London 2012

Deutsche Kanuten polieren deutsche Olympia-Bilanz auf

Deutschlands Kanuten haben das Paddel im Griff: So viele Medaillen hat bisher keine andere Sportart für Deutschland geholt.

Foto: AFP

Auf einmal kam Kurt Kuschela um die Ecke gerannt. „Ja, noch ein Gold“, schrie er aufgeregt und suchte nach Leuten, mit denen er jubeln konnte. Franziska Weber und Tina Dietze paddelten da gerade im Zweier-Kajak zurück ans Ufer – beide fassungslos über ihren Olympiasieg, Dietze mit Tränen in den Augen. Kuschela hatte vielleicht sogar einen kleinen Anteil am Triumph der jungen Frauen gehabt: Denn als Weber und Dietze auf ihren Start gewartet hatten, kämpften sich gerade Kuschela und Peter Kretschmer im Zweier-Canadier 1000 Meter lang durch die Kanustrecke auf dem Dorney Lake in Eton. Weber hatte sie aus dem Augenwinkel beobachtet. „'Was für verrückte Jungs', habe ich in dem Moment gedacht. Wow. Puh. Einfach coole Typen“, sagt sie.

Es war der Tag der jungen Wilden. Unbekümmert, ungestüm, nervenstark und selbstbewusst paddelten Kurt Kuschela (23) und Peter Kretschmer (20) im Zweier-Canadier sowie Franziska Weber (23) und Tina Dietze (24) im Zweier-Kajak zu Olympiagold. Und das bei ihren ersten Olympischen Spielen. Nach dem Sieg von Sebastian Brendel (24) am Vortag im Einer-Canadier über 1000 Meter hat sich die neue Generation damit endgültig in den Vordergrund katapultiert. Cheftrainer Reiner Kießler zitterte gar ein bisschen und rang um Worte. „Ich kann gar nichts sagen. Ich bin richtig glücklich. Das haben sie klasse gemacht“, sagte er. Die Postdamerin Franziska Weber stammelte ähnlich gerührt: „Das ist so unfassbar. Ich bin so dankbar.“

Der Vierer der Männer geht leer aus

Der Deutsche Kanu-Verband (DKV) hat damit nach acht von zwölf Entscheidungen dreimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze gesammelt. Besser steht bisher keine andere Sportart in Deutschland da. Fast wäre Donnerstag noch eine weitere Medaille dazugekommen, aber der Vierer-Kajak der Männer mit Marcus Groß, Norman Bröckl, Tim Wieskötter und Max Hoff verpasste Bronze über 1000 Meter um 0,322 Sekunden. Während Hoff versuchte, seine Enttäuschung in Worte zu fassen, brüllten hinter ihm die Drittplatzierten Tschechen ihre Freude heraus. Mit einem furiosen Endspurt hatten sich die Deutschen noch mal herangekämpft, die Lücke zu den siegreichen Australiern, den Ungarn und eben den Tschechen war aber zu groß gewesen.

Die Ernüchterung im Vierer drückte nur kurz auf die Stimmung, zu famos hatten die anderen vier ihre Siege herausgefahren. Um die Zukunft muss sich im Kanurennsport jedenfalls niemand Gedanken machen. „Wir hatten zwischen den Spielen eine Erneuerungsquote zwischen 50 und 60 Prozent, das ist auch das Geheimnis unseres Erfolges. Wir gehen nicht nach Nase, sondern nach Leistung“, sagte Thomas Konietzko, Präsident des DKV. Wie stark die deutsche Mannschaft ist und wie enorm der Druck der jungen, aufstrebenden Sportler ist, hatten zuletzt Stefan Holtz (31) und Stefan Wylenzek (29) zu spüren bekommen. In der internen Olympiaqualifikation hatten die amtierenden Weltmeister knapp gegen Kretschmer/Kuschela verloren.

Nach einem Olympiasieg der beiden sah es im Dorney Lake lange Zeit aber nicht aus. Nach 750 Metern lagen sie an Position drei. Doch frech und clever wie sie waren, zogen die beiden einen Endspurt an, bei dem kein anderer mithalten konnte. Der Potdamer Kuschela fühlte sich die letzten Meter „wie in Trance“, und Kretschmer sagte später: „Als wir an den Führenden dran waren, habe ich gewusst, dass wir das durchziehen. Wenn jemand so schnell angerauscht kommt, fühlt sich das für die anderen nie gut an. Das war einfach nur geil.“ Von Nervenflattern bei ihrer Olympiapremiere war nichts zu spüren. Ihnen fiel auch kein Grund ein, weshalb sie an sich selbst hätten scheitern sollen. „Wir hatten ja nichts zu verlieren. Wir sind so jung. Wer hätte es uns übel genommen, wenn wir Achter geworden wären?“, fragte Kretschmer. Die beiden jungen Männer zogen einfach völlig cool ihr Rennen durch. Genau wie geplant.

Nach dem ersten Jubel ließ sich Kretschmer ausgepowert nach hinten fallen – und von Kuschela gab es als Belohnung einen Schmatzer auf die Stirn. Die nächste Topleistung folgte sofort. Die Deutschen paddelten zu den Zweitplatzierten Weißrussen Andrej und Alexander Bachdanowitsch hinüber – so dicht, dass Kretschmer einen Fuß in das Boot der Gegner stellte und sich jubelnd aufrichtete. Nur Kuschela war nicht ganz wohl bei der Sache. „Ich hatte Angst. Wenn Peter reingefallen wäre, das wäre vielleicht eine Sportstrafe geworden. Ich habe immer wieder zu ihm gesagt: Peter, knie dich hin, knie dich hin. Wir haben das Gold noch nicht in der Hand“, erzählte er. Jetzt konnte er darüber lachen.

Der Vater muss Freibier austeilen

Im Moment seines Erfolges hatte Kuschela aber auch ein bisschen Mitleid mit seinem Vater, der das Rennen in Deutschland vor dem Fernseher verfolgt hatte. „Er hat eine Kneipe und wird ordentlich Freibier ausgeben müssen. Es ist immer ein schlechtes Geschäft für ihn, wenn wir gewinnen“, sagte der 23-Jährige und grinste frech. Feiern wollte er jetzt auch – und zwar „heftig“.

Neben der jugendlichen Frische verbindet die vier Sieger noch ein anderes Erfolgsgeheimnis: Sowohl Kuschela und Kretschmer als auch Weber und Dietze sind gut befreundet. Die jungen Männer wohnen in Potsdam sogar nebeneinander, haben den gleichen Freundeskreis und „den gleichen Humor“, wie sie betonen. „Eigentlich sind wir wie ein Ehepaar. Dieses Jahr war am schlimmsten, wir haben uns auch manchmal gezankt und sind uns aus dem Weg gegangen“, erzählen sie. Eine Umarmung – und dann war alles wieder gut.

Die Potsdamerin Weber und die Leipzigerin Dietze hocken nicht ganz so eng aufeinander, aber ihre Freundschaft ist deshalb nicht weniger gut. „Wir können beide sehr offen miteinander reden, ohne dass der eine das dem anderen etwas krumm nimmt. Wir haben ein unheimliches Vertrauen ineinander, man darf niemals an dem anderen zweifeln“, sagt Weber. Bereits am Vortag hatten die beiden im Vierer mit Carolin Leonhardt und Katrin Wagner-Augustin Silber gewonnen, jetzt distanzierten sie die Ungarinnen Katalin Kovacs/Natasa Douchev-Janics nach 500 Metern um mehr als eine Sekunde.

Diese beeindruckende Deutlichkeit war zwar nicht ihr Plan gewesen, der Sieg jedoch schon. „Wenn du als deutscher Kanute zu den Olympischen Spielen fährst, willst du Gold gewinnen“, sagt Weber selbstbewusst. Michael Vesper, Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes, lobte das erfolgreiche Abschneiden der Kanuten und kündigte eine umfangreiche Analyse an: „Wir können natürlich nicht so tun, als könnte man das Konzept der Kanuten eins zu eins auf andere Sportarten übertragen, aber wir werden natürlich genau auswerten.“ Dass es zu Silber und Gold gereicht hat, konnte Franziska Weber trotzdem nicht so ganz fassen – die Silbermedaille vom Vortag durfte sogar neben ihr schlafen. Die goldene will sie nun gar nicht erst abnehmen.