Jan Glinker malträtierte das Netz seines Tores, Christoph Menz blickte einfach nur ins Leere, während Torsten Mattuschka versuchte, seine Mannschaftskameraden wieder aufzurichten. Irgendwie. Keiner konnte, keiner wollte so recht begreifen, was soeben passiert war. Es war die letzte Aktion in der Augsburger Arena, jener Freistoß von Michael Thurk. Danach Gewühl im Strafraum, und plötzlich ist der Ball drin. Stephan Hain hatte im richtigen Moment seinen Kopf irgendwie an das Spielgerät bekommen. Entsetzen auf den Gesichtern der Berliner Zweitliga-Kicker, die mit ansehen müssen, wie ihnen am neunten Spieltag auch noch der eine, hochverdiente Punkt aus den Händen gleitet. Union verliert 1:2 (1:0) beim FC Augsburg, mit der letzten Aktion der Partie in der dritten Nachspielminute, trotz eigener Führung.

„Erst das Tor, dann der Schlusspfiff – es bricht alles über einem zusammen“, sagte Trainer Uwe Neuhaus in einer Mischung aus Enttäuschung und Ratlosigkeit. Und fügte im negativen Sinne hinzu: „Wenn man denkt, es gibt keine Steigerung mehr, hat man Unrecht.“ Sein Team bleibt mit sechs Punkten im Tabellenkeller, kann heute sogar auf einen der beiden Abstiegsplätze rutschen. Ruhiger werden die Zeiten für den Coach jedenfalls nicht.

Dabei konnte Neuhaus die gleiche Elf aufbieten wie zuletzt beim 1:1 gegen Aue. Mit einem Unterschied: Für den an der Schulter verletzten Ahmed Madouni, der mit nach Augsburg gereist war, spielte Daniel Göhlert von Beginn an in der Innenverteidigung neben Christian Stuff. Endlich hatte der Trainer einmal die nahezu identische Formation auf den Platz schicken können wie im Spiel zuvor. Und die Mannschaft knüpfte dort an, wo sie gegen Aue aufgehört hatte. Von der ersten Minute an präsentierte sie sich hellwach.

Benyamina reagierte am schnellsten

„Die Frage ist, welche Mannschaft sich von ihrer Situation am ehesten ablenken lässt“, hatte Christian Beeck, der Teammanager der Unioner, vor der Partie erklärt. Legt man die ersten 45 Minuten zu Grunde, machte den Augsburgern deren Talfahrt nach zuvor vier Niederlagen in Folge mehr zu schaffen als den Berlinern deren magere Punktausbeute. Zweikämpfe wurden gewonnen, es wurde zielstrebig nach vorn gespielt – die Mannschaft setzte die Forderung ihres Coaches nach maximalem Einsatz ausgezeichnet um. Kurzum: Union spielte nicht so, wie es Tabellenplatz 15 vor dem Spieltag hätte vermuten lassen.

„Ganz klar, Union ist viel gedankenschneller“, musste auch Augsburgs Manager Andreas Rettig in der Halbzeitpause zugeben. Dass die Gäste zu diesem Zeitpunkt mit 1:0 vorn lagen, war verdient. Ein schneller Einwurf von Paul Thomik landete bei John Jairo Mosquera. Und als der Kolumbianer wie schon so oft in den vergangenen Wochen erneut nicht so recht wusste, wie er die Eins-zu-eins-Situation lösen sollte, tat er instinktiv das Richtige: Ein kurzer Antritt, ein – wenn auch etwas verunglückter – Pass in den Strafraum, Karim Benyamina schaltete am schnellsten und wuchtete den Ball rechts an Torwart Simon Jentzsch vorbei, 1:0 für Union. „Wir hatten uns schon gewundert, warum Mosquera plötzlich langsamer wird. Doch dann hat er einen guten Pass gespielt“, freute sich nicht nur Beeck über die Entstehung des Führungstreffers.

Überhaupt Mosquera: Nach dem Ende seiner Durststrecke gegen Aue vor einer Woche ging der 22-Jährige hochmotiviert zu Werke. Schon nach vier Minuten hatte er FCA-Torwart Jentzsch keine Chance gelassen – eine Abseitsposition verhinderte den frühen Torjubel. Für Union war es jedoch das richtige Signal: Statt sich zu verstecken, spielte Union munter nach vorn. Thomik scheiterte aus zwölf Metern völlig frei an Augsburgs Verteidiger Jonas de Roeck, der für seinen geschlagenen Keeper retten musste (8.), nach 25 Minuten musste Jentzsch bei einem Mattuschka-Freistoß aus 25 Metern all sein Können aufbieten. Nur einmal, nach einer halben Stunde, stockte den Berlinern nach einem Schuss von Ibrahima Traore der Atem; Union-Keeper Jan Glinker musste sogar nachfassen.

Gegentor aus 52 Metern

Es sollte nicht der einzige Patzer des Schlussmannes bleiben. Denn nachdem zunächst Thomik (56.) und Chinedu Ede (67.) beste Gelegenheiten zum Ausbau der Führung vergeben hatten, stand Glinker vor 14694 Zuschauern erneut im Mittelpunkt. Uwe Möhrle schlug den Ball aus 52 Metern in die Spitze. Thurk kam nicht ran. Auch nicht Verteidiger Christian Stuff. Und Glinker? Der war aus seinem Tor geeilt, musste den Ball vor sich auftippen lassen – und streckte sich dann vergeblich, als dieser über ihn hinweg flog, 1:1 nach 69 Minuten. „Jeder hat gesehen, wie das Tor gefallen ist. Den hätte Glinker haben müssen“, sagte Neuhaus. Doch Union steckte den Rückschlag wieder weg, glaubte weiter fest an den ersten Auswärtssieg seit fast einem Jahr. Mosquera scheiterte aber erneut an Jentzsch (73.). Der Rest war riesige Enttäuschung. BM