Es gab Zeiten, da gehörte Michael Fischer zur deutschen Ruderelite. 2006 gewann er bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Amsterdam Silber im Achter, bei der Siegerehrung gab es eine Medaille und einen Strauß aus drei Sonnenblumen für den Schlagmann.
Mit ein bisschen mehr Trainingseifer und Wettkampfhärte hätte er vielleicht eine ähnliche Entwicklung nehmen können wie zwei seiner Mannschaftsgefährten. Maximilian Reinelt und Eric Johannesen saßen seinerzeit mit Fischer in einem Boot, vor vier Tagen gewannen sie in London olympisches Gold im Achter.
Fischer war in den vergangenen Jahren einen anderen Weg gegangen und hatte den Rudersport zunehmend aus den Augen verloren. Er schloss sich der Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“ an und trat der NPD bei.
Er gilt nicht nur als rechtsextrem, sondern auch als gewaltbereit. Und weil er zudem noch mit der Ruderin Nadja Drygalla liiert ist, haben Fischers Gesinnungen das deutsche Olympiateam erreicht. Seine Freundin verließ Donnerstag das Mannschaftsquartier in der Nähe von Eton Dorney, was der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als freiwillige Entscheidung der Ruderin aus dem Frauen-Achter verkaufen will.
Nun steht die Frage im Raum, ob und wie lange der DOSB, der Deutsche Ruderverband und der im Falle der Rostockerin Drygalla zuständige Landessportbund Mecklenburg-Vorpommern schon von der Verbindung der Sportlerin wussten und ob sie die Partnerschaft einer Olympiastarterin zu einem Neonazi möglicherweise nicht nur toleriert, sondern sogar gedeckt haben.
Spuren zur Rostocker Hooligan-Szene
Es gibt Hinweise darauf, dass der damals 18-jährige Fischer schon 2006 rechtes Gedankengut pflegt. Ex-Teamkollege Johannesen wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern. Nur soviel: Er habe lediglich im WM-Jahr Kontakt zu Fischer gehabt.
Maximilian Munski wird da deutlicher. Fischer habe schon 2006 der Hooligan-Szene von Hansa Rostock angehört, sagt Munski, der im erweiterten Kader des Deutschland-Achters stand. 2006 zählte auch Munski zu den Teamkollegen von Fischer. Als der ein Jahr später öffentlich mit seiner rechten Gesinnung kokettierte, war die Aufregung groß.
„Wir konnten das nicht glauben und haben uns dann schnell von ihm distanziert, weil wir total erschrocken waren“, sagte Munski. Dass Fischer später mit Nadja Drygalla zusammenkam, sei ebenfalls ein Thema gewesen. „Unter den Sportlern war das definitiv bekannt, wir haben oft darüber gesprochen“, so Munski. Ob auch die Funktionäre und Trainer davon wussten, sei ihm nicht bekannt.
Eben diesen Umstand bestreiten die zuständigen Personen. Michael Vesper, Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams, und Ruderverbandspräsident Siegfried Kaidel bekräftigen, dass ihnen erst am Donnerstag die umstrittene Beziehung Drygalla/Fischer bekannt geworden sei.
In einem 90-minütigen Gespräch habe man mit der Sportlerin, die mit ihrem Team im Hoffnungslauf gescheitert war, ausgemacht, dass sie aus dem Mannschaftsquartier abreise. Können sie wirklich nichts mitbekommen haben, obwohl das Thema schon seit Jahren ausgiebig unter den Spitzenruderern diskutiert wurde?
Besuche auf umstrittenen Webseiten
Hinzu kommt, dass Drygalla (23) im Herbst vergangenen Jahres ihren Dienst bei der Polizei quittierte, nachdem sie wegen der Liaison zu Fischer ausgiebig befragt worden war. Spätestens zu jener Zeit hätten auch der Ruderverband und der Landessportbund informiert werden müssen. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier wundert sich: „Es hat schon 2011 sehr intensive Gespräche mit ihr gegeben, in die auch der Landessportbund und ihr Verein einbezogen waren.“
Zwar bemühen sie sich bei DOSB und Ruderverband herauszustellen, dass sich Drygalla von der rechten Szene distanziere. Aber Morgenpost Online liegen Unterlagen vor, wonach die Ruderin durchaus Sympathien für die Gesinnung des Freundes hegt.
Auf einem Foto, das Mitglieder der „Nationalen Sozialisten Rostock“ bei einer Demonstration im August 2009 in Malchow zeigt, soll auch Drygalla abgebildet sein. Und im sozialen Netzwerk Facebook sind inzwischen einige Einträge gelöscht worden, aus denen deutlich wird, dass Drygalla sich auf umstrittenen Seiten getummelt hat.
Das Facebookprofil „Fail Better Photography“, zeigt etwa eine Unbekannte mit Baseballschläger und „White Power“-Aufdruck auf ihrem T-Shirt, auch die als kriminelle Vereinigung verbotene Band „Landser“ wird dort gewürdigt. Drygalla hat diese Seiten zumindest gesichtet. „Ich kenne sie nur als nette, junge Dame“, sagte Verbandschef Kaidel noch am Sonnabend an der Ruderstrecke.
„Nazi-Braut“ als Aushängeschild
Die Causa Fischer-Drygalla ist auch insofern problematisch, als dass Experten ohnehin schon lange vor der Verbindung Rechtsextremismus und Sport warnen. In vielen Sportvereinen engagieren sich Neonazis und finden dort nicht selten eine Basis, um ihre Ideologie zu verbreiten. Sportklubs sind häufig auch Anlaufpunkt, um „Nachwuchs“ für die eigenen Organisationen zu gewinnen.
Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer „offensiven Normalisierungsstrategie der extremen Rechten“. Sollten sie nun mit einer Sportlerin werben können, die dem rechten Umfeld nahesteht, würde ihnen dies in die Karten spielen. Eine „Nazi-Braut“ aus dem Olympiakader als Aushängeschild quasi.
DOSB-Chef Thomas Bach bemühte sich, Brisanz aus der Geschichte zu nehmen. „Man muss sehr klar unterscheiden zwischen ihrer eigenen politischen Ansicht und Orientierung und der ihres privaten Umfeldes“, sagte er. Nach den Spielen sei zu klären, „ob sie sich klar zu den Prinzipien des DOSB und des Grundgesetzes bekennt. Im zweiten Schritt sind auch die Frage zu erörtern: Hat jemand vorher davon gewusst? Und warum ist das dann nicht an uns dann weitergegeben worden?“
Inzwischen räumte der Landessportbund Mecklenburg-Vorpommerns ein „Kommunikationsproblem“ ein, der DOSB sei nicht informiert worden. „Auf die Idee sind wir gar nicht gekommen“, sagte der Vorsitzende Wolfgang Remer.




