Am Mittwochvormittag gehen die Kleinen vor. Da nimmt Lisa Schuster immer ein paar Kindergartenkinder mit aufs Eis. Ihr Verein, der OSC Berlin, betreibt dieses Projekt schon seit einer Weile, um den Nachwuchs an das Eishockey zu führen. Diesmal jedoch wurde die Nationalspielerin abgelenkt, permanent machte ihr Telefon Rabatz. „Ich musste mich bei den Kindergärtnerinnen entschuldigen. Dann habe ich das Telefon erst einmal weggepackt“, sagte die 26-Jährige. Es hat sie sowieso nur verwirrt, was die Leute von ihr wollten.

In Sotschi war etwas passiert, Daria Gleißner hatte sich am Tag zuvor bei einem Testspiel verletzt und sich eine Gehirnerschütterung sowie eine Halswirbel-Verletzung zugezogen. Am Mittwochmorgen liefen die ersten Meldungen, wonach Schuster in die Olympiaauswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) nachrücken sollte. „Die Leute haben mir gratuliert, aber ich wusste noch von gar nichts“, erzählte sie. Außerdem ist Gleißner Verteidigerin, Schuster spielt im Angriff. „Es war komisch, auf alles zu reagieren“, so Schuster. Die Gefühle spielten verrückt, hoffen, bangen. Am Nachmittag dann erhielt sie den entscheidenden Anruf, Bundestrainer Peter Kathan und Teammanager Peter Gemsjäger bestätigten ihr, dass sie doch noch nach Sotschi fahren darf. Zum ersten Mal Olympia. „Ich bin immer noch perplex, dass ich da von null auf nichts hinfahre“, sagte die völlig überraschte Berlinerin.

Einkaufsstress vor der Abreise

Mit der Nachricht begann der Stress. Was ist noch alles zu erledigen? Schuster machte als erstes eine Liste, um bloß nichts zu vergessen. „Ich habe erst mal ein paar Kleinigkeiten gekauft, nichts Spannendes“, sagte sie. Wäsche musste die Berlinerin auch noch waschen. Außerdem war am Abend noch Training im Sportforum. Danach verstaute sie ihre ganze Ausrüstung, die beim Eishockey ja recht umfangreich ist.

Die eher traurigen Tage zuvor waren da längst vergessen. Beim Nations Cup Anfang Januar stand Schuster im Aufgebot, als Bundestrainer Kathan danach die Namen der Sotschi-Fahrerinnen verkündete, fehlte ihrer. „Da ist eine Welt zusammengebrochen“, erzählte sie. Sotschi war ihr größtes Ziel, darauf hat sie alles ausgerichtet. Schuster studiert Druck- und Medientechnik, davon ließ sie sich befreien, um sich optimal auf die Spiele vorbereiten zu können. Dann kam der Rückschlag.

Mallorca fällt dafür aus

Richtig verkraften konnte sie das nicht, von den Spielen wollte sie Abstand gewinnen. „Ich habe Urlaub gebucht und wollte jetzt nach Mallorca fliegen, weil ich nicht damit gerechnet habe, doch noch dabei zu sein. Außerdem wünscht man ja auch niemandem, dass er sich verletzt“, sagte Schuster. Eine Reiserücktrittsversicherung schloss sie nicht ab, obwohl sie auf Abruf nominiert war und sich bis zum Beginn der Spiele fit halten musste. Kurzfristig bot sie nun Freunden an, ihren Flug zu übernehmen. „Wenn das nicht klappt, ist es auch egal.“ Der Verlust von ein paar Euro bedeutet nichts im Vergleich zu dieser ungeahnten Chance.

In Sotschi wird die 110-malige Nationalspielerin heute von ihren Berliner Klubkolleginnen Susann Götz und Nina Kamenik freudig empfangen werden. Sonntag steht die erste Partie gegen Gastgeber Russland auf dem Programm, es folgen die weiteren Gruppenspiele gegen Schweden und Japan. Platz zwei und damit der Einzug in das Viertelfinale ist das Ziel. Aber so weit denkt Lisa Schuster noch nicht. „Bei mir herrscht jetzt eine Mischung aus Nervosität und Stolz. Ich weiß nicht, was mich erwartet“, sagte sie. Zunächst stand ihr eine kurze Nacht bevor, um sechs Uhr früh ging ihr Flug. Sie war sich „nicht sicher, ob ich überhaupt schlafen kann.“