Den größten Teil des Spiels hatte Uwe Neuhaus angelehnt an eine Wand der Ersatzbanküberdachung verbracht. Lässig sah das von Weitem aus, ganz so, als ob ihn das Geschehen auf dem Rasen gar nichts anginge. Doch in ihm brodelte es so vor sich hin, natürlich. Mehr als ein Jahr hatte seine Mannschaft auswärts nicht gewonnen, und als dann die letzte Viertelstunde anbrach im Spiel seines 1. FC Union, da packte es auch Neuhaus. Mit den Armen vor der Brust verschränkt marschierte er plötzlich durch die Coachingzone, offenbar hatte er selbst noch Angst, dass wieder in letzter Sekunde etwas schief gehen könnte. Doch das geschah am Freitag nicht, seine Mannschaft gewann hochverdient und nach Toren von Dominic Peitz und Karim Benyamina 2:1 (0:0) bei Arminia Bielefeld und hat sich damit im Abstiegskampf der Zweiten Liga ein kleines bisschen Luft verschafft. Und so zeigte sich Neuhaus nach Abpfiff dann auch sichtlich erleichtert.

„Das ist ein schönes Gefühl mal wieder“, sagte er gedankenverloren, und ergänzte angesichts der Tatsache, dass sein Team 18 Spiele für einen Auswärtssieg benötigt hatte: „Der Bann ist gebrochen. Man verzweifelt ja dann schon langsam.“

Schon vor der Partie, die lediglich 10.112 Fußball-Fans sehen wollten, war klar, dass es ein richtungsweisendes Spiel werden würde. Der 15. gegen den Tabellenletzten – das versprach eine Nervenschlacht zu werden. Doch die Unioner begannen forsch und ohne Angst. Von Beginn an übernahmen sie das Spiel, Bielefeld verlegte sich sofort auf Konter, die sie aber nie konsequent zu Ende spielten. Die Köpenicker wirkten konzentrierter und kamen zu guten Chancen: Karim Benyamina (15.) und nur eine Minute später Chinedu Ede, der eine Flanke fünf Meter vor dem Tor über den Fuß rutschen ließ, hätten für eine frühe Führung sorgen können. Spätestens direkt vor der Pause hätte das 1:0 fallen müssen, doch Dominic Peitz behinderte Benyamina beim Abschluss.

„Wir haben auch in diesem Spiel wieder gute Chancen vor dem Tor liegen gelassen“, resümierte Peitz nach dem Spiel, dem er allerdings die erste Wendung gab: Nach einer Ballstafette in den Bielefelder Strafraum hinein vollendete der 1,96-Meter-Schlacks per Kopf (61.). „Von einem Spieler meiner Größe verlangt man in einer Saison eine gewisse Anzahl von Toren“, kommentierte der Abräumer betont nüchtern. Vielleicht lag das auch daran, dass Bielefeld nur zwei Minuten brauchte, um zurückzuschlagen. Nach einer langen Flanke sprang Torwart Jan Glinker unter dem Ball hindurch, Besart Berisha bedankte sich mit dem schnellen Ausgleich. „Wenn ich rauskomme, muss ihn haben“, sagte Glinker später einsichtig, und fügte ehrlich an: „Mit dem 1:1 hätte ich heute nicht leben können“. Kein Wunder, war Unions Schlussmann zuvor gegen Aue und in Augsburg mit Fehlern an der mageren Punktausbeute maßgeblich beteiligt. Uwe Neuhaus, der mit der gleichen Elf wie bei der Niederlage in Augsburg beginnen ließ, nahm es am Freitag gelassen: „Wenn du drunter durchläufst, siehst du natürlich immer blöd aus. Vielleicht war das der Druck der letzten beiden Spiele, dass er das Gefühl hatte, sich jetzt beweisen zu müssen.“ Ob Glinker auch im nächsten Heimspiel gegen Oberhausen am Sonntag in einer Woche im Tor stehen wird, ließ der Trainer offen: „Ich habe ja auch schon nach Siegen viel gewechselt. Aber ich werde das Thema sensibel behandeln.“

Vielleicht hätte Neuhaus anders geredet, hätte Glinkers Patzer seinem Team erneut die benötigten und hochverdienten Punkte gekostet. Union präsentierte sich in allen Bereichen überlegen, stellte die Räume gut zu, ging energisch in die Zweikämpfe und kombinierte recht flüssig – wenngleich sich das ganze Geschehen auf dem Rasen auf äußerst überschaubarem Niveau abspielte. Besonders die Gastgeber verblüfften mit unglaublichen Fehlpässen und Unsicherheiten im Mittelfeld.

Union allerdings schlug viel zu wenig Kapital daraus. Es brauchte schon eine Standardsituation, um erneut in Führung zu gehen: In der 73. Minute traf Benyamina nach einer Ecke von Kapitän Torsten Mattuschka per Kopf. „Wir führen, hoffentlich bringen wir es über die Zeit“, habe er nach seinem Treffer gedacht, gestand der Stürmer nach dem Spiel freimütig ein. Dabei gab es zumindest in diesem Spiel gar keinen Anlass zur Sorge, harmloser als die Arminia kann eine Mannschaft kaum agieren.

Trotzdem hätten es die rund 1000 mitgereisten Berliner Fans wohl begrüßt, hätte John Jairo Mosquera mit seinem kuriosen Auftritt in der Schlussphase für die Entscheidung gesorgt. Erst scheiterte der Kolumbianer frei vor Bielefelds Torhüter Dennis Eilhoff am linken Pfosten (88.). Nur zwei Minuten später lief er erneut auf das Tor der Arminen zu – und traf den rechten Innenpfosten. „Die müssen die Tore breiter machen“, forderte sein Trainer Neuhaus später im Scherz, um resigniert festzustellen: „Bei ihm kommt alles Pech dieser Welt derzeit zusammen.“ Doch weil von den Bielefeldern kaum noch Gegenwehr kam, blieb es bei einem Sieg, den auch Arminen-Trainer Christian Ziege als „verdient“ bezeichnen musste.