Florian Niederlechner sank auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht. Der Kapitän von Hertha BSC wollte es nicht glauben. Gerade noch hatte er mit seinen Teamkollegen über das 3:2 für den Berliner Fußball-Zweitligisten gejubelt, da verhagelte der VAR die blau-weiße gute Laune.

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Und so hieß es am Sonnabend im Olympiastadion vor 41.758 Zuschauern gegen Aufsteiger SSV Ulm nur 2:2 (1:1). „Mit den Ambitionen, die wir haben, ist das zu wenig“, sagte Torhüter Tjark Ernst. „Deswegen fühlt sich das an wie eine Niederlage.“ Weil so viel mehr drin gewesen wäre, weil der Hauptstadtklub diese Partie eigentlich hätte gewinnen müssen.
Sehenswertes 1:0 von Maza hilft Hertha BSC nicht weiter
Von der Seitenlinie aus fiel die Analyse einen Tick anders aus. „Mehr wäre nicht verdient gewesen, da muss man ehrlich sein“, erklärte Trainer Cristian Fiél, der mit dem Remis deshalb aber nicht zufrieden war. „Was mich umtreibt, ist, dass wir es nicht schaffen, auf dem Gas zu bleiben, sondern aus mir unerklärlichen Gründen das Spiel aus der Hand geben, passiv werden.“
Eigentlich waren die Berliner ideal in die Partie gestartet. Ibrahim Maza hatte nach sechs Minuten aus gut 25 Metern abgezogen und das durchaus sehenswerte 1:0 erzielt. Ein Tor, das die Mannschaft aber eher zu hemmen, statt zu beflügeln schien.
Hertha wurde ungenauer, fahriger und lud die Gäste aus Baden-Württemberg ein, den Ausgleich zu machen. Max Brandt zielte im Strafraum auf das Tor, wurde aber von Kevin Sessa geblockt. Der Abpraller landete bei Semir Telalovic, der sich gegen Keeper Ernst durchsetzte und einnetzte (38. Minute).
Treffer von Michael Cuisance zählt wegen Schubser nicht
Eine Abfolge, die sich in der zweiten Hälfte wiederholen sollte. Erst gingen die Hausherren in Führung: Eine Flanke von Jonjoe Kenny ließ Palko Dardai durch, Maza stand genau richtig und versuchte es von der Strafraumgrenze. Ulm-Torhüter Niklas Thiede war zur Stelle, konnte aber nur abwehren. Den zweiten Ball verwandelte Derry Scherhant zum 2:1 (52.).
Dann der erneute Ausgleich: Weil Hertha im Mittelfeld viel zu viel Platz ließ, marschierte SSV-Profi Maurice Krattenmacher bis an die Strafraumgrenze und zog ungehindert ab (59.). „Zweimal Führung, zweimal Ausgleich“, fasste es Torschütze Maza zusammen. „Das war viel zu schwach von uns.“
Kurz sah es so aus, als würde dieser Nachmittag doch noch ein gutes Ende nehmen. Der eingewechselte Jon Dagur Thorsteinsson marschierte über die linke Seite, legte ab in den Strafraum und fand Michael Cuisance, der den Ball mit der Fußspitze ins Netz beförderte (86.).
Kein Verständnis für VAR-Rücknahme des Tores
Der VAR aber hatte Einwände. Nach Betrachtung der Videobilder nahm Schiedsrichter Eric Weisbach den Treffer wieder zurück. Cuisance hatte in der Entstehung des Treffers seinen Gegenspieler geschubst.
„Für einen kleinen Schubser muss man kein Tor zurücknehmen, das spielentscheidend ist“, befand Herthas Maza. „Aber wir dürfen uns jetzt nicht an diese Szene klammern. Wir müssen es vorher schon zumachen.“
So sah es auch Cuisance, der gar nicht mehr über diese Situation sprechen wollte. Chefcoach Fiél hatte besagte Szene nicht noch einmal gesehen, sich aber bei seinen Schützlingen umgehört. „Wenn er nicht das Tor schießt, weiß man nicht, ob es gepfiffen wird“, berichtete der 44-Jährige vom Hörensagen. „Aber er trifft und deswegen zählt das Tor nicht.“
Hertha BSC kassiert vierte Niederlage im siebten Heimspiel
Eine einfache Rechnung, die für Hertha mit einem Zähler endete. Der Abstand zur Spitzengruppe der Zweiten Liga ist dadurch nicht größer geworden. Weil auch die Konkurrenz Punkte liegen ließ. Ein netter Nebeneffekt, der davon ablenkte, dass die Berliner im siebten Heimspiel zum fünften Mal nicht gewinnen konnten.
Und auch personell hielt dieser Nachmittag gute und weniger gute Nachrichten bereit. Für Marten Winkler, der nach zwei Monaten erstmals wieder in der Startelf stand, war der Arbeitstag bereits in der 29. Minute beendet. Nach einer vielversprechenden Hereingabe hielt sich der Flügelspieler den Oberschenkel, deutete sofort an, dass er ausgewechselt werden muss, und humpelte schließlich mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Kabine.
„Es ist etwas Muskuläres. Ich habe ihn gerade in der Kabine sitzen sehen und da standen Krücken neben ihm“, erklärte Trainer Fiél. „Das hört sich nicht so gut an. Aber bis der Doc nichts sagt, gibt es noch Hoffnung.“
Gechter feiert Comeback, Reese noch auf der Tribüne
Dabei war die Verletztenliste der Blau-Weißen gerade erst wieder kürzer geworden. Linus Gechter, der sich vor zwei Monaten im Heimspiel gegen Düsseldorf das Schlüsselbein gebrochen hatte, feierte gegen Ulm sein Comeback.
Und in der kommenden Woche, am Freitag beim 1. FC Magdeburg (18.30 Uhr, Sky), könnte dann auch Fabian Reese endlich wieder mit von der Partie sein. Gegen Ulm hatte der Leistungsträger noch ein voraussichtlich letztes Mal auf der Tribüne Platz nehmen müssen. Und hatte ebenfalls die Hände vors Gesicht geschlagen, als der Last-Minute-Siegtreffer den Jubel jäh verstummen ließ.




