Bilanz

Leichtathletik-WM könnte für Berlin teurer werden

Die Stimmung bei der Leichtathletik-WM war hervorragend. Schon allein wegen des überwiegend guten Wetters und der packenden sportlichen Leistungen. Doch sonst bleiben in der Bilanz des Sportevents einige Fragezeichen: Gibt es ein Defizit? Hätte man mehr Karten verkaufen können? Warum war die Werbung nicht besser?

Usain Bolt wirkte übermüdet. Kein Wunder, schließlich hatte der Sprintstar aus Jamaika in der Nacht in der Strandbar Yaam durchgefeiert und sich selbst als DJ versucht. Da fiel dann die ganze Anspannung von dem 23-Jährigen ab, der bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion zwei Weltrekorde aufgestellt und drei Goldmedaillen gewonnen hatte.

Montagnachmittag rief aber schon wieder die Pflicht, er musste im Geschäft seines Ausrüsters in der Tauentzienstraße Autogramme schreiben, sich fotografieren lassen, Small Talk inklusive. Lange Schlangen hatten sich vor dem Laden gebildet, alle wollten noch mal den „Wunderläufer“ sehen, bevor dieser dann abends die Stadt verließ.

Wie er reiste am Montag auch der Großteil der Athleten und Betreuer ab. In den kommenden Tagen werden die Flaggen und Werbebanner in den Straßen Berlins abgehängt werden. Rund ums Stadion werden die Containerstadt für das große Fernseh-Zentrum und das überdimensionale Presse-Zelt auf dem Maifeld abgebaut.

Wowereit hält Minus für möglich

Doch das Thema ist noch lange nicht ad acta gelegt. Zwar haben die Organisatoren mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) an der Spitze die Veranstaltung als „riesigen Erfolg für die Leichtathletik und die Sportmetropole Berlin“ bezeichnet. Der Imagegewinn für die Stadt sei zudem unermesslich. Doch wichtige Fragen sind noch nicht beantwortet: Bleibt unter dem Strich ein Defizit? Und wenn ja: Wer kommt dafür auf?

Antworten darauf werde es erst Anfang Oktober geben, sagte Heinrich Clausen, der Geschäftsführer des Organisationskomitees, wenn alle Zahlen vorlägen. Dann wird man sehen, ob es bei der Lücke im sechsstelligen Bereich bleibt, die sich derzeit auftut.

Mit 20 Millionen Euro ist Berlin am Gesamtetat von 44 Millionen Euro beteiligt. Schießt man im Falle eines Falles noch etwas nach? Darüber blieb Wowereit im Vagen: „Es kann ein Minus geben, aber vielleicht gibt es auch eine Punktlandung.“

Er deutet aber auch schon an, dass man den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nicht mit einem Defizit im Regen stehen lassen würde: „Wir bleiben ein fairer Partner des DLV.“ Der sportpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Markus Pauzenberger, glaubt nicht, „dass wir mehr als die zugesicherten 20 Millionen geben werden“. Er halte die WM mit diesem Betrag „für ausreichend alimentiert“.

Eine weitere Finanzspritze Berlins steht auch für Uwe Goetze, den parlamentarischen Geschäftsführer der Berliner CDU, nicht zur Debatte. „Das wäre ein falsches Signal auch für künftige Veranstaltungen.“ Es hält sich auch die Kritik an vermeintlich zu hohen Kartenpreisen. Das Ziel, 500.000 Karten zu verkaufen, wurde mit 400.000 klar verfehlt. „Was die Tickets betrifft, hatten wir uns eigentlich etwas Ambitionierteres vorgenommen“, gibt Wowereit zu.

Hotels waren sehr gut gebucht

In Hinblick auf teils leere Ränge müsse man die Frage der Eintrittspreise in der Tat stellen, sagt Manfred Schaub, der sportpolitische Sprecher der Bundes-SPD. „Ich hätte mir gewünscht, dass man mit Rabatten für Vereinsmitglieder die deutsche Leichtathletik-Szene stärker angesprochen hätte.“

Michael Mronz, zuständig für Sponsoren, Ticketing und Werbung, sieht „keine Kausalität zwischen Akzeptanz und Höhe der Eintrittspreise“. Das Angebot, am Montag und Dienstag zu reduzierten Preisen ins Stadion zu kommen, sei kaum angenommen wurde. Mronz berichtet zudem, dass einer der Werbepartner 30.000 Karteninhaber angeschrieben habe, um mit dem Angebot zu werben, Karten zum halben Preis für den Montag zu erwerben. Der Rücklauf sei ernüchternd gewesen: Nur 842 Tickets wurden zum Angebotspreis verkauft. Der Montag war der Tag, an dem Usain Bolt den 100-Meter-Weltrekord lief und es zwei Silbermedaillen für deutsche Athletinnen gab.

Burkhard Kieker, der Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), zieht ein zweigeteiltes Fazit. Einerseits habe es „begeisternde Stimmung im Olympiastadion und eine fantastische Atmosphäre in der Stadt“ gegeben. Die Hotels seien sehr gut gebucht gewesen. Andererseits habe es aus der Tourismusbranche, der Politik und auch vom Regierenden Bürgermeister Hinweise an das OK für bessere Werbe-Lösungen gegeben. Diese seien aber nicht ausreichend beachtet worden.

„Werbekonzept und City-Dressing haben nicht richtig funktioniert.“ Die Präsenz der WM im Stadtbild hätte besser sein müssen. Daraus will man seine Lehren ziehen: Für künftige Großveranstaltungen werde Berlin „als Grundgerüst ein Konzept entwickeln und dem jeweiligen Veranstalter empfehlen“.

CDU-Landespolitiker Goetze lobt zwar die logistische Organisation der WM, Berlin habe sich als guter und professioneller Gastgeber erwiesen. Aber: „Leider hat es keine echten Anstrengungen des Senats gegeben, die WM-Stimmung anzuheizen. Eine Euphorie in der gesamten Stadt gab es nicht.“ Zwar zeichnete Berlin nicht für die Vermarktung des Events verantwortlich, doch hätte der Senat den Stand der verkauften Karten abfragen müssen und auch noch kurzfristig Impulse geben können.

Richard Meng, der Sprecher von Klaus Wowereit, hält entgegen: „Wären die Tickets günstiger verkauft worden, hätten noch mehr Steuergelder fließen müssen.“

Dass trotz später Werbung und schleppenden Kartenverkaufs die WM ein Erfolg wurde, liegt in den Augen von Felicitas Kubala, der sportpolitischen Sprecherin der Berliner Grünen, an zwei Faktoren: „An dem guten Wetter und der guten Laune der Berliner.“

Meng sieht hingegen bewiesen, dass Berlin „ein hervorragender Ort für solche großen internationalen Events ist. Es war ja fast schon ein Olympiagefühl“.

Klaus Wowereit sagt mit Blick auf Olympia wie immer: „Berlin ist fit.“ Man unterstütze jedoch ohne Wenn und Aber die Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2018. Alles weitere sei Sache des Deutschen Olympischen Sportbundes. Wowereit: „Der Ball liegt im Feld des deutschen Sports.“