Auf seinem Computer-Bildschirm leuchtet Uwe Neuhaus die Tabelle der Zweiten Fußball-Bundesliga entgegen, immer wieder klickt er den Bildschirmschoner beiseite. Dabei bietet sich kein schöner Anblick für den Trainer, steht sein 1. FC Union doch nur auf dem 15. Platz. Im Interview spricht der 50-Jährige über die angespannte Situation.
Morgenpost Online: Herr Neuhaus, erst einmal herzlichen Glückwunsch…
Uwe Neuhaus: (lacht)…was kommt denn jetzt wieder?
Morgenpost Online: Sie haben mit 1218 Tagen Georgi Wassilew als Rekordtrainer seit der Wende abgelöst.
Uwe Neuhaus: (lacht und jubelt) Ja!!!
Morgenpost Online: Bedeutet das denn gar nichts für Sie?
Uwe Neuhaus: Nein. Ich habe ja keinen Vorteil dadurch.
Morgenpost Online: Aber es ist doch ein Zeichen von Vertrauen, das der Verein in Sie setzt.
Uwe Neuhaus: Ja, aber ob ich jetzt einen abgelöst habe, interessiert mich weniger. Dass ich jetzt etwas mehr als drei Jahre hier bin, finde ich natürlich schon gut. Der Rest wird sicher mal in den Geschichtsbüchern zu lesen sein. Aber mehr auch nicht.
Morgenpost Online: Hätten Sie vor der Saison gedacht, dass es den Verein im verflixten zweiten Jahr tatsächlich so schwer treffen könnte?
Uwe Neuhaus: Ich habe auch letztes Jahr damit gerechnet. Mit so einem Start wie jetzt hätte das ja schon schlimmer ausgehen können. Aber ob das jetzt am zweiten Jahr liegt, weiß ich nicht. Da habe ich keine Statistiken zu.
Morgenpost Online: Wie frustrierend ist es denn als Trainer, wenn man tagtäglich mit der Mannschaft arbeitet, sie dann aber die Vorgaben nicht umsetzt und einfach nicht gewinnt?
Uwe Neuhaus: Das sind ja zwei unterschiedliche Dinge. Dass sie es umsetzen kann, hat sie gezeigt. Das Toreschießen ist natürlich dabei ein ganz wesentlicher Faktor. Ich sage es mal so: Wenn die Mannschaft tatsächlich nichts umsetzen könnte und in jedem Spiel hoffnungslos unterlegen wäre, dann wäre ich schon frustriert. Dann würde ich mir auch Gedanken machen, ob es überhaupt noch Sinn macht und wie es weitergeht. Aber die letzten Wochen haben mir deutliche Signale gegeben, dass die Mannschaft unbedingt die Wende schaffen will. Einer hat jetzt den Fluch beendet…
Morgenpost Online: …Sie meinen John Jairo Mosquera, der endlich wieder getroffen hat. Aber hat er seine Krise wirklich überwunden? Immerhin vergab er nach seinem Treffer wie gehabt Großchancen.
Uwe Neuhaus: Er hat doch sein Tor gemacht. Und dass jetzt nicht mit einem Schlag der Frust aus einem Jahr vergessen ist, ist doch auch klar. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er auch den Ball nicht reingemacht hätte.
Morgenpost Online: Sie sitzen trotzdem machtlos an der Linie.
Uwe Neuhaus: Ich weiß gar nicht, warum Sie mir immer Frust einreden wollen.
Morgenpost Online: Ist es denn Lust?
Uwe Neuhaus: Ich habe Lust, mit der Mannschaft in dieser Art weiterzuarbeiten, ja. Da ist keiner im Kader, der den Kopf hängen lässt oder in den Sand steckt. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass die Spieler zumindest in den Heimspielen gesehen haben, dass man die Gegner unter Kontrolle hat und irgendwie dran ist. Die Mannschaft weiß, dass die Arbeit irgendwann belohnt wird. Die Stimmung in der Mannschaft ist gut und wird dazu beitragen, dass es endlich auch auswärts klappt. Wenn wir mit vollen Hosen nach Augsburg fahren, ist vorher klar, wie das Spiel ausgeht.
Morgenpost Online: Jetzt sprechen Sie als Trainer, aber inwieweit leidet der Mensch Uwe Neuhaus? Wann lassen Sie all diese Sorgen hinter sich? Am Auto, oder erst an der Haustür?
Uwe Neuhaus: Unterschiedlich, das hängt von der Qualität des Spiels ab. Nach dem Spiel gegen Aue bin ich nicht froh gelaunt nach Hause gefahren, das ist doch klar. Ich befasse mich dann ja auch noch mit der Analyse, was schief gelaufen ist. Die Art und Weise ist entscheidend, inwieweit ich das mitnehme. Wenn du hoffnungslos untergehst, dauert es schon zwei, drei Tage, bis sich der Nebelschleier wieder etwas lichtet und man klar denken kann.
Morgenpost Online: Dann wird es Ihnen nicht gefallen, dass die Kritik an Ihnen wächst und schon über ein Ultimatum spekuliert wurde…
Uwe Neuhaus: ...glauben Sie das?
Morgenpost Online: Wir haben Ihnen keines gestellt.
Uwe Neuhaus: Sie wissen doch, wie das läuft. Die Dinge, die teilweise geschrieben werden, entbehren jeder Grundlage. Bei Misserfolg werden viele Dinge an den Haaren herbeigezogen.
Morgenpost Online: Trotzdem, was ist Ihre erste Reaktion, wenn Sie so etwas lesen?
Uwe Neuhaus: Mittlerweile nur noch Lachen. Ich kann das doch nicht ernst nehmen. Was nicht bedeutet, dass ich mich nicht kritisch mit meiner eigenen Arbeit auseinandersetze. Ich weiß doch, dass ich Fehler mache.
Morgenpost Online: Nennen Sie uns doch mal ein paar.
Uwe Neuhaus: (lacht) Nehmen wir wieder Mosquera. Ich bin von ihm bedingungslos überzeugt. Dass er Ladehemmung hatte, habe ich aber auch gemerkt. Dann überlege ich: Ist es vielleicht besser für ihn, mal ein Spiel von der Bank aus drehen zu können, ohne Druck? Vielleicht habe ich da einen Fehler gemacht und ihm den Druck zu spät genommen. Das wäre vielleicht schon früher gut gewesen, andererseits hätte ich ihn persönlich dann sehr früh in die Ecke gestellt.
Morgenpost Online: Überrascht es Sie ein wenig, wie viel Rückhalt Ihnen hier im Verein eingeräumt wird?
Uwe Neuhaus: Überrascht nicht, wir unterhalten uns ja ständig und tauschen uns aus. Da bekommt man ja ein ganz gutes Gefühl für die Situation. Aber es ist auf jeden Fall etwas Besonderes hier, das habe ich auch in meinem ersten Jahr gesagt, als wir einen schlechten Start hatten. Der Verein ist von der Führung her so geprägt, dass Ruhe herrscht. Diese Sachen mit dem Ultimatum und so kommen ja nicht aus dem Verein.
Morgenpost Online: Eine ähnliche Situation wie jetzt haben Sie in Essen erlebt, wo Sie entlassen wurden. Ist das vergleichbar?
Uwe Neuhaus: Ach, ich weiß ja auch, was in solchen Zusammenhängen immer kolportiert wird. Dass ich ein guter Drittligatrainer bin, aber keiner für die Zweite. Ich weiß nicht, woran man das festmacht. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und sagen: Letztes Jahr zweite Liga hat ja geklappt, also habe ich meine Tauglichkeit nachgewiesen. Aber das wäre nicht ich selbst.
Morgenpost Online: Dieses Jahr fehlen Ihrem Verein die Punkte aber noch.
Uwe Neuhaus: Da können Sie doch auch Bayern München nehmen, einen der besten Vereine der Welt. Die haben jetzt auch eine schlechte Phase, mühen sich in der Champions League da gegen Cluj mit Ach und Krach durch. Solche Phasen gibt es, aber die hören auch wieder auf.
Morgenpost Online: Besteht nicht die Gefahr, zu lange im Glauben an sich selbst festzuhalten und plötzlich zu viel Rückstand zu haben? Bestes Beispiel ist Hertha BSC.
Uwe Neuhaus: Wenn man sich zu stark darauf verlässt, natürlich. Das machen wir aber nicht, sondern arbeiten hart daran, nicht nachzulassen. Ich weiß, dass es diese Beispiele zur Genüge gibt. Wir müssen aufpassen.
Morgenpost Online: Wir müssen uns also keine Sorgen um den 1. FC Union machen?
Uwe Neuhaus: Wir haben noch eine schwere Saison vor uns, das ist keine Frage. Die Sorge um den Verein vereint uns aber und macht uns stark. Gegen Aue waren 17.000 Zuschauer da – das ist ein Pfund, das wir nie verlieren dürfen. Wenn diese Unterstützung nicht nachlässt, müssen wir keine Angst haben.





