Ein bisschen sah es so aus, als wolle er unerkannt bleiben. Mit einer dunklen Wollmütze auf dem Kopf kehrte Torsten Mattuschka vom Auslaufen aus dem Wald zurück, er war am Sonntag einer der wenigen Spieler des 1. FC Union, der sich so gegen die vermeintliche Kälte schützte – dabei war es nun wahrlich warm genug. Doch nach Verstecken war Mattuschka gar nicht zumute, im Gegenteil. Ungefragt steuerte der Kapitän auf die wartenden Reporter zu. Er wusste: Er muss da noch was klären. Alles andere wäre auch nicht seine Art gewesen.
Am Tag zuvor war er im Spiel beim FSV Frankfurt (1:2) Hauptdarsteller der spielentscheidenden Szene gewesen: Frei vor dem Frankfurter Tor hatte er zu lange gezögert, bis der Ball schließlich verloren war. Im Gegenzug erzielten die Frankfurter den Siegtreffer. Am Sonntag nun sagte Mattuschka: „Ich nehme das auf meine Kappe. Ich weiß, dass ich den reinmachen muss, da muss mir der Trainer nichts mehr zu sagen.“ Das hatte Uwe Neuhaus aber getan, sowohl am Sonntag vor dem Training als auch in Frankfurt, als er sich so richtig in Rage redete und – immerhin gegen seinen Kapitän – wetterte: „Wenn ich frei vor dem Tor stehe, dann versuche ich das Ding rein zu machen und nicht noch 'nen Haken und noch 'nen Haken. Durch solche Dinge werden Spiele entschieden, das kann ich nicht akzeptieren.“
Am Sonntag nun klang der Trainer schon wieder versöhnlicher. Mattuschka müsse nicht alle Schuld auf sich nehmen, so Neuhaus, das sei dann doch übertrieben. Aber: „Ich finde es grundsätzlich gut, dass er so etwas sagt. Wenn er die Schuld bei anderen suchen würde, wäre es zu wenig Selbstkritik“. So aber hatte Neuhaus einmal mehr das erreicht, was er nun schon seit Saisonbeginn erfolgreich durchzieht: Er stellt sich vor die Mannschaft, kritisiert selten Einzelspieler in der Öffentlichkeit. Nur eben in ausgewählten Fällen wählt er deutlichere Worte, immer dann, wenn er wachrütteln will. Das war so, als er nach der Niederlage in Paderborn der gesamten Mannschaft Versagen vorwarf. In der Folgewoche lief das Training so konzentriert wie lange nicht. Den gleichen Effekt erzielte Neuhaus, als er sich nach dem Spiel in Osnabrück Karim Benyamina zur Brust nahm – seither trifft er wieder und wurde sogar erstmals in die algerische Nationalmannschaft berufen.
Cleverness vor dem Tor fehlt
Nun also Mattuschka. Neuhaus weiß, dass sein Kapitän selbstbewusster ist als so manch anderer Spieler. Einem John Jairo Mosquera hätte er öffentlich sicher nicht eine solche Kritik an den Kopf geworfen. Dennoch war das Bemühen am Sonntag spürbar, vermeintliche Wogen wieder zu glätten. „Ich habe mich deshalb so aufgeregt, weil im Training gerade letztens erst ein anderer Spieler genauso lange gezögert hat, bis er schließlich mit dem Rücken zum Tor stand“, erklärte Neuhaus. Und überhaupt wollte er seine Kritik nicht falsch verstanden wissen: Er habe Mattuschka ja insgesamt eine wirklich gute Leistung bescheinigt.
Und so landeten alle Beteiligten am Sonntag dann wieder schnell bei der Frage: Was ist nur los in Unions Offensive, wenn selbst der Kapitän nicht die Ruhe für einen geplanten Abschluss findet? „Vielleicht fehlt uns vor dem Tor die Cleverness, vielleicht auch ein bisschen die Qualität, den Todesstoß zu setzen“, vermutet Mattuschka, und dass die wohl wiederkommen würde, stünden erst einmal ein paar Punkte mehr auf dem Konto. „Das zieht sich jetzt schon wie ein roter Faden durch die ganze Saison“, sagt Mattuschka. Sieben oder acht Punkte seien laut dem Kapitän durch vergebene Chancen liegengelassen worden.
Viel Zeit, um über die Niederlage und nachzudenken, bleibt ihnen allerdings nicht bei Union. Schon am Freitag geht es in der wichtigen Partie gegen Fortuna Düsseldorf weiter. Mattuschka jedenfalls hat seine eigene Rechnung aufgemacht: „Wenn wir drei Spiele gewinnen, haben wir bis Weihnachten 21 Punkte“, rechnet er vor. Dafür sollte aber auch er sich am Freitag wieder treffsicherer präsentieren.




