ein Einspielen ist da nicht möglich. Kommen dann noch taktische Veränderungen hinzu, die – wie beim 0:2 in Sandhausen geschehen – nicht greifen, nimmt die Verunsicherung in allen Mannschaftsteilen weiter zu. Dass Neuhaus deshalb zur Ruhe mahnt, ist nachvollziehbar: „Es bringt ja jetzt nichts, auf die Mannschaft einzuschlagen. Viel mehr müssen wir an den Teamgeist appellieren.“

In dieser Situation überrascht es schon, dass einer der besten Techniker im Lager der Unioner gegen Hertha nicht einmal im Kader stand: Tijani Belaid. Der in der vergangenen Winterpause ausgeliehene Tunesier wurde mit einem Vertrag bis 2013 ausgestattet und durfte auch in den ersten beiden Saisonspielen ran. Doch seit Konkurrent Mattuschka wieder richtig fit ist, ist von Belaid nichts mehr zu sehen. Verletzt ist der Spielmacher jedoch nicht. Gegen das eigene Regionalliga-Team durfte er 90 Minuten spielen, erzielte sogar einen Treffer. Nachvollziehbar, schließlich wird er am Freitag beim Tabellenzehnten FC Ingostadt (18 Uhr) wegen des verletzungsbedingten Ausfalls von Kapitän Mattuschka auch gebraucht.

Das Problem: Um aus dem Tabellenkeller wieder herauszukommen, bedarf es vor allem jener Tugenden, mit denen man Union bislang zuvorderst in Verbindung gebracht hat: Kampf, Einsatz, Leidenschaft. All das verkörpert Belaid wenig bis gar nicht. Fakt ist: Eines der beiden nächsten Spiele – am Freitag in Ingolstadt oder sieben Tage später gegen den 1. FC Köln – muss zwingend gewonnen werden, sonst verliert Union völlig den Anschluss. Dass dies im Hinblick auf die Entwicklung der Mannschaft einen Rückschritt bedeuten würde, versteht sich von selbst.