Man darf die Hoffnung ja nie aufgeben. Auf dem Rasen von Wimbledon hat sich das wieder bestätigt. Sabine Lisicki konnte ihr schon verloren geglaubtes Halbfinale gegen Agnieszka Radwanska noch drehen, weil sie nicht verzagte, als das böse Ende nah war.

Das erinnert an Boris Becker und Steffi Graf. Der eine hechtete mit dem Mut der Verzweiflung nach schier „tödlichen“ Bällen, weil er von unbedingtem Siegeswillen beseelt war. Die andere gab nie auf, weil für sie eine sportliche Niederlage einer persönlichen Beleidigung sehr nah kam.

Was das Heute und das Einst gemein haben? Nach langen Jahren erst der Enttäuschung, dann der Resignation macht sich Hoffnung breit, dass das totgesagte deutsche Tennis endlich zu neuem Leben erweckt wird. Dazu braucht es zugkräftige Namen. Namen wie Sabine Lisicki.

Mit dem eleganten Gottfried von Cramm in den dreißiger und dem sensiblen Wilhelm Bungert in den sechziger Jahren standen zwar schon vorher zwei Deutsche im Endspiel des wichtigsten Tennisturniers der Welt. Der „weiße Sport“ war damals allerdings noch ein recht elitärer Zeitvertreib, zudem ein Spiel von begrenztem öffentlichen Interesse.

Was waren das für Tennisjahre

Das änderte sich schlagartig am späten Sonntagnachmittag des 7. Juli 1985. Gerade 17 Jahre alt, gewann Boris Becker als erster Deutscher die legendären Wimbledon Championships. In Deutschland brach die Tennis Euphorie aus, aus Tennis wurde quasi über Nacht ein Volkssport.

Befördert durch zwei weitere Stars, quasi als Kontrastprogramm zum draufgängerischen Becker, weil sie ganz andere Emotionen auslösten: natürlich Steffi Graf mit ihrer einer Schweizer Uhr gleichenden Präzision und Michael Stich, der unterkühlte Norddeutsche.

Was waren das für Tennisjahre zwischen 1985 und 1999, als Millionen Deutsche tags und gegebenenfalls auch nachts vor dem Fernseher saßen, um die Matches von Becker, Stich und Graf zu verfolgen oder mit dem deutschen Davis-Cup-Team zu zittern. ARD und ZDF konnten gar nicht genug übertragen, der Privatsender Sat 1 profilierte sich zu besten Becker und Graf Zeiten zum „Wimbledon Sender“.

Hunderttausende wollten es den neuen Idolen nachtun und plünderten Sportgeschäfte, deckten sich mit Schlägern, Bällen und damals noch in vielen Vereinen weißem Einheitsdress ein, wurden Mitglieder oder meldeten ihre Kinder an. Die Mitgliederzahl in den Klubs sprang um fast eine auf 2,3 Millionen, der DTB war nach dem DFB Deutschlands zweitgrößter Sportverband.

Als das Ende des Tennis-Booms kam

Das Ende lässt sich ziemlich genau datieren: Der Rücktritt vom Profisport erst von Boris Becker Ende Mai 1999, sechs Wochen später der von Steffi Graf. Ihnen folgte bestenfalls Mittelmaß. In Berlin ist der Niedergang besonders anschaulich zu betrachten. Das Mitte der neunziger Jahre für 20 Millionen D- Mark ausgebaute Tennisstadion an der Hundekehle in Grunewald ist mehr und mehr dem Verfall preisgegeben, seit Berlin mit dem Niedergang des deutschen Tennis die German Open verloren hat.

Ob bei den Männern Rainer Schüttler, Philipp Kohlschreiber, Nicolas Kiefer und selbst der in fortgeschrittenem Alter aufgeblühte Tommy Haas, Marianne Weingärtner, Barbara Rittner oder Anke Huber bei den Frauen - niemand schaffte es, dauerhaft in der Weltspitze mitzuspielen und damit das Erbe von Becker, Stich und Graf anzutreten.

So schwand langsam aber unaufhaltsam das Interesse am Tennis. Dieser Sport galt als out, Golf wurde zur altersgerechten Alternative. Zu Boris‘ Zeiten wurden in Deutschland bundesweit 820.000 Tennisschläger verkauft, jetzt nur noch fast die Hälfte. Auch die Mitgliederzahl in den Vereinen hat sich fast halbiert auf immerhin noch 1,5 Millionen; trotz Wiedervereinigung so viele wie vor der Ära Becker. Auf schwindendes Interesse und ausbleibende große internationale Erfolge haben natürlich auch die Fernsehsender reagiert. ARD, ZDF wie Sat 1 haben ihr Engagement fast völlig zurückgefahren. Tennis ist zu einer Sache der Spartensender geworden. Und dem Deutschen Tennisbund drohte mangels TV-Geldern fast der Ruin.

Hauptsache, alles Hoffen war nicht vergebens

Der DTB darf sich die Wiederauferstehung des deutschen Tennis dank Sabine Lisicki nicht an die eigene Fahne heften. Ihren Erfolg hat sie sich in Amerika erarbeitet. An der Tennisakademie von Nick Bollettieri in Florida, wo schon Andre Agassi, Monica Seles oder Maria Scharapowa zu Stars gemacht wurden. Dass sich alles Mühen am Ende auszahlt, verspricht auch Wimbledon wieder: Die Sieger des Rasen-Klassikers kassieren geschlechtsunabhängig in diesem Jahr je 1,88 Millionen Euro.

Endlich, da aus dem Hoffen Erfüllung geworden und mit Sabine Lisicki erstmals sogar eine Berlinerin im Finale des weltbesten Turniers gestanden hat, ist die Euphorie wieder groß. Es könnte der Beginn einer neuen wunderbaren Tenniszeit werden. Aber warum immer wieder Wimbledon. Boris Becker hat den Centre-Court an der Londoner Church Road einst als sein „Wohnzimmer“ gepriesen, Steffi Graf hat dort auch ein Zimmer bezogen, Michael Stich war 1991 Mieter, als er dem vermeintlichen Hausherrn Becker unvergesslichen Ärger bereitete. Und nun Sabine Lisicki.

Es darf getrost analysiert, spekuliert und gerätselt werden, warum ausgerechnet deutsche Tennisstars sich so heimisch fühlen in Wimbledon. Letztlich bleibt es ihr Geheimnis. Und Wimbledon ein Mythos. Hauptsache, alles Hoffen war nicht vergebens und deutsches Tennis kann sich wieder sehen lassen.

>>> Interaktive Grafik: Wimbledon - der Weg von Sabine Lisicki ins Finale <<<