Lokalderby

1. FC Union fordert Hertha zum Kampf der Kulturen heraus

Sechs Tage vor dem Derby gegen Hertha zeigen die Köpenicker, dass dieses Duell kein Spiel wie jedes andere ist. Mittels T-Shirt und Schal.

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Der Countdown läuft. Noch sechs Tage, dann steigt auf der Baustelle Alte Försterei das Berliner Derby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC. Das Stadion ist mit 16.750 Zuschauern seit Wochen restlos ausverkauft. Die Mannschaften haben am Montag nach einem freien Sonntag mit den Vorbereitungen für die Partie auf unterschiedliche Weise begonnen. Union ließ die Muskeln spielen bei einer Athletik-Einheit in der Pyramide, einem Fitness-Studio in Marzahn. Hertha bat seine Spieler am Montagnachmittag zur lockeren Übungseinheit mit Gymnastik und Laufen auf den Schenckendorffplatz.

Normalität also vor dem dritten Pflichtspielduell der beiden besten Fußballmannschaften aus der Hauptstadt. Zumindest auf den ersten Blick. Denn dass Union gegen Hertha eben kein Spiel wie jedes andere ist, machen die Rot-Weißen aus Köpenick seit Montag deutlich. Mittels T-Shirt und Fanschal eröffnet Union den Kulturkampf. Und lässt zunächst fragende Gesichter zurück. Kulturkampf? Ist damit tatsächlich jener Konflikt zwischen dem westlichen und dem islamischen oder chinesischen Kulturkreis gemeint, den der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington vor knapp 20 Jahren zunächst in einem Zeitschriften-Artikel beschrieben und später auch in einem Buch genauer ausgeführt hat? Oder geht es vielleicht doch eher um die Auseinandersetzung zwischen dem Königreich Preußen und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. Ende des 19. Jahrhunderts, in der es um die Trennung von Staat und Kirche ging? Und welche Rollen nehmen dann die beiden Berliner Klubs, Union und Hertha, ein?

Mit einem Augenzwinkern

Nun, Union in der Rolle eines Königreichs, das für ein Ende der bestehenden Verhältnisse kämpft, mag zwar für den einen oder anderen Anhänger der Köpenicker durchaus reizvoll sein. Doch im Endeffekt geht es – wenn auch auf einer leicht überhöhten Ebene – nur um Fußball. Der Klub selbst sieht die Brisanz, die in dem Derby liegt, dem Umstand geschuldet, „dass unterschiedliche Auffassungen von Fußballkultur aufeinandertreffen“, wie es auf der Homepage heißt. Hier das Konzept „Fußball pur“ im reinen Fußballstadion in der Wuhlheide, wo noch nicht alles, was sich rund um das Spiel ereignet, von einem Sponsor präsentiert wird, wo man – wenn es nach dem Wunsch vieler alteingesessener Fans geht – lieber unter sich bleiben möchte. Dort, in Neu-Westend, die Sehnsucht nach dem großen Fußball im großen Olympiastadion, nach Dortmund und Bayern statt Duisburg und Aalen als Gegner, nach der Rückkehr in die Bundesliga, die entsprechend finanziert werden muss.

Bei Union sieht man darin die konsequente Weiterführung der Aktion aus dem ersten Derby an der Alten Försterei. An jenem Freitagabend im September 2010 fragten die Union-Fans mit Hilfe einer Choreografie „Fußballkultur nimmt ihren Lauf, auf welchen Zug springst du nun auf“ und ließen dabei zwei Transparente, gestaltet wie S-Bahn-Züge, durch die Reihen fahren. „Fußball pur bedeutet ja nicht, dass es keine Fanartikel geben darf“, erklärte Union-Sprecher Christian Arbeit: „Es ist ein Angebot, und wer es mag, kann es kaufen, genau wie ein Trikot oder eine Bratwurst im Stadion. Aufgedrängt wird es niemandem.“ Auch ob der Fallhöhe bei der Wahl des Begriffes bleibt man in Köpenick entspannt. „Da darf man gerne auch ein kleines Augenzwinkern mitlesen“, sagte Arbeit und erinnert an das legendäre Zitat des früheren Liverpooler Trainers Bill Shankly: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“

Die Spannung steigt

Wenn man so will, nahm der Kulturkampf sogar schon vor dem ersten Derby Konturen an. Damals hatte sich Union-Präsident Dirk Zingler massiv darüber beschwert, dass Hertha die Miete für das Olympiastadion gestundet bekam, derweil sein Klub praktisch um jede Zuwendung betteln müsse. Das neue T-Shirt wurde jedenfalls bereits wenige Minuten nach Veröffentlichung heiß diskutiert. Und zwar in beiden Fanlagern. So ließ User „f.a.y.“ auf immerhertha.de, dem Internet-Blog der Berliner Morgenpost, wissen: „Lustig, dass ausgerechnet der kultige Anti-Kommerz-Verein Shirts und Schals zu jedem Derby verkauft.“ „schönling“ meinte: „Kultur in Verbindung mit Fußball zu verwenden, ist schon Witz genug.“ Und „Freddie1“ hält es „nicht nur für albern, sein angebliches ‚Anderssein' zu betonen, sondern auch für gefährlich, die Stimmung so anzuheizen“. Doch es gab auch positive Reaktionen, dahingehend, dass Union wenigstens ein wenig Kreativität vor dem Derby zeige, Hertha nicht.

Kurios: Selbst im Union-Forum wurde die Aktion durchaus kritisch beäugt. „der hönower“ fragte: „Brauchen wir solche Wagner-haften Selbstdarstellungen? Weniger ist manchmal mehr!“ Für „DonnersDach“ sind „vermutlich die unterschiedlichen Spielkulturen gemeint (kurze Ecke versus lange Ecke) oder aber die Trinkkulturen (Limo versus Bier).“ Es sei fraglich, „ob man auf die kleinen Unterschiede (auf die wir Unioner zu recht stolz sein können) bei jeder sich bietenden Gelegenheit hinweisen muss“. Einen Verbesserungsvorschlag gab es von „Mineiro“: „Wenn man so auf die Tabelle der 2. Liga guckt, dann wäre wohl ‚Abstiegskampf' treffender gewesen als ‚Kulturkampf'. Dann hätte man das Shirt und den Schal auch mehr als einmal (ggf. zum Rückspiel nochmal) anziehen und verwenden können.“ So bliebe es jedoch „eine eher fragwürdige Merchandising-Aktion mit nicht ganz billigen Einmalprodukten“. Bedenken, die durchaus nachvollziehbar sind. „Dagegen ist auch gar nichts zu sagen. Union ist doch nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen – das wäre ja furchtbar“, so Arbeit.

Und wie reagiert Hertha BSC? Beim Bundesliga-Absteiger nimmt man den Kulturkampf gelassen hin – indem man dazu nichts sagt. Die Spannung auf das Lokalderby wird dennoch weiter steigen. Noch sechs Tage. Der Countdown läuft.