Morgenpost Online: Herr Gebhardt, wie fühlt es sich an, als Verlierer vom Platz zu gehen?

Marco Gebhardt: Bis zum ersten Tor haben wir sehr gut gespielt und waren feldüberlegen, auch danach haben wir nicht aufgehört. Auf der langen Rückfahrt im Bus hatten wir dann viel Zeit, uns Gedanken zu machen und zu ärgern. Aber so was kann passieren, wir haben in Duisburg gespielt und nicht gegen Irgendjemanden.

Morgenpost Online: Muss man sich an Niederlagen erst wieder gewöhnen bei Union?

Gebhardt: Das nicht. Hinter uns liegt ein Hyperstart mit sieben Spielen ohne Niederlage. Wer hätte uns das vorher zugetraut? Niemand, glaube ich. Dass Niederlagen kommen würden, war logisch. Damit können wir umgehen.

Morgenpost Online: Vielleicht hat die Niederlage sogar etwas Gutes, sie könnte die Euphorie dämpfen, die sich zuletzt rund den Klub aufgebaut hat.

Gebhardt: Von uns kommt da ja gar nichts. Das wird doch nur von außen hinein getragen. Wir wissen, dass wir Aufsteiger sind. Jetzt haben wir 17 Punkte gegen den Abstieg, 40 brauchen wir, nichts anderes zählt.

Morgenpost Online: Lesen Sie öfter Zeitung?

Gebhardt: Oh, ja.

Morgenpost Online: Schon mal vom Projekt Durchmarsch gehört? Was halten Sie davon?

Marco Gebhardt: Das ist völliger Quatsch. Wir kennen unsere Stärken, unsere Schwächen, wir wissen, dass wir jedes Spiel hundert Prozent geben müssen. Das machen wir auch jeden Tag im Training und freuen uns auf die Spiele.

Morgenpost Online: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie so etwas lesen?

Gebhardt: Ich hatte gerade erst wieder so ein Beispiel, da hat mich ein Fernsehreporter zum Aufstieg in die Bundesliga gefragt. Was soll ich dazu sagen? Wir haben gerade acht Spiele absolviert und stehen mit 17 Punkten klasse da. Es herrscht Ruhe im Verein, alle ziehen an einem Strang. Es macht einfach Spaß.

Morgenpost Online: Die Fragen danach nerven wohl langsam?

Gebhardt: Was heißt nerven? In der Kabine beschäftigen wir uns damit ja gar nicht, bei uns denken alle gleich. Wir müssen das Thema auch nicht verdrängen. Es ist einfach keins.

Morgenpost Online: Sagen Sie das, weil das die Klubstrategie im öffentlichen Umgang damit ist?

Gebhardt: So etwas gibt es nicht. Wirklich, wir wissen nicht, warum das überhaupt so ein Thema ist. Ich habe gelesen, dass wir in Duisburg zu diesem Zeitpunkt der beste Aufsteiger aller Zeiten hätten werden können. Aber Statistiken hin oder her. Am Ende muss man nach 34 Spielen gucken, wo man steht.

Morgenpost Online: Müssen Sie als Kapitän trotzdem ab und zu dafür sorgen, dass keiner in der Mannschaft zu viel von dem aufnimmt, was von außen an Euphorie hineingetragen wird?

Gebhardt: Dafür sorgt schon der Trainer, er macht das richtig. Uwe Neuhaus weiß, was er für die Mannschaft und den Verein zu tun hat. Er passt auf - auch dass keiner zu oft in den Medien steht.

Morgenpost Online: Teilweise drängt sich das Gefühl auf, dass die Regeln beim 1. FC Union strenger sind als bei manchem Bundesligisten.

Gebhardt: Das ist ja auch richtig. Zu meinen Kindern sage ich auch: Ordnung ist das halbe Leben. Von nichts kommt eben nichts. In den vergangenen beiden Jahren haben wir erfahren, wohin es führen kann, wenn alle an einem Strang ziehen und Regeln einhalten. Das muss schon sein.

Morgenpost Online: Sind Sie inzwischen schon mal von Fans bezüglich eines möglichen Bundesligaaufstiegs angesprochen worden?

Gebhardt: Nein, unsere Fans haben so viel Ahnung vom Fußball, die können das gut einschätzen.

Morgenpost Online: Dabei neigen doch gerade Fans zu großen Erwartungen.

Gebhardt: Jeder soll ja träumen, auch die Spieler dürfen das. Das maximale Ziel für jeden Spieler muss die erste Bundesliga sein. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Aber man muss doch auch realistisch sein.

Morgenpost Online: Sich also nicht verleiten lassen, zu früh zu feiern, so wie Hertha BSC vergangene Saison die Meisterschaft?

Gebhardt: Da haben sich manche Spieler wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt, anstatt sich auf ihre Aufgaben zu besinnen.

Morgenpost Online: Aber auch ohne Euphorie kann man doch sagen, dass es ziemlich beeindruckend war, wie Ihr Klub bisher aufgetreten ist. Oder nicht?

Gebhardt: Das habe ich von vielen Seiten gehört, das stimmt schon. Bei uns passt einfach alles in der Mannschaft. Das habe ich so oft noch nicht erlebt in meiner Karriere.

Morgenpost Online: Wann würde Union seine Saisonziele ändern?

Gebhardt: Wenn wir die nächsten 20 Spiele alle gewinnen. Nein, im Ernst. Wir spielen um den Verbleib in der Zweiten Liga, sonst nichts.