Heimspiel gegen Fürth

Union sehnt sich nach einem Erfolgserlebnis

Der 1. FC Union hofft, eine chaotische Woche mit einem Heimspiel-Sieg am Samstag gegen Greuther Fürth zum Guten zu wenden. Vom neuen Offensivschwung ist bisher allerdings noch nicht viel zu sehen. Trainer Neuhaus hofft "auf die Kulisse".

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Dem 1. FC Union eine komplett unproblematische Vorbereitung auf das erste Heimspiel der Saison 2011/12 zu bescheinigen, wäre in etwa so realitätsfern, als würde man den Anstieg nach Alpe d'Huez bei der Tour de France als einen kleinen Hügel bezeichnen, der ohne größere Anstrengung auch mit einem handelsüblichen Klappfahrrad bewältigt werden kann. Zu gegenwärtig und zu ernst waren die Themen, mit denen die Mannschaft des Berliner Fußball-Zweitligisten vor, während und nach den Trainingseinheiten konfrontiert wurde.

Am heutigen Samstag ab 15.30 Uhr (hier im Live-Ticker von Morgenpost Online) ist in der Alten Försterei nur eines wichtig: ein Sieg gegen die SpVgg Greuther Fürth. Den zu schaffen, wird an sich schwer genug. Schon in der Vorsaison setzte es nach einem Remis auswärts eine Heimniederlage gegen die Franken, der Start war verpatzt. Genau diesen Fehlstart gilt es zu verhindern. Schon um die Woche, die für Union alles andere als positiv verlaufen ist, mit einem Erfolgserlebnis abzuschließen.

Folgende Fragen gilt es zu klären: Können die Spieler die Ereignisse der vergangenen Tage um die Tätigkeit des Klubchefs Dirk Zingler im Stasi-Wachregiment „Felix Dzierzynski“ vollständig ausblenden? Welche Spuren hat der Strafbefehl bei Torwart Marcel Höttecke hinterlassen, der wegen Beleidigung von Polizeibeamten und Urinierens gegen einer Häuserwand eine Geldstrafe von insgesamt 16.150 Euro zahlen soll? Und kann die Mannschaft jene Fehler abstellen, die zum Auftakt beim FSV Frankfurt fast noch zu einer Niederlage geführt haben?

Vorkommnisse ausblenden

Legt man die Aussagen der Spieler zu Grunde, dann hat der „Fall Zingler“ keine Spuren beim kickenden Personal hinterlassen. Sicherlich habe man die Geschehnisse zur Kenntnis genommen. „Doch es ist ganz wichtig, dass wir uns aufs Spiel konzentrieren. Alles andere sollten wir ausblenden“, sagte Verteidiger Patrick Kohlmann. Dennoch wird es interessant sein zu beobachten, ob und in welcher Form die Spieler auf die zu erwartenden Fan-Aktionen pro oder contra Zingler reagieren werden.

Schmähungen irgendwelcher Art durch Anhänger der gegnerischen Mannschaft fürchtet Unions sportliche Abteilung jedenfalls nicht. Rufe wie „Stasi-Klub“ würden sofort im Keim erstickt, zu stimmgewaltig sei der eigene Anhang, als dass Gästefans in Erscheinung treten könnten. Nun stehen die Fürther sicherlich auch nicht in dem Verdacht, die Stadien bei Auswärtspartien mit Tausenden von Mitreisenden zu füllen.

Genau hinschauen wird man auch bei allen Aktionen, an denen Marcel Höttecke beteiligt ist. Einen Strafbefehl gilt es erst einmal wegzustecken, erst recht, wenn man sich als unschuldig betrachtet. Der 24-Jährige, der sich nicht zu den Ereignissen jener Nacht des 16. November 2010 äußern will, wird gegen den Strafbefehl Einspruch einlegen. Höttecke wird damit um ein Gerichtsverfahren nicht herum kommen. Diese Gedanken gilt es jedoch auszublenden, will der 1,99-Meter-Mann nicht auch gegen Fürth hinter sich greifen müssen. Nicht umsonst warnt Coach Neuhaus vor der „Spielintelligenz und der quirligen Spielanlage“ der Gäste.

In den Übungseinheiten nach Bekanntwerden seines Fehltritts präsentierte sich Höttecke jedenfalls selbstbewusst wie eh und je. Klare Kommandos an seine Vorderleute, dazu einige Klasseparaden in den Trainingsspielen und der Rückhalt des Trainers („Er wird in jedem Fall spielen“) – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wollte Höttecke jetzt erst recht beweisen, warum er die Nummer eins im Union-Tor ist.

Kompaktheit und spielerisches Vermögen

Bleiben die Fehler von Frankfurt. Es kommt nicht von ungefähr, wenn der Trainer bereits nach dem ersten Spiel Alarm schlägt. „So wie wir uns in der zweiten Halbzeit präsentiert haben, gewinnen wir kein Spiel mehr“, hatte Neuhaus bilanziert. Fakt ist: Vom erhofften neuen Offensivschwung war nicht wirklich viel zu sehen. Zwar lief der Ball eine Halbzeit lang ganz gefällig, richtig gefährlich wurde es vor des Gegners Tor aber nur zweimal. Neuhaus: „Wir haben zu wenig Fußball gespielt.“ Freistöße in Höhe der Mittellinie wurden planlos nach vorne geschlagen, „so will ich nicht Fußball spielen, das hat auch keiner angeordnet“. Auch vor dem Tor muss gegen Fürth mehr passieren als in Frankfurt. Seine Mannschaft solle „Kompaktheit und spielerisches Vermögen“ an den Tag legen. Gut möglich, dass Neuhaus deshalb mit zwei Stürmern – Simon Terodde und Silvio – spielen lässt. In Frankfurt hing Terodde jedenfalls über weite Strecken in der Luft, Silvio ging im Mittelfeld zunehmend unter. „Wir spielen ja in der Zweiten Liga, da können wir jetzt nicht im Drei-Minuten-Takt hundertprozentige Torchancen erwarten.“ Mehr als zwei allerdings schon, selbst wenn der Gegner nach seiner unglücklichen Auftaktniederlage gegen Eintracht Frankfurt – nach einer 2:0-Pausenführung ging die Partie noch mit 2:3 verloren – unbedingt die ersten Zähler holen will.

Rund 15.000 Zuschauer erwartet

Für den 1. FC Union wird die Partie in jedem Fall richtungsweisend sein. Setzt es eine Niederlage, steht der Klub sechs Tage später in der ersten DFB-Pokalrunde beim Regionalligisten Rot-Weiss Essen noch mehr unter Druck als ohnehin schon. Das Warten auf das erste Erfolgserlebnis der Spielzeit ginge weiter. Gelingt jedoch ein Sieg, werden die zahlreichen Negativschlagzeilen der vergangenen Tage zunächst in den Hintergrund treten. Und die Mannschaft wird gestärkt aus dem Saisonstart hervorgehen.

Rund 15.000 Zuschauer, darunter auch die 5302 Dauerkartenbesitzer (Rekord), werden wohl Zeuge des ersten Union-Heimauftritts in einem Pflichtspiel 2011/12 werden. Am Sonnabendnachmittag, zur traditionellen Anstoßzeit. „Ich hoffe auf die Kulisse“, sagte Neuhaus, „damit der ganze Müll, der momentan über uns ausgeschüttet wird, wieder in den Hintergrund rückt.“ Die Mannschaft ist aufgefordert, dazu beizutragen.