Am Ende gab es kein Halten mehr. Auf Knien rutschte Karim Benyamina der Tribüne entgegen, die Hände zu Fäusten geballt. Trainer, Teammanager, Ersatzspieler, kurzum alle waren von der Ersatzbank aufgesprungen, tanzten auf dem Rasen des Stadions an der Alten Försterei. Alles versank in ohrenbetäubendem Jubel der 14.168 Zuschauer, die mit ihrem 1. FC Union mitgefiebert, mitgebangt hatten. Und von der Mannschaft belohnt wurden, mit einem 2:1 (1:1) gegen Rot-Weiß Oberhausen. Dank Benyaminas Doppelpack, mit dem zweiten Treffer in der allerletzten Sekunde als Krönung. „Jetzt weiß ich auch, wie sich Augsburgs Stephan Hain gefühlt hat – ein geiles Gefühl“, sagte der Siegtorschütze. Vor gut zwei Wochen hatte Union bei den Schwaben durch ein Last-Minute-Tor noch verloren, gestern Nachmittag erlebte der Berliner Fußball-Zweitligist die andere Seite.
Der Moment der Entscheidung, rund 90 Meter vom Ort des Geschehens entfernt: Vor dem anderen Tor konnte auch der Torwart der Köpenicker nicht mehr an sich halten. Man konnte fast schon spüren, welche Last von Marcel Höttecke gefallen war. Marcel Höttecke, nicht Jan Glinker. Trainer Uwe Neuhaus hatte sich dafür entschieden, dass die Nummer eins eine Auszeit bekommen sollte. Die ganze Woche habe er sich mit der Entscheidung herumgequält, erzählte der Coach: „Doch wenn ich ihn jetzt nicht bringe, kann ich ihn auch gleich verbrennen“, gab Neuhaus Einblick in sein Seelenleben. Später begründete der Trainer seine Entscheidung für einen Wechsel zwischen den Pfosten wie folgt: „Glinker hat in den vergangenen Spielen drei haltbare Bälle durchgelassen. Höttecke hat schon mit den Hufen gescharrt.“ Und da der Glinker-Herausforderer gut trainierte, „hatte er seine Chance verdient“. Eine Chance, die ihm der Coach nach dem Abschlusstraining am Samstag offenbart hatte; Glinker wurde die Entscheidung erst beim obligatorischen Spaziergang gestern Vormittag mitgeteilt.
Doch hat Höttecke sie auch nutzen können? Die Partie gegen Oberhausen war sicherlich keine, in der sich ein Torwart auszeichnen konnte. Zu überlegen agierten die Berliner, zu wenig kam auf Hötteckes Tor. Die erste Aktion nach 14 Minuten, eine Kopfball-Rückgabe von Christian Stuff, nimmt Höttecke sicher auf, zwei Minuten später fängt er eine Flanke ab. Nur einmal, nach 64 Minuten, musste er in höchster Not eingreifen: Eine Fußabwehr verhinderte einen erneuten Rückstand durch Heinrich Schmidtgal. „Ich hatte ein gutes Gefühl. Wer gut trainiert, kann auch gut spielen“, sagte Höttecke nach seinen 90 Premieren-Minuten für Union. Auch der Trainer bescheinigte dem 1,99-Meter-Mann eine gute Leistung: „Wenn man den Torwart wechselt, besteht ja immer die Gefahr, dass der zweite Mann auch patzt. Doch das war nicht der Fall. Sonst stünde man wieder vor dem gleichen Problem.“
Gepatzt hat Höttecke sicherlich nicht. Beim Gegentreffer durch Oberhausens Felix Luz (30.) sah der Keeper dennoch unglücklich aus. „Er trifft den Ball optimal“, beschreibt der Torwart die Szene, in der das Spielgerät aus 22 Metern ins obere Eck fliegt. Der Rückstand war ebenso ärgerlich wie unnötig. Es war das alte Leid: Union nutzte seine Torchancen nicht. Chinedu Ede (8./21.), Stuff (11., an die Latte/27.), Paul Thomik, der frei auf RWO-Torhüter Sören Pirson zuläuft und hängen bleibt (30.) – Union hätte gut und gerne 4:0 führen können. Doch erst Benyamina brachte Union durch seinen überlegten Lupfer nach Vorarbeit von Kapitän Torsten Mattuschka wieder ins Spiel (43.).
„Nach dem Wechsel waren wir nicht mehr ganz so dominant“, bilanzierte Neuhaus: „Aber wir haben bis zum Ende an den Sieg geglaubt.“ Auch wenn dieser kurz vor Schluss kaum noch möglich gewesen wäre, hätte der eingewechselte Oberhausener Ronny König nicht nur an den Pfosten geköpft (87.). „Wir wollte die drei Punkte unbedingt behalten“, sagte Benyamina. Und als die Oberhausener am Spielfeldrand schon den vermeintlichen Punktgewinn feierten, nutzte Algeriens künftiger Nationalspieler die letzte Unachtsamkeit in der RWO-Abwehr und vollendete die Vorlage von Patrick Kohlmann, indem er erst Pirson ausspielte und dann einschob (90.+2). Die Party konnte beginnen.




