Anschlag, 17.000 im National Aquatic Center schreien. Britta Steffen starrt auf die Beckenwand, zwei Sekunden mindestens, und zwei Sekunden sind verdammt viel im Schwimmen. Später wird sie erzählen, wie sie gespürt hatte, dass es ein gutes Rennen war und dass ihr der Platz deshalb eigentlich egal war. Dass es der erste Platz wurde, kann ihr nicht egal sein.
„Ich habe mir gesagt, diesen Moment genießt du jetzt, egal was auf der Anzeigetafel steht“, sagt Steffen. Sie dreht sich um und schaut hinauf auf die Tafel, die für so viele deutsche Schwimmer in Peking eine Leinwand des Grauens war. „Als ich die Eins sah, konnte ich es nicht fassen.“ Britta Steffen gewinnt die 100 Meter Freistil in 53,12 Sekunden, sie ist Olympiasiegerin.
Das ersehnte Gold, dem sie alles untergeordnet hatte in den letzten Monaten. Für das sie ihr Studium zurückstellte, für das sie sogar Ärger bekam, als sie einen Staffelstart deswegen absagte. Das Gold, dem seit 1992 (Dagmar Hase) alle deutschen Frauen hinterher schwammen. Auch Franziska van Almsick, die zwar zehn Olympiamedaillen gewinnen konnte in ihrer großen Karriere, aber nie diese eine.
Steffen weiß, wie sich van Almsick gefühlt hat. Damals, als alle von ihr den Sieg erwartet hatten, und irgendwie schien ihr Schicksal geheimnisvoll miteinander verbunden. „Ich habe ein Deja-vu, auch wenn es gar nicht meines ist“, sagte Steffen vor der Abreise nach China. Den Druck verspürten beide offenbar ähnlich, die Ängste waren so gleich.
Brittta dankt Franzi
Als Steffen aus dem Wasser steigt, steht van Almsick am Beckenrand. Steffen fällt ihr um den Hals und weint: „Danke. Ich bin dir so dankbar“, schluchzt sie. Später ist ihr peinlich, dass sie van Almsicks T-Shirt so nass gemacht hat, schließlich ist die Franzi doch inzwischen TV-Expertin und muss gut aussehen. Van Almsick hatte sie 2002, als Steffens Karriere in einer Sackgasse zu enden drohte, nach Berlin zu Trainer Norbert Warnatzsch geholt, sie hatte ihr nach dem eigenen Karriereende 2004 auch Mentaltrainerin Frederike Janofske überlassen. Sie hatte ihr so letztlich den Weg zu diesem Gold geebnet. Steffen weiß das alles, und nun jubelt ihr Trainer Norbert Warnatzsch: „Die Vollendung meiner Trainerkarriere.“ Nach Jörg Woithe 1980 hat er nun auch eine Frau zum Olympiasieg geführt.
Mag sein, dass der Druck bei van Almsick noch etwas höher war, aber auch bei Britta Steffen war er gewaltig. So kommt es, dass die Gefühle mit einem danach Achterbahn fahren, wenn die Anspannung endlich abfällt.
Während der Siegerehrung starrt Steffen auf die deutsche Fahne. Sie beginnt die Hymne mitzusingen, weiter als zwei Zeilen kommt sie aber nicht. Die Unterlippe zittert, Steffen kämpft gegen die Tränen. Der WELT erzählt sie, was in diesem Momenten in ihr vorgeht: „Zwischen ,Mama, Papa, ich hab’s geschafft’ bis ,ich habe es mir selbst bewiesen’ waren alle Emotionen dabei.“
Nur eine kurze Verschnaufpause
Auf der Ehrenrunde wirkt sie wie abwesend. Die zweitplatzierte Lisbeth Trickett aus Australien bewahrt sie sogar vor einem Unfall, als Steffen über einen Stuhl stolpert und dabei fast ihre Medaille verliert. „Es ist ein Wahnsinnsgefühl. Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser letzte Durchbruch gelingt. Ich freue mich schon tieririsch auf das Telefonat mit meinem Freund und mit meiner Familie“, sagt Steffen.
Sie muss sich damit beeilen, denn schon wenige Stunden später steht Steffen erneut am Beckenrand. Ihr Vorlauf über 50 Meter ist an der Reihe, an eine Medaille glaubt über die kurze Strecke niemand, diesmal auch nicht sie. „Hat ja jeder gesehen, wie ich die ersten 50 Meter angehe“, lacht Steffen nur. Den Vorlauf aber übersteht sie als Zweite, diesmal hinter Trickett, und mit der 4x100 Meter-Lagen-Staffel schwimmt sie gar ein drittes Mal.
Während ihres Goldrennens hatte Nicole Hetzer ganz oben unter dem Hallendach des Water Cube gesessen und vor Freude geweint. „Wie kann man nur so stark sein“, stammelte die hübsche Schwimmerin und rang minutenlang um Fassung. Das ganze Jahr über hatte sie mit Britta Steffen in Berlin zusammen trainiert, und nun war ihre Trainingskollegin da unten tatsächlich Olympiasiegerin geworden. Hetzer selbst hatte wegen einer Schulterverletzung ihre Lagenrennen nicht einmal starten können, noch in China hatte sie ihr Karriereende verkündet. Dennoch sollte die 29-Jährige bei diesen Olympischen Spielen noch eine wichtige Rolle spielen als Seelenbeistand Britta Steffens.
Immer zu Zweit unterwegs
Schwimmer sind heutzutage bis kurz vor dem Rennen immer zu zweit unterwegs, weil sie ihre neuartigen Hightechanzüge nicht allein schließen können, dies wegen der großen Enge auch erst unmittelbar vor dem Start tun. Steffen hat sich Hetzer als Begleitung zum Rennen ihres Lebens ausgewählt, weil schon die Gespräche in den letzten Tagen mit ihr im Athletendorf so angenehm waren und für Ablenkung sorgten. Ablenkten von den enttäuschten Kollegen, vom durchwachsenen Staffelauftakt, von den wachsenden Selbstzweifeln. Es funktioniert auch diesmal. Und am Ende der quälenden Wartezeit schließt Hetzer nicht nur den Reißverschluss am Badeanzug, sie sperrt auch die falschen Gedanken aus Britta Steffens Kopf.
„Niki redete mir ein, nicht Siege oder Rekorde seien bei Olympia wichtig, sondern dass man alles geben will und kämpft. Daraus habe ich unheimlich Kraft geschöpft, denn ich wusste: wenn ich etwas gut kann, dann kämpfen.“



