Es mögen 300 Fans gewesen sein, die die weite Reise nach Aachen auf sich genommen hatten. Vielleicht auch ein paar mehr. Für Union-Verhältnisse eine eher bescheidene Zahl an Unterstützern, sind es die Köpenicker Kicker in der Regel doch gewohnt, von einer vierstelligen Zahl an Anhängern begleitet zu werden. Doch wer kann es sich schon erlauben, die fünf Autostunden, wahlweise die sechs Zugstunden an einem Freitag auf sich zu nehmen, um pünktlich um 18 Uhr im neuen Tivoli zu Aachen seine Mannschaft anzufeuern? Immerhin wurden die Unentwegten schon vor dem Anpfiff von der Mannschaft mit Applaus begrüßt. Und für die lange Fahrt mit einem „rassigen Spiel“ entschädigt, wie Uwe Neuhaus, der Trainer des 1. FC Union bilanzierte. Mit 2:2 (1:1) war seine Mannschaft so eben bei Alemannia Aachen in die Zweitliga-Saison 2010/11 gestartet. Und nach dem Remis zum Auftakt stellte sich sogleich die klassische Frage: Punktgewinn oder doch Punktverlust?
Die Freude überwiegt
Seine Gefühlswelt fasste Neuhaus in vier Worten zusammen: „Bisschen Enttäuschung, bisschen Freude.“ Wobei die Freude, nach dem Pokal-Aus gegen den Regionalligisten Hallescher FC nicht gleich noch eine Niederlage mit nach Berlin nehmen zu müssen, überwogen haben dürfte. Wenn nach einer Partie das Worte Moral zuhauf benutzt wird, dann wird deutlich: Spielerisch ließen die Berliner vor 20021 Zuschauern vieles zu wünschen übrig, kämpferisch wussten sie dagegen durchaus zu überzeugen. „Dass wir kurz nach dem Rückstand gleich wieder zurückgekommen sind, zeigt die Moral in der Truppe“, sagte Teammanager Christian Beeck. Auch ihm war die Erleichterung über das Unentschieden ins Gesicht geschrieben. „Nach dem 1:2 hat man wieder einmal unser wahres Gesicht gesehen“, fügte Kapitän Torsten Mattuschka hinzu. Und Chinedu Ede, dem der Punkt durch sein Tor überhaupt erst zu verdanken war, sagte schlicht: „Das war ein Sieg der Moral.“ Und was ist mit dem Fußballspielen in des Wortes wahrer Bedeutung? Alemannia Aachen hatte die passende Antwort darauf. „Ich freue mich, dass wir richtig gut Fußball gespielt haben“, sagte Alemannia-Coach Peter Hyballa. Nur dass er bei seiner Pflichtspiel-Premiere im deutschen Profifußball nicht gewonnen hatte, ärgerte ihn. Dabei wäre ein Erfolg für die Gastgeber nicht unverdient gewesen. Mit ihrem Fünfer-Mittelfeld und den zwei Angreifern brachten die Aachener Union immer wieder in Bedrängnis.
Die Bindung fehlt
Trainer Neuhaus hatte an seinem 4-2-3-1-System mit John Jairo Mosquera als einziger Spitze festgehalten, personell gab es jedoch Änderungen. Karim Benyamina, eigentlich Stürmer, übernahm den Platz im rechten Mittelfeld, Björn Brunnemann rutschte dafür nach links – und Ede zunächst auf die Bank. Die erhoffte Bindung zwischen den Mannschaftsteilen blieb lange aus. Dafür gab es Aachener Chancen fast im Minutentakt. Alper Uludag schießt aus sechs Metern drüber (16.), Tolgay Arslan fliegt am Fünfmeterraum an einer Flanke vorbei (18.) und wird später erst im letzten Moment gestoppt (21.). Unions Führung durch Benyamina, der plötzlich allein vor Torwart David Hohs auftauchte und eiskalt vollendete (33.), fiel aus dem Nichts. Dass Aachen vier Minuten später durch Marco Högers Volleyschuss ausglich, entsprach eher dem Spielverlauf.
Den größten Aufreger gab es jedoch in der 23. Minute. Nico Herzig holte Mosquera von den Beinen – als letzter Mann. Schiedsrichter Tobias Welz entschied zwar auf Freistoß am Strafraum, die Rote Karte ließ er jedoch stecken. „Der Schiedsrichter sagte mir, der Ball sei nicht hundertprozentig unter Kontrolle gewesen. Außerdem hätte da noch ein weiterer Spieler daneben gestanden“, haderte Neuhaus mit der Entscheidung. Teammanager Beeck wurde in diesem Moment deutlicher: „Das war eine klare Rote Karte, der Schiedsrichter nimmt Einfluss auf das Spiel. Wenn Situationen so ausgelegt werden, dann brauchen wir keine Regelschulung mehr.“
Grund zum Feiern
Nach dem Seitenwechsel verloren beide Teams ob des hohen Tempos immer mehr die Ordnung. Die Folge: Union-Keeper Jan Glinker musste in höchster Not gegen Babacar Gueye retten (51.), Brunnemann warf sich in einen Höger-Schuss (53.), danach verhinderte erneut Glinker gegen Arslan (74.) und Zoltan Stieber (78.) den Rückstand.
Gegen das Eigentor von Daniel Göhlert, der eine Stieber-Flanke ins eigene Netz beförderte, war er machtlos (82.). „Zehn Bälle knalle ich weg, einer rutscht mir durch“, so der Unglücksrabe. Erst Edes Lupfer zwei Minuten später rettete den Punkt. Nun war auch vergessen, dass Union „drei Hundertprozentige“ (Göhlert) durch Benyamina (62.), Mosquera und Mattuschka (beide 68.) vergeben hatte. Und die Fans hatten zu guter Letzt doch noch Grund zum Feiern.













