Morgenpost Online: Herr Rogge, Sie haben eine Eloge auf Vancouver losgelassen, sprechen von einem „atemberaubenden Muster“ für künftige Spiele. Was veranlasste Sie dazu?
Jacques Rogge: Vancouver ist eine großartige, liberale Stadt, eine Stadt in einem Land, das für den Sport lebt. Die Kanadier haben bereits ein einzigartige Vorbereitung hingelegt, bei der sehr viel Wert auf den Umweltschutz und die Nachhaltigkeit gelegt wurde. Es werden magische Tage hier, das verspreche ich.
Morgenpost Online: Das Thema Doping könnte das Bild schnell trüben. Seit dem Urteil im Fall der wegen auffälliger Blutwerte gesperrten Claudia Pechstein hat unter anderem der Internationale Skiverband zugegeben, über eine Liste von Athleten mit ähnlich unnatürlichen Blutwerten zu verfügen. Sind Sie enttäuscht, dass bisher keine konkreten Maßnahmen ergriffen wurden?
Rogge: Es ist jetzt vor allem eine juristische Frage, und solange das Pechstein-Verfahren nicht endgültig abgeschlossen ist, kann ich mir vorstellen, dass die Verbände mit auffälligen Blutprofilen vorsichtig agieren. Sie wissen, wie spitzfindig Anwälte sein können. Die Weltantidopingagentur Wada hat verbindliche Richtlinien zum Umgang mit auffälligen Blutwerten verfasst, da gibt es keine Zweifel. Auch bei diesen Spielen werden wir zum ersten Mal die Mittel ergreifen können, Athleten zu disqualifizieren, auch wenn sie keinen positiven Test haben, sich aber irgendwelche Anomalien im Blut ergeben.
Morgenpost Online: Gerade was russische Sportler angeht, wurden zuletzt Zweifler laut, die eine viel zu laxe Kontrollpraxis in der Heimat anprangern. Mehrere Langläufer wurden gesperrt, es gab Berichte über Behinderungen von Kontrolleuren und nun in Vancouver musste Eishockeyspielerin Swetlana Terentewa verwarnt werden, weil ihr Nasenspray eine verbotene Stimulans enthalten hatte.
Rogge: Ich werde auf der Session mit den einzelnen nationalen Verbänden reden und mich genauestens über den Fortschritt der Entwicklungen erkundigen, besonders beim russischen Verband.
Morgenpost Online: Der russische Sportminister ist in die Gegenoffensive übergegangen. Er warf Kritikern vor, psychologischen Druck aufzubauen, um die russischen Athleten zu zermürben.
Rogge: Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Wir fordern nur dieselben Standards für alle Nationen, und da scheint es mir, als hätten die Russen Nachholbedarf.
Morgenpost Online: Kann es bei diesen Spielen erneut Razzien geben wie 2006 in Italien?
Rogge: Ja. Gibt es Verdachtsmomente, wird kein Sportler der Spieler Immunität genießen.
Morgenpost Online: Das IOC will 450 Blutproben nehmen lassen. IOC-Chefmediziner Arne Ljungqvist warnte Dopingsünder, dass in den Laboren in Kürze Hematide nachgewiesen werden. Wird es in Vancouver eine Rekordzahl positiver Tests geben?
Rogge: Schwer zu beurteilen. Es gab in Salt Lake City sieben positive Befunde. In Turin waren es acht. Aber daraus kann man keinen Trend ableiten. Wir haben neue Nachweismethoden, und die alten werden ständig verfeinert.
Morgenpost Online: Aber es gibt immer neue Präparate, dazu Gendoping. Sind die Tests nicht Augenwischerei?
Rogge: Nein. Ich verstehe, dass Sie die Zahl der positiven Tests beunruhigt. Unsere Labore sind aber immer auf dem neuesten Stand. Und wir heben die Proben acht Jahre lang auf, um die gegebenenfalls nachzutesten.
Morgenpost Online: In Vancouver findet Skicross zum ersten Mal Aufnahme im Programm. Sehen Sie mögliche weitere Anwärter fürs Winterprogramm?
Rogge: Ich glaube, wir haben alle wichtigen Sportarten bereits dabei. Es gibt einige Interessenten, aber ihnen fehlt die Universalität oder die Verbreitung, wie Bandy, dem Vorläufer des heutigen Eishockeys oder Winter-Orientierungsläufen.
Morgenpost Online: Warum war Ihr Komitee so widerstrebend, Skispringerinnen in Vancouver zuzulassen, dass die sogar versucht haben, sich einzuklagen?
Rogge: Im Grunde haperte es damals an der Leistungsqualität der Athletinnen. Beim Weltverband Fis sind derzeit 164 Skispringerinnen registriert – im Vergleich zu 3000 Männern. Das Feld der 164 ist zudem nicht sehr homogen. Es gibt eine Spitzengruppe von 10 bis 15 Athletinnen, der Rest liegt weit zurück. Zwischen der Nummer 1 und 15 der Männer liegen nur sehr kurze Abstände, bei den Frauen kommen dagegen die hinten Platzierten auf nur 40 Prozent der Weite der Besten. Aber sie machen Fortschritte. Wir lassen die Skispringerinnen bei den Jugendspielen in Innsbruck 2012 antreten, und wenn ihre Entwicklung so weiterverläuft, haben sie eine Chance, 2014 in Sotschi dabei zu sein. Aber in Bezug auf Vancouver haben wir gedacht, dass es zu früh wäre, drei Medaillen unter einer so kleinen Gruppe mit so einer großen Leistungsdiskrepanz zu verteilen.
Morgenpost Online: Schadeten die Einklageversuche dem olympischen Ehrgeiz der Frauen?
Rogge: Nein, absolut nicht. Sie sind jung. Ich erwarte, dass diese Generation in Sotschi 2014 bereit ist, ihr Bestes zu geben.
Morgenpost Online: Wie sehen Sie Bestrebungen künstlicher Sportarten: Biathleten starten aufgrund des kommerziellen Interesses, nicht zuletzt in Deutschland, inzwischen auf Rollski mit ihren Gewehren auch im Hochsommer. Käme so eine Sportart für Sommerspiele in Betracht?
Rogge: Auf Rollski mit Gewehren? Es gibt keinen Wunsch im IOC, mehr als 28 Sportarten im Programm zu haben. Wir finden, dass das genügt. Wir haben alle wichtigen Sportarten. In Frage kommen nur solche, die ohnehin populär sind. Da scheint es mir zu weit hergeholt, dass so etwas wie Sommerbiathlon eine der 28 Sportarten ersetzen sollte.
Morgenpost Online: Welche weiteren Sportarten betrachten Sie tauglich für die Sommerspiele?
Rogge: Im Jahr 2011 werden wir mit unserer Programmkommission eine ausführliche Liste von potenziellen Sportarten erstellen: Darauf werden natürlich die Sportarten wie Soft- und Baseball auftauchen, die Olympia verlassen mussten. Sie verdienen eine weitere Begutachtung. Auch die anderen Sportarten, die dieses Jahr letztendlich nicht zur Wahl vorgeschlagen wurden – Squash, Karate, und Rollsport – werden wir uns anschauen. Ich werde sehen, ob sich andere Sportarten aus anerkannten Verbänden bewerben können.
Morgenpost Online: Wie sieht dann das Verfahren aus?
Rogge: Auf die Erstellung einer ersten Liste, folgt eine ausführliche Untersuchung dieser Sportarten. Als nächsten Schritt sollten wir eine engere Auswahl entwickeln, vermutlich im Frühjahr 2013. Die engere Auswahl wird dann wiederum dem Vorstand vorgelegt, der daraufhin einen Sport auswählt und der Vollversammlung für die Aufnahme vorschlägt. Außerdem wird der Vorstand die Kernsportarten von 26 auf 25 reduzieren müssen. Der Sport, der heraus fällt, wird ebenfalls das Recht erhalten, in die engere Auswahl der zu wählenden Sportart zu kommen.
































































