London 2012

Berliner Beach-Boys greifen nach olympischem Gold

Julius Brink und Jonas Reckermann kämpfen im Beachvolleyball-Finale gegen die brasilianischen Weltmeister Alison Cerutti und Emanuel Rego.

Foto: DAPD

Minutenlang saß Julius Brink einfach nur da, wie abgeschottet von der Außenwelt. Der 30 Jahre alte Beachvolleyballer hatte sich ein Handtuch über den Kopf geworfen, versteckte sich so vor dem Scheinwerferlicht und den tausenden Zuschauern. Der auf dem Feld stets so emotionale, auch schon mal aufbrausende Typ brauchte Zeit für sich. „Ich war einfach nur glücklich, es war schwer zu begreifen, was da gerade passiert war“, sagte er später über diese Szene. „Irgendwann realisierst du dann, dass du nicht mehr aufstehen und zurück aufs Feld musst. Dass da keiner mehr pfeift. Du kannst dich fallen lassen und dich einfach nur freuen. Pures Glück.“

Brink und Jonas Reckermann (33) hatten sich kurz zuvor ins olympische Finale von London (heute, 22 Uhr) gespielt und für den bisher größten Erfolg im deutschen Beachvolleyball gesorgt. Durch ein ungefährdetes 2:0 im Halbfinale gegen die Niederländer Reinder Nummerdoor/Rich Schuil ist dem Duo vom VC Olympia Berlin Silber schon sicher. „Das ist der sportlich größte Moment meines Lebens. Ich bin überwältigt davon, dass wir das geschafft haben“, sagte Zwei-Meter-Hüne Reckermann.

Damit hat er gemeinsam mit Brink das Duo Jörg Ahmann und Axel Hager übertroffen, das bei den Spielen 2000 in Sydney sensationell Bronze gewonnen hatte. „Das waren zwölf lange Jahre. Ich bin so froh, dass die beiden jetzt auch eine Medaille haben“, sagt der heute als Bundestrainer tätige Ahmann und blickte gleich in Zukunft. „So können wir die Öffentlichkeit auf diese geniale Sportart aufmerksam machen. Das kann der Beginn eines Beach-Booms sein.“

Für Brink und Reckermann geht es aber erst einmal um den Olympiasieg. Im Finale bekommen sie es nun ausgerechnet mit den Weltmeistern Alison Cerutti und Emanuel Rego aus Brasilien zu tun. „Wir haben nichts zu verlieren“, sagt Reckermann. „Jetzt wollen wir Gold holen.“

Gegner zwei Jahre nicht bezwungen

Die Weltmeister von 2009 hatten sich zuvor immer gewunden, eine klare Ansage zu ihren Zielen in London zu machen. Wer lange genug nachbohrte, der hörte zumindest von Brink Sätze wie: „Klar, eine Medaille ist immer unser Ziel.“ Das klang wie beiläufig gesagt. Bloß keinen Druck aufbauen. Wie groß aber der Wunsch des Duos tatsächlich war, zeigten neben der Handtuch-Szene von Brink auch schon die ersten Sekunden nach dem Halbfinalsieg. Brink jubelte gar nicht, er fiel einfach nur in den Sand. Reckermann warf sich obendrauf. Noch Minuten nach dem verwandelten Matchball ballte der lange Blockspezialist immer wieder die Faust, während sich Brink langsam von seinem Stuhl aufraffte, das Handtuch beiseite legte und dem Publikum applaudierte. „Wir haben diese Medaille, von der wir immer geträumt haben. Wir haben uns nie getraut, es auszusprechen, aber wir wollten sie haben. Es ist einfach großartig“, sagte Brink.

Jetzt kann es sogar Gold werden – auch wenn auf der anderen Seite des Netzes mit Emanuel Rego der König des Beachvolleyballs auf sie wartet. Der 39-jährige dreimalige Weltmeister ist der einzige Spieler, der seit Beginn der olympischen Beachvolleyball-Geschichte 1996 jedes Mal dabei war. 2004 nahm er Gold, 2008 Bronze mit nach Hause. „Das ist eine Riesenaufgabe“, sagt Reckermann angesichts zweier siegloser Jahren gegen das brasilianische Duo. „Aber wir haben eine Chance.“ Denn die Deutschen haben in London perfekt in ihr Spiel gefunden, sich in einen Rausch gespielt und sind voller Emotionen. Und die Brasilianer zeigten innerhalb des Turniers auch mal Schwächen.

Unbesiegbar sind sie jedenfalls nicht. Rego selbst hatte schließlich schon vor dem Start der Spiele geahnt, wie erfolgreich die Deutschen sein könnten. „Ich erwarte eine ganze Menge von ihnen. Ich denke, dass sie sehr stark sein werden, weil sie auch mental stark sind“, hatte der Brasilianer gesagt. Er behielt recht.

Dabei hatte es lange Zeit alles andere als gut ausgesehen für die Medaillenjagd. Reckermann hatte sich in der Saisonvorbereitung eine Schulterverletzung zugezogen, sodass Brink sich zeitweise sogar einen anderen Trainingspartner suchen musste. „Als es nach vier Wochen immer noch nicht viel besser war, bin ich natürlich ein bisschen ins Grübeln gekommen“, sagt Reckermann rückblickend. „Zwischendurch war schon im Kopf, dass London vielleicht gefährdet ist.“ Erst bei den Europameisterschaften Anfang Juni konnten sie gemeinsam in die Wettkampfsaison starten – und überraschten gleich mit dem Titelgewinn. Dann aber kam der Dämpfer beim Grand Slam in Berlin mit dem frustriered frühen Aus im Achtelfinale.

Dass sie nun trotz dieser recht holprigen Vorbereitung so stark in London auftreten, spricht für die Qualität der beiden. Und für ihren Teamgeist. „Es war für uns beide eine üble Phase“, sagt Reckermann über die Zwangspause, und Brink ergänzt: „Wir sind aber noch enger zusammengerückt in dieser Zeit, haben den anderen noch näher kennengelernt.“

Mit anderen Partnern gescheitert

Für das Finale kann das nur von Vorteil sein. Denn auch wenn Brink/Reckermann längst zu einem Synonym für Beachvolleyball in Deutschland geworden sind, kämpfen sie erstmals Seite an Seite bei Olympischen Spielen. Reckermann war 2004 dabei, flog mit Markus Dieckmann im Achtelfinale raus, Brink scheiterte 2008 mit Christoph Dieckmann in der Vorrunde. Als die beiden sich 2009 zusammentaten, war deshalb klar: Das langfristige Ziel sind die Spiele in London – dieses Mal mit einem besseren Ergebnis als zuvor. „Ich weiß nicht, was ich zu Hause zerstört hätte, wenn ich nur mit meiner Akkreditierung um den Hals zurückgekehrt wäre. Und ohne Medaille“, sagte Brink nach dem Finaleinzug und lachte. „Ich glaube, ich hätte sehr, sehr lange gebraucht, um mich trotzdem mit einer guten Leistung zufrieden zu geben.“