Sie bevorzugt die Trainerumkleide, da ist es nicht so eng. Susann Götz mag es nicht, wenn ständig alle Mädels um sie herumwuseln in dem kleinen Container, in dem sich die Berliner Eishockeyfrauen des OSC auf ihre Übungseinheiten vorbereiten. Mit 31 Jahren ist sie die Älteste im Team, ein paar kleine Privilegien nimmt ihr da niemand übel. Zumal sie als Kapitänin eh im engen Kontakt zur sportlichen Leitung stehen muss.

In Sotschi befindet sich Götz’ Platz wieder bei der Mannschaft. Gemeinsam mit Nina Kamenik, 28, und der erst zwei Tage vor Beginn der Spiele nachnominierten Lisa Schuster, 26, vertritt sie den OSC in der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB).

Für die Stürmerinnen Kamenik und Schuster sind es die ersten olympischen Momente. „Ich bin total gespannt, was mich erwartet“, sagt Kamenik. Götz bleibt da ruhiger, sie hat alles schon einmal erlebt, 2006 in Turin.

Trotzdem ist auch für Götz vieles anders, ihr ganzer Sport steht auf einer neuen Stufe. „Das internationale Niveau ist gestiegen“, erzählt die Berlinerin. In Turin etwa wurde noch nicht so hart geschossen wie heutzutage. Die Spiele sind schneller, anspruchsvoller, die Duelle eins gegen eins umkämpfter. Erstaunlich eigentlich, dass die deutsche Mannschaft da mithalten kann. Fraueneishockey bildet hier den äußersten Rand der Sportpalette. Doch es hat sich entwickelt.

WM-Platz fünf 2013

Seit einiger Zeit klopft die Nationalmannschaft wieder oben an. Olympia 2010 wurde verpasst, danach erst einmal B-WM gespielt. Vergangenes Jahr aber gelang schon der fünfte Platz bei der WM. „Wir sind jetzt in Deutschland auf einem professionellen Standard“, sagt Götz. In der Liga existieren heute ganz andere Strukturen.

Früher gab es Berlin und Planegg, die Titel gingen hin und her. „Jetzt ist alles gut durchmischt, dadurch wurden die einzelnen Klubs aufgewertet“, erzählt Götz. Dazu stehen überall zwei Ausländerinnen im Kader. Das bringt Schwung rein – und Qualität.

Die Spielerinnen sind athletisch, läuferisch und stocktechnisch stärker geworden. Dadurch wiederum ist „die Attraktivität der Liga gestiegen“, sagt Götz. Zur Professionalisierung gehört aber auch Mut. Wer sich dem Spitzenniveau annähern will, muss bei den Männern mitmachen. Götz selbst spielt seit Jahren beim Drittligisten FASS Berlin mit, in dieser Saison hat die Verteidigerin ihr erstes Tor bei den Männern erzielt. „Dort mitzumachen ist wichtig, um voranzukommen“, erzählt sie.

Viele aus dem Nationalteam sind daher bei den Männern unterwegs, im Nachwuchs ist das ebenfalls Usus. Bundestrainer Peter Kathan etablierte zudem ein spezielles Programm für Nachwuchs-Nationalteams bei den Frauen. „Sie wissen einfach schon früher, was zu tun ist durch ihre vielen Länderspiele im Juniorenbereich“, sagt Götz.

Zum Erfolg verdammt

Die deutschen Männer fehlen jetzt in Sotschi. Traurig für das deutsche Eishockey, findet Götz. Den Frauen aber beschert es mehr Aufmerksamkeit. „Ich wünsche mir, dass wir zeigen, dass Frauen-Eishockey toll ist“, sagt sie. Auch dem Verband könnte eine kleine Nachhilfe nicht schaden. „Die Anerkennung durch den DEB für die Qualifikation fiel nicht so aus, wie wir uns das gewünscht hätten“, so Götz. Im anderen Fall, bei Nicht-Qualifikation, wäre wohl die Förderung zusammengestrichen worden.

Vor allem die Anzahl der Bundeswehrplätze wäre sicher geringer geworden. Dabei sind die wichtig. Zwölf Sportsoldatinnen gibt es im Nationalteam. Götz und Kamenik sind zwei davon. Die beiden sind richtige Profis. Die deutschen Klubteams bilden insgesamt noch mehr eine Mischung aus Profi- und Hobbymannschaften, viele Frauen gehen arbeiten oder noch zur Schule.

Immerhin: Beim OSC muss inzwischen niemand mehr etwas für Übernachtungen, Essen und Fahrten dazubezahlen. Es wird mehr als früher durch Sponsoren abgedeckt.

Nah dran an Skandinavien

Um die Lücke nach ganz oben zu schließen, reicht das nicht. Die USA und Kanada sind weit voraus. „An die Skandinavier sind wir aber schon gut herangekommen“, sagt Götz. In Sotschi treffen die Deutschen am Sonntag zuerst auf Russland. „Die haben für ihr Heimturnier alles reingebuttert“, so die Berlinerin. Geld spielte keine Rolle, schon der dritte Platz bei der WM im Vorjahr unterstrich die Ambitionen. Dazu spielt das DEB-Team gegen das Publikum.

Viel Arbeit für sie als Kapitänin. „Ich bin so ein Typ, der gern zeigt, wo es langgeht“, erzählt sie. „Ich trage viel Verantwortung.“ Götz will die Mannschaft, die in der Gruppe noch auf Schweden und Japan trifft, ins Viertelfinale führen.

Nach der Saison ist Schluss mit dem aktiven Sport. Studium, ins Berufsleben eintreten, Familie gründen – so lauten die Ziele. Als Sportökonomin schnupperte sie in den vergangenen Jahren schon öfter ins Berliner Sportmarketing hinein. Vor zwei Jahren war sie diesbezüglich bei Olympia in London auf der MS Deutschland, betreute verschiedene Projekte.

Vielleicht betreut sie bald auch junge Eishockeyspielerinnen. „Ich denke darüber nach, später auch Trainerin zu werden“, sagt Susann Götz. In der Trainerkabine fühlt sie sich schon sehr wohl.