Möwen kreischen über dem Hafen von Vancouver, Frachter stoßen ins Horn, ein wolkenverhangener Morgen vor Beginn der Olympischen Spiele. Im schicken Kongresszentrum, das sich auf einem Pier ins Meer erstreckt, sitzen vier Damen und ein Herr vom Organisationskomitee Vanoc, ehrenwerte Gesellschaft, sehr angelsächsisch und ein bisschen älter die meisten, wie entnommen aus einem dieser Miss-Marple-Filme. Ihr Thema jedoch ist hochmodern. Es geht um „sustainability“, um nachhaltige Entwicklung.

„Neue Wege in der olympischen Geschichte“ würden hier beschritten, ökologisch, wirtschaftlich, sozial, sagt Donna Wilson, eine der vier Damen. Zum ersten Mal soll es „CO2-neutrale Spiele“ geben, und zum ersten Mal sei die Urbevölkerung formell bei einer Olympiade mit einbezogen worden. „Unsere Ziele“, sagt Frau Wilson, „reflektieren die Werte der Olympischen Bewegung. Und wir glauben, dass sie genauso die Werte der Menschen von Vancouver reflektieren.“

Olympia und Vancouver, gesucht und gefunden? Geht es nach den Veranstaltern, dann wird man diese XXI. Winterspiele dereinst erinnern als die Spiele der Nachhaltigkeit. Es passt ja auch alles so schön zusammen, die olympischen Ideale mit der Geschichte dieser Stadt, die von Sport- und Freizeitfreaks bewohnt wird und darüber hinaus schon immer eine der fortschrittlichsten Siedlungen Nordamerikas war. Eine Art liberaler, multikultureller Grenzposten, bevor Richtung Norden, die Pazifikküste hoch, nur noch Ödnis kommt.

In Vancouver wurde 1971 Greenpeace gegründet, hier gibt es die erste Fixerstube des Kontinents und die zweitgrößte Chinatown nach der von San Francisco. 2017 werden die Hälfte der rund 2,5 Millionen Menschen im Großraum der Hafenmetropole asiatischer Herkunft sein.

Umweltschutz, Toleranz und Völkerverständigung: dieses Image kommt den Olympiern umso besser zupass, als hinter ihnen die komplizierten Sommerspiele von Peking liegen, mit ihren Debatten um Freiheit, Menschenrechte, Tibet. Damals wirkte IOC-Präsident Jacques Rogge verzagt, er tauchte geradezu ab, er wollte es wohl bloß irgendwie hinter sich kriegen. In Vancouver dagegen schätzt der Belgier den öffentlichen Auftritt, bei einem hat er sogar das Bonmot dieser Tage geliefert. Angesprochen auf den Schneemangel am Cypress Mountain scherzte Rogge: „Wir haben doch immer grüne Spiele gewollt“.

Tatsächlich ist grün die Farbe Vancouvers; mintgrün, um genau zu sein. Die Scheiben der meisten Hochhäuser sind in diesem Ton gehalten, was der Architektur zumindest eine gewisse Unverwechselbarkeit verleiht. Ansonsten liegen der Stadt sichtbare Vorzüge eindeutig darin, was ihr die Natur geschenkt hat: eine Lage auf mehreren Inseln, die Strände, das Gebirge im Hinterland. Vancouvers Kulisse ist so spektakulär, dass die eher uninspirierte Bebauung kaum auffällt.

Auch die neuen Wohnanlagen im Olympischen Dorf profitieren von ihrer Uferlage. Es ist ein sonniger Nachmittag, als die deutsche Delegation ihr Quartier bezieht, rund 15 Grad. Die Atmosphäre gleicht eher der einer Strandbar als der einer Berghütte, auch die Musik ist ortsüblich lässig statt alpin-stampfig. Wie man bloß Winterspiele in eine so warme Stadt vergeben könne, wurde in Deutschland schon geschimpft, aber die Athleten, so scheint es, finden das nicht so schlecht. Sie albern herum, blinzeln in die Sonne. An der Uferpromenade steht Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes. „Sehr freundlich“ findet er es bisher und ja, „politisch nicht so brisant“ wie in Peking. Die Sicherheit etwa, „das Thema ist hier doch sehr, sehr locker.“

Es könnte also ein leichtes, heiteres Olympia werden, und natürlich wollen dazu auch die Kanadier beitragen. Nach den zwei merkwürdig erfolglosen Heimspielen in Montreal 1976 (Sommer) und Calgary 1988 (Winter) würden sie diesmal gern eine Goldmedaille gewinnen, sie haben dafür ein millionenschweres Subventionsprogramm aufgelegt, daneben planen sie, herzliche Hausherren zu sein. Die „Vancouver Sun“ erinnerte ihre multikulturelle Leserschaft gestern noch einmal daran, dass bedingungslose Gastfreundschaft „zentraler Bestandteil des jüdischen, christlichen, islamischen, hinduistischen, buddhistischen und sikhischen Glaubens ist“. Aber eigentlich war das gar nicht mehr nötig.

Die Bewohner jedenfalls sind ausgesprochen zuvorkommend, dabei fühlen sich längst nicht alle so wohl mit den Spielen wie die Spiele mit ihnen. Mit dem Auto kommt man kaum noch irgendwo hin, überall lauern Absperrungen; es sind die Einschränkungen, die Olympia mit sich bringt, wenn es eine Stadt okkupiert. Auch die Winterspiele sind längst im Gigantismus angekommen, nicht zuletzt bei den Kosten. Über sechs Milliarden Dollar (rund vier Milliarden Euro) betragen die jüngsten Schätzungen zufolge, inklusive Infrastruktur- und Sicherheitsmaßnahmen. Es gibt Befürchtungen, dass es ein so bitteres Ende geben könnte wie 1976 in Montreal, wo über eine Milliarde Euro Defizit übrig blieb, oder wie zuletzt bei den Winterspielen 2006 in Turin. Das mit der Nachhaltigkeit klärt sich eben nicht ad hoc.

Sind die Spiele bloß "grün gewaschen"?

Für die Aktivisten des „Olympia Resistance Network“ gibt es definitiv nur eine Haltung. Mittwochabend, in einem Kulturzentrum östlich der Innenstadt zeigt sich, dass keineswegs alle Ureinwohner in die Olympische Bewegung integriert sind. Ihre anwesenden Vertreter beklagen unter anderem, dass die engere Verkehrsanbindung von Whistler an Vancouver auf unrechtsmäßig vereinnahmtem Indianerland vollzogen worden sei. Und was ist mit der „sustainability“, was mit der CO2-Neutralität? Die Olympiagegner finden, die Spiele seien bloß „grün gewaschen“, und erinnern daran, dass inmitten der Stadt der schlimmste Slum Kanadas liegt, mit einer HIV-Rate von 30 Prozent, der höchsten in der westlichen Welt. Auch für die Eröffnungsfeier haben sie Proteste angekündigt.

Die Kritik an einem Ereignis wie Olympia, auch sie gehört zur Tradition des liberalen, rebellischen Vancouver. Bei den Organisatoren haben sie diese Erkenntnis schon verinnerlicht. „Wir haben gelernt, dass wir es nicht jedem recht machen können“, sagt Frau Wilson vom Nachhaltigkeits-Komitee. „Ob wir hier etwas bewegt haben, muss am Ende jeder für sich beurteilen.“