Karim Benyamina

Unions verstoßener Sohn kehrt zurück

Sechs Jahre spielte Karim Benyamina für Union Berlin und wurde in dieser Zeit zum Rekordtorschützen und Publikumsliebling. Am Sonnabend kehrt er als Angreifer des FSV Frankfurt in die Alte Försterei zurück - und wird bei einem Tor auf jeden Fall jubeln.

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Die Ovationen wollten gar nicht mehr aufhören. Immer wieder hatten die Zuschauer in der Alten Försterei den Gesang angestimmt, dass es dem so Geehrten schlicht und ergreifend die Tränen in die Augen trieb. Die Mitspieler hatten ihn auf ihren Schultern durch das Stadion getragen. Seine Gefühle wollte Karim Benyamina an jenem Sonntag im April auch gar nicht verbergen, zu sehr schmerzte die Erkenntnis, dass er seinen Klub, seinen 1.FC Union, am Saisonende verlassen muss. Wenige Tage vor der Huldigung hatte ihm der Klub mitgeteilt, dass er, der Stürmer, der Wochen später als Rekordtorschütze in die Historie des Berliner Fußball-Zweitligisten eingehen sollte, keine Rolle mehr spielen würde.

Es liegt in der Natur des Fußballs, dass ein Wiedersehen oft schneller zustande kommt als im normalen Leben. Benyamina wechselte zu Saisonbeginn zum FSV Frankfurt – und rückt am Sonnabend mit seinem neuen Klub bei seiner alten Liebe Union zum Kräftemessen an (13 Uhr, Alte Försterei). „Im Fußball läuft das halt so“, kommentierte er jene Wochen im Frühjahr, in denen die Erkenntnis erst reifen musste, dass er nach sechs Jahren bei Union nicht nur den Klub, sondern auch die Stadt würde verlassen müssen, nach schließlich 212 Einsätzen und 87 Toren.

„Karim ist ein fester Bestandteil der erfolgreichen Geschichte des 1. FC Union Berlin“, unterstrich sogar Union-Präsident Dirk Zingler die Bedeutung des Deutsch-Algeriers für die Berliner. Das Trikot mit der Nummer 22, das Benyamina jahrelang getragen hatte, wird nicht mehr vergeben. Jedenfalls so lange nicht, bis jemand kommt und den eisernen Torrekord knackt. Das wird wohl noch ein Weilchen dauern, denn Torsten Mattuschka, Benyaminas ärgster Verfolger in Unions ewiger Torjägerliste, bringt es derzeit auf lediglich 45 Treffer. Dennoch stellte Zingler klar, dass es keine Geschenke für die Gäste geben werde. „Benyamina ist ein Spieler des FSV Frankfurt. Wir können uns gerne nachher in den Armen liegen, aber vorher wird er bekämpft“, sagte der Union-Boss.

Einer, dem diese Aufgabe zukommen wird, ist Christian Stuff. Unions Innenverteidiger weiß, was auf ihn wartet, sollte Benyamina von Beginn an auflaufen. „Er ist natürlich schnell, schießt auch gerne mal unerwartet. Wie im Hinspiel gegen uns, da ist ihm ein Sahnestück gelungen“, erinnert sich der Abwehrspieler an den Saisonauftakt am Bornheimer Hang, als Benyamina einfach mal abzog und zum 1:1-Endstand traf. „Er macht schon manchmal ganz komische Sachen, deshalb müssen wir immer auf der Hut und konzentriert sein. Aber ich bin ja nicht der Einzige da hinten“, erklärte Stuff, wohl wissend um die Abläufe des Angreifers im Spiel: „Er weiß aber auch, wie ich verteidige.“

Jubel bei eigenem Treffer

Für Benyamina bleibt Angriff die beste Verteidigung. Ja, er werde durchaus jubeln, sollte ihm am Sonnabend ein Treffer gegen Union gelingen. Schließlich habe er für seinen neuen Arbeitgeber „noch nicht die Tore gemacht, die ich mir vorgenommen habe“. Eine konkrete Zahl nennt Benyamina nicht, doch mehr als die drei Tore, die er bislang für den FSV Frankfurt erzielt hat, wird er sich sicher vorgestellt haben. Insofern steht die Hinrunde des Karim Benyamina auch sinnbildlich für die der Frankfurter, die sich ohne Zweifel mehr ausgerechnet hatten, als mit mageren 14 Zählern im Kampf um den Klassenerhalt zu stecken. „Wir haben eine super Truppe, uns fehlen nur die Punkte“, sagt Benyamina, der den Trennungsschmerz längst überwunden hat und sich in Frankfurt „sehr wohl“ fühlt.

Zumal bei allen Erfolgen Benyaminas für Union in den vergangenen Jahren festzuhalten bleibt, dass er an der Alten Försterei zumindest sportlich nicht wirklich vermisst wird. Union spielt derzeit so attraktiv wie noch nie, hat mit Silvio einen Akteur in den Reihen, der mit bislang fünf Treffern schon längst aus dem Schatten des langjährigen Publikumslieblings getreten ist. Bei aller Wiedersehensfreude ist Unions Trainer dennoch darauf bedacht, dass seine Spieler die Partie nicht auf die leichte Schulter nehmen. „Der FSV bleibt ein spielstarkes Team“, sagte Uwe Neuhaus. Und: „In den Derbys brauchte ich meine Mannschaft nicht großartig zu motivieren. Doch die Ausgangslage ist jetzt eine andere: Wir sind der Favorit, jeder erwartet einen Sieg von uns.“ Neuhaus sieht in Macauley Chrisantus, mit sieben Toren bester Stürmer des FSV, jemanden, auf den die Seinen achten müssten, „und Karim dürfen wir dabei natürlich auch nicht vergessen“. Ja, ausgerechnet Benyamina, Unions im Sommer verstoßener Sohn, könnte den Jahresausklang der Köpenicker vor heimischer Kulisse gehörig versalzen. „Ich gönne Union alles, aber nicht den Sieg am Sonnabend“, so Benyamina.

Die Fans werden ihren Aufstiegshelden – mit Benyamina gelang Union der Weg aus der Oberliga über die Regionalliga und die Dritte Liga zurück in den Profifußball – dennoch ausgiebig feiern. Wenn auch vielleicht nicht so enthusiastisch wie damals, an jenem Sonntag im April, als Benyaminas Abschiedstour aus Berlin begonnen hatte. Die Partie vor acht Monaten hatte Union übrigens mit 2:0 gewonnen. Gegner seinerzeit: der FSV Frankfurt.