Zur Aufbesserung der Mannschaftskasse käme den deutschen Olympiateilnehmern ein Phrasenschwein zupass. Wenn wenige Tage vor Beginn der Winterspiele in Vancouver und Whistler alle nachgewiesenen Experten (und Schlaumeier) fünf Euro pro Floskel einzahlten, würde das Schwein vielleicht bald platzen.

Die Deutsche Presseagentur hat vorige Woche jedenfalls unter Elitesportlern a.D. nachgefragt und ein bisschen Blech gesammelt. „Die anderen schlafen ja nicht“, warnt also Rodlerin Sylke Otto vor der ausländischen Konkurrenz, und Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann doziert: „Olympia hat eigene Gesetze.“ Die zu beantwortende Frage war dabei durchaus eine ebenso interessante wie zentrale. Sie lautet: Bleibt Deutschland die Wintersportnation Nummer eins der Welt?

Vor Beginn der 21. Winterspiele vermag zwar noch keiner eine abschließende Antwort zu geben. Doch wer Indizien und Meinungen zusammenträgt, wer sich die Meriten der Vergangenheit und die Bekenntnisse zur Zukunft anschaut, der kommt zumindest der Perspektive auf die Spur.

Elf Gold-, zwölf Silber- sowie sechs Bronzemedaillen hamsterten die deutschen Winterolympioniken 2006 in Turin. Sie waren damit den rund 80 anderen Nationen nicht nur an Siegen, sondern auch an der Gesamtzahl der Plaketten voraus. Deutschland, ein Wintersportland.

„Wir wollen hier um den Platz eins mitkämpfen. Es wäre auch überraschend, wenn wir das nicht wollten“, sagt nun Bernhard Schwank, 49, einst Leistungssportdirektor im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und in Vancouver Chef de Mission. Die deutschen Verbände gingen „sehr ambitioniert an diese Spiele heran“, wenngleich „die internationale Spitze erheblich breiter geworden ist. Mit den USA, Kanada, Norwegen, Österreich, Russland und uns wetteifern gleich sechs Nationen um den Sieg mit“.

Den Erfolg so weit wie möglich berechenbar zu machen, ist die knifflige Aufgabe eines jeden Olympiazyklus. Auch wenn „am Ende oft Zentimeter oder Tausendstelsekunden über Sieg und Niederlage entscheiden“ (Schwank). Gerade im kostenintensiveren Wintersport spielt Geld eine entscheidende Rolle – und Deutschland lässt sich seinen Schneespaß einiges kosten. Sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene.

So entstand in Oberhof unter anderem für Biathleten und Langläufer jüngst für 14 Millionen Euro ein ökologisch und wirtschaftlich nicht unumstrittenes Wintersportzentrum samt überdachter Loipe, finanziert und subventioniert aus Steuereinnahmen. Den Rodlern und Bobfahrern stehen bundesweit vier Kunsteisbahnen zur Verfügung, mehr als in jeder anderen Nation. Allein in Königssee liegt der Investitionsbedarf laut deren Bahnchef bei derzeit 22 Millionen Euro netto. „Das wird zum größten Teil aus dem Konjunkturpaket zwei gedeckt“, sagt Markus Aschauer. Es sind nur zwei Beispiele von vielen.

„Deutschland ist mit seiner Sportinfrastruktur eines der am weitesten entwickelten Länder. Dazu gehören Investitionen auf allen Ebenen des Sports“, sagt Bernhard Schwank. Es ist also nicht vermessen, wenn der Steuerzahler vom alimentierten Sport viel erwartet. Auch jetzt in Kanada.

Christian Breuer, 33, sieht dabei auch die Sportler in der Pflicht: „Man kann schlecht Dinge fordern, ohne Leistung zu bringen“, sagt der Vorsitzende des Beirats der Aktiven im DOSB: „Das ist das Gleiche wie im Beruf: Da kann ich auch nicht nach einer Gehaltserhöhung schreien und gleichzeitig einige Stunden weniger arbeiten. Das passt nicht zusammen.“

Die 153 deutschen Olympiateilnehmer, versichert Breuer lachend, „reisen nicht nach Kanada wegen Spannung, Spiel und Schokolade“. Zweimal nahm der Polizist selber an Olympia teil, er weiß um die Wunschvorstellungen von Publikum, Funktionären und Medien. Breuer sagt: „Ich sträube mich gegen jede Form von Medaillenspiegel und gegen Aufrechnen zählbarer Leistung. In der heutigen Zeit ist es bei enormer Leistungsdichte in einzelnen Sportarten wichtig, auf den Punkt zum Saisonhöhepunkt fit und in Höchstform zu sein.“

Nach mäßigem Saisonstart ist das inzwischen auch den deutschen Biathletinnen und Biathleten zuzutrauen. Die olympischen Musterknaben – 2006 in Turin heimsten allein sie vier goldene, vier silberne und zwei bronzene Medaillen ein – sind mit ihrer Masse an Wettbewerben wieder einmal gefragt, die Bilanz so zu polieren, dass am Ende die von DOSB-Präsident Thomas Bach angepeilte „Titelverteidigung“ im Medaillenspiegel herausspringt. Doch nicht nur das. Die Skijäger sind auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass der schwarz-rot-goldene Wintersport weiterhin auf einem anderen Feld triumphiert: Bei der Abstimmung mit der Fernbedienung.

Die Deutschen halten ihren Helden auf Eis und Schnee beständig die Treue. „Von Anfang bis Ende der Saison ist eine große Liebe auszumachen“, sagt Veit Wolff, Wintersportexperte des Kölner Marktforschungsinstituts Sport+Markt: „Die Einschaltquoten sprechen nach wie vor für sich. Es sind absolute Knüller darunter wie die Vierschanzentournee oder die Biathlon-Übertragungen.“ Aber: „Die Einschaltquoten sind zum größten Teil eng an die Erfolge der deutschen Wintersportler geknüpft.“

Selbst von der Anzahl der Aktiven her als Randsportarten zu bezeichnende Sportarten wie Rennrodeln oder Skispringen werden da des Winters plötzlich zu Quotenbringern. Veit Wolff: „Aktuelle Marktforschungsstudien zeigen, dass das Interesse am Wintersport gleich geblieben ist im Vergleich zum Vorjahr und dass die Tendenz über die vergangenen Jahre positiv ist.“ Lediglich die Vorlieben haben sich im Laufe der Jahre verschoben (siehe Grafik im Bild links).

Die Systeme profitieren somit gegenseitig. Erfolgreiche Wintersportarten locken Sponsoren durch Fernsehpräsenz, das Fernsehen Zuschauer durch erfolgreiche Athleten, und Staat und Bürger sonnen sich im Glanze des Edelmetalls.

In Vancouver und Whistler will der Sportdachverband DOSB nun möglichst noch eine weitere Weiche stellen, damit das Geld zur Verteidigung (oder Wiedereroberung) der Spitzenposition im Nationenvergleich weiterhin ausreichend fließt. Während der Spiele in Kanadas Westen werden, angeführt von IOC-Vizepräsident Bach, Sportfunktionäre und Politiker wie Innenminister Thomas de Maizière (CDU) oder Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) beharrlich Lobbyarbeit bei den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) betreiben. Denn die entscheiden im Sommer 2011 darüber, ob München als Bewerberstadt die Winterspiele 2018 bekommt – und nebenbei auch ein bisschen darüber, wie rosig die Zukunft des deutschen Winterspitzensports sich gestalten lässt.

Denn zuletzt, das zeigen die (teil-)staatlichen Programme für Peking („Project 119“), London („Mission 2012“) und auch Vancouver („Own The Podium“), profitierten die Sportverbände des Ausrichterlandes von spendablen Regierungen, die möglichst viele Goldmedaillen zum Staatsziel ausrufen.

Den Kanadiern etwa sollen in der Vorbereitung auf Vancouver seit 2005 rund 70 Millionen Euro Fördergelder, davon rund 41 Millionen vom Staat, entscheidend auf dem Weg zur weltbesten Wintersportnation helfen. Bekäme München die Spiele – die deutschen Sportler dürften sich wohl ebenso über Extra-Millionen freuen. Wintersportmeriten würden nationales Ziel.

„Primäre Motivation ist das nicht“, sagt Chef de Mission Bernhard Schwank, in Personalunion einer der Geschäftsführer der Münchener Bewerbungsgesellschaft, und ergänzt schmunzelnd: „Aber, keine Frage, die Leistungssportförderung wird sicherlich nicht darunter leiden. Wir müssen zusehen, die Trainingsbedingungen zu optimieren, damit wir auch weiterhin zu den führenden Nationen zählen.“

Aktivensprecher Christian Breuer glaubt an einen indirekten Effekt deutscher Triumphe in Kanada. Er sagt: „Je öfter ein IOC-Mitglied Medaillen an deutsche Sportler überreicht, die ihn dann mit Tränen in den Augen kräftig drücken, desto besser.“ Nicht nur für München 2018. Auch für den Medaillenspiegel ab kommenden Freitag.