Die Fans des 1. FC Union haben seit jeher ein feines Gespür für die Situation, die in ihrem Verein herrscht. Das mag vor allem daran liegen, dass sich kaum ein anderer Klub wie jener in Köpenick mit seinen Anhängern dermaßen identifiziert. Oder sich sogar das Stadion von Grund auf renovieren lässt. Man ist stolz auf das, was man in den vergangenen Jahren geleistet hat. Allen Widerständen zum Trotz. Immer weiter, ganz nach vorn, wie es in der Klubhymne von Nina Hagen heißt. Dass es weitergehen wird bei Union, steht außer Frage. Nur ob es auch wirklich weiter nach vorn geht – der Zweifel daran ist nicht zuletzt in den vergangenen Tagen größer geworden.
Die Ernüchterung nach dem blamablen Aus im DFB-Pokal gegen den zwei Klassen tiefer spielenden Halleschen FC hat tiefe Spuren hinterlassen. Tiefer, als manch einem lieb ist. Befragt man den Anhang nach dem Ausgang des ersten Saisonspiels bei Alemannia Aachen (Freitag, 18 Uhr, Sky live), tauchen zwei Resultate immer wieder auf: 3:1 und 2:0 – für Aachen wohl gemerkt. In der sportlichen Leitung versucht man, Optimismus zu verbreiten. Trainer Uwe Neuhaus zum Beispiel blendet die Sorge der Fans, ihre Fußballgötter könnten eine schwache Saison spielen, ja sogar in Abstiegsgefahr geraten, aus. „Ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren“, sagt der 50-Jährige.
Ihm deshalb Ignoranz zu unterstellen, würde dem „Erfolgsbesessenen“ (Neuhaus über Neuhaus) nicht gerecht werden. Dafür identifiziert sich Neuhaus viel zu sehr mit der Arbeitermentalität. Seine Rede auf der Mitgliederversammlung 2009, auf der er mit Begriffen wie „Bodenständigkeit“ und „realitätsbewusstes Handeln“ allen Unionern seinen Dank, aber auch seinen Respekt zollte, ist unvergessen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum man auf die Frage nach dem Saisonziel zumindest dem Gefühl nach ausweichende Antworten erhält. „Ich hoffe, dass wir am 15. Mai das erreicht haben, was wir uns vorstellen“, sagte Christian Beeck. Wie Unions Teammanager hält es auch der Trainer. „Wir wollen uns in der Zweiten Liga etablieren und uns weiter entwickeln, was die Mannschaft und die Strukturen im Verein angeht“, sagte Neuhaus. Das kann der fünfte Platz sein, aber auch Rang 15 bedeuten. Die Unsicherheit, ob eine insgesamt gute Zweitliga-Saison wie die vergangene wiederholt werden kann, ist nachvollziehbar. 2009/10 lief Union nach furiosem Start als Zwölfter durchs Ziel. Eben daran muss sich der Jahrgang 2010/11 nun messen lassen. Ohne den Schwung eines Aufsteigers im Rücken, ohne die Euphorie über die Rückkehr in das modernisierte Heimstadion, dafür mit einem 0:1 gegen Halle im Gepäck. Den 1. FC Union erwartet neun Monate lang mehr Zweitliga-Alltag als noch vor Jahresfrist. So freut sich Teammanager Beeck „auf eine tolle Saison, die uns aber auch alles abverlangen wird“.
Union soll für Bratwurst, Bier und Fußball pur stehen
Dabei ist die Chance, in Berlin weitere Pluspunkte zu sammeln, größer denn je. Dafür hat der Abstieg von Hertha BSC gesorgt. Erstmals spielen beide Vereine gemeinsam in einer deutschen Profiliga. Erstmals gibt es die – wenn auch kleine – Chance, sich am Ende einer langen Spielzeit als beste Fußball-Mannschaft der Hauptstadt feiern lassen zu können. Ohne dabei den ohnehin unmöglichen Anspruch, ein Verein für ganz Berlin sein zu wollen, erfüllen zu müssen. Dafür ist Hertha im Westteil der Stadt zu tief verankert. Zumal man sich bei Union, was die Präsentation anbelangt, nicht als Konkurrent, sondern als Alternative zu Hertha BSC sieht. „Berlin ist unheimlich vielfältig“, sagte Unions Präsident Dirk Zingler. Deshalb gelte es, ein anderes Angebot zu etablieren, als es Hertha BSC tut. Einen Slogan wie „Wir sind Berlin“ hält der Klubchef für größenwahnsinnig. Doch der Spagat zwischen Kult und Kommerz wird in dieser Spielzeit noch größer werden. Das weiß auch Dirk Zingler.
Der 1. FC Union soll auch in 2010/11 für Bratwurst, Bier und Fußball pur stehen – und nicht für werbefinanzierte Präsentationen von Ecken und Halbzeitständen. Der Union-Boss selbst lebt dieses Image vor. Seit Jahren steht er bei Spielen hinter den Sitzreihen der Haupttribüne statt Platz zu nehmen. Eine Selbstverständlichkeit in einem Stadion, dessen 19.000 Plätze zu fast 85 Prozent aus Stehplätzen besteht. Doch das Engagement von Ufa Sports als neuem Vermarktungspartner belegt, dass die Waage Richtung Kommerz wohl ein wenig mehr ausschlagen wird als zuletzt. Bislang hat man sich bei Union erfolgreich gegen diese Entwicklung gewehrt. Das Derby am 4. Spieltag gegen Hertha findet in der Alten Försterei statt und nicht im 7.000 Zuschauer fassenden Olympiastadion, dem Spielort des Rivalen. Auch einen Topzuschlag wird es nicht geben. Als diese Entscheidung fiel, waren jedoch Mehreinnahmen durch den DFB-Pokal wenn auch nicht im Lizenzantrag angegeben, so jedoch eingeplant.
„Wir müssen jetzt die Kräfte bündeln“, gibt Trainer Neuhaus seiner Mannschaft mit auf den Weg. Eine Forderung, die für die gesamte Saison stehen könnte. Schulter an Schulter für Eisern Union, wie es Nina Hagen besingt. Mit einem Etat (13 Millionen Euro), der im Vergleich zur Vorsaison kaum erhöht ist. Einer Mannschaft, in der es drei der fünf Zugänge (Ahmed Madouni, Jerome Polenz, Santi Kolk) in die Startelf geschafft haben. Deren spielerische Qualität sich bislang jedoch kaum gesteigert hat. Das haben nicht zuletzt die sieben Spiele in der Vorbereitung gezeigt. Dem ehrenwerten, weil nach 0:3-Rückstand noch erkämpften 3:3 gegen den spanischen Spitzenklub Deportivo La Coruna stehen weniger ruhmreiche Auftritte gegen Wolfsburg II (2:2) oder Sachsen Leipzig (2:0) gegenüber. Man habe viel Zeit investiert, um sich vorzubereiten, sagte Christian Beeck. Ob sich fünf Tage Lauftrainingslager in Oberhof und sechs Wochen mit je zwei Einheiten in der Wuhlheide auszahlen, wird sich ab sofort zeigen. „Vom Kopf her sind wir gut drauf“, glaubt Teammanager Beeck.
Ein Erfolg zum Auftakt in Aachen würde die Arbeit bestätigen. Und die Nerven beruhigen. So ließ Trainer Neuhaus in Richtung hadernder Fans wissen: „Es ist doch immer so: Nach einem Sieg ist alles wunderbar, nach einer Niederlage alles schlecht. Ich kann allen nur versichern, dass wir weiter gut arbeiten werden.“ Um nach 34 Spieltagen das erreicht zu haben, worauf alle beim 1. FC Union hoffen: auch in der nächsten Saison wieder in der Zweiten Liga spielen zu können.































