Wimbledon-Finale

Tennis-Ass Sabine Lisicki ist die Siegerin der Herzen

Die Berlinerin war im Wimbledon-Finale chancenlos und unterlag der Französin Bartoli 1:6, 4:6. Erst rollten Tränen, doch dann huschte wieder das berühmte „Bine“-Lächeln über Sabine Lisickis Gesicht.

Es war ein Kampf gegen sich selbst, fast von der ersten Minute an. Ein Kampf gegen die flatternden Nerven, gegen den Druck an diesem größten Tennistag ihrer bisherigen Karriere. Ein Kampf, der Sabine Lisicki schon während des Wimbledon-Endspiels gegen Marion Bartoli bittere Tränen der Verzweiflung und der Enttäuschung kostete.

Und als dann genau um 15.31 Uhr Ortszeit auf dem Centre-Court auch noch ein unerreichbares Ass der Französin ins Feld klatschte, zum 6:1, 6:4-Triumph auf dem Heiligen Rasen, da war dieser zermürbende Kampf für Lisicki endgültig vorbei – nichts war es mit einer der magischen Aufholjagden der Berlinerin, einem sensationellen Umschwung, einem Comeback wie aus dem Nichts.

„Ich war einfach total überwältigt von der ganzen Situation“, sagte die niedergeschlagene Deutsche, die auch der tosende Beifall der 15.000 Zuschauer nicht wirklich aufmuntern konnte, „ich hoffe einfach nur, dass ich noch einmal diese Chance kriege.“

Nach dem Spiel versagt die Stimme

Als sie ihrem Team, den Eltern Richard und Elisabeth, Bundestrainerin Barbara Rittner und Coach Wim Fissette, noch auf dem Centre-Court für die Unterstützung in den vergangenen beiden Wochen danken wollten, versagte der 23-Jährigen die Stimme.

„Sie war schon wahnsinnig traurig. Es war heute einfach alles ein bisschen zu viel für sie“, sagte Rittner später, „sie war körperlich auch nicht so gut drauf, wie wir das alle erwartet haben. Die Spiele vorher gingen sehr an die Substanz.“

Schon früh war offensichtlich, dass die Sabine Lisicki, die an diesem Bilderbuch-Sommertag auf dem berühmtesten Platz der Welt stand, nicht viel mit der Sabine Lisicki der beiden bewegenden Turnierwochen zuvor zu tun hatte. Die Dynamik in ihrem Spiel fehlte, die sonst so unerschütterliche Zuversicht auch, und selbst vom gefürchteten Aufschlag der deutschen „Bum-Bum-Bine“ war nichts zu sehen.

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Lisicki war schlicht nicht sie selbst, wirkte gelähmt von dieser Endspielaufgabe, von der Möglichkeit, als erste Deutsche seit den goldenen Zeiten im vergangenen Jahrhundert wieder einmal eine Grand-Slam-Trophäe gewinnen zu können.

„Ich wollte den Schalter umdrehen, aber es ging einfach nicht. Es war wie eine Blockade“, sagte Lisicki. „Marion war zu gut. Sie hat es verdient.“ Kein einziges Mal brachte die 23-Jährige im ersten Satz ihr Service durch, ging nach einer halben Stunde kopfschüttelnd mit 0:1-Defizit zu einem Tausch ihres Dresses in die Umkleidekabine. Dabei hatte sie der Französin gleich im ersten Spiel den Aufschlag abgenommen. Es brachte ihr nicht den erhofften Schwung.

Denn eine spektakuläre Wende gab es nicht mehr in dieser Partie, die so ganz anders verlief, als sich das alle vorgestellt hatten – und zwar nicht nur die deutschen Fans von Sabine Lisicki. Zwar wehrte die Berlinerin beim Stande von 5:1 im zweiten Durchgang drei Matchbälle ab, schaffte dann auch noch einmal einen kleinen Zwischenspurt zum 5:4, aber diese Anstrengung war letztlich vergebens gegen die eigenwillige Bartoli.

Lehrstunde auf dem „heiligen“ Rasen

Nach der bitteren Lehrstunde auf dem „heiligen“ Rasen von Wimbledon konnte Lisicki ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Erst als die sonstige Strahlefrau des deutschen Tennis vom Herzog von Kent den silbernen Trostpreis entgegennahm, huschte kurz das berühmte „Bine“-Lächeln über Lisickis Gesicht.

„Ich war einfach überwältigt von der Situation. Ich bin mir aber sicher, dass ich noch einmal die Chance bekommen werde, diesen Titel zu holen“, sagte Lisicki, die schon während des Spiels gegen die Tränen hatte ankämpfen müssen – und wurde von einem neuerlichen Heulkrampf geschüttelt. Ihr war der Erwartungsdruck in ihrer bislang wichtigsten Partie deutlich anzumerken.

Ungezwungenheit und Lockerheit fehlte

„Ich hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, als Sabine da noch mal Druck machte und auch mit ganz anderer Körpersprache spielte“, sagte Rittner, „aber dann musste man auch anerkennen, dass Bartoli das eiskalt zu Ende gespielt hat.“ Trotzdem betonte sie: Aber wenn sie diesen Weg weitergeht, steht sie hier noch mal im Finale. Ich bin saustolz auf Sabine.“

„Zwei tolle Wochen“ habe seine Tochter gehabt, sagte auf der Terrasse des Spielerzentrums Trainervater Dr. Richard Lisicki, „und leider einen nicht ganz so tollen Abschluss dieses Turniers.“ Der Sportwissenschaftler hatte in der Ehrenloge schwerstens mitgelitten und war mit jedem verlorenen Spiel weiter in seinem Platz zusammengesunken. „Ich habe einfach gemerkt, dass Sabine nicht mit dieser Ungezwungenheit und Lockerheit wie sonst spielte.“

Auch er, der Motor für diese Karriere, war der Meinung, die auch Marion Bartoli schon auf dem Centre-Court respektvoll und einfühlend ausgesprochen hatte: „Sabine sollte nicht zu traurig sein. Sie wird eines Tages eine zweite Chance bekommen – und Wimbledon gewinnen. Ich verstehe genau, wie Sabine sich fühlt“, ergänzte die Französin, die 2007 ihr erstes Finale gegen Venus Williams verloren hatte und es nun besser machte: „Ich kann es noch nicht richtig glauben. Ich habe so lange von diesem Moment geträumt.“

>>> Interaktive Grafik: Wimbledon - der Weg von Sabine Lisicki ins Finale <<<