Bundesliga

Hertha BSC oder der Klub ohne Kompass

Während Hertha BSC der Abstiegszone entgegen schlingert, wirkt Trainer Alexander Nouri mehr und mehr ratlos.

Herthas Präsident Werner Gegenbauer (r.) stattete Trainer Alexander Nouri und dem Team einen Besuch ab.

Herthas Präsident Werner Gegenbauer (r.) stattete Trainer Alexander Nouri und dem Team einen Besuch ab.

Foto: Andreas Gora via www.imago-images.de / imago images/Andreas Gora

Berlin. Am Sonntagvormittag fuhr Werner Gegenbauer auf der Geschäftsstelle von Hertha BSC vor. Noch vor dem Training stattete der Präsident der Mannschaft einen Besuch ab, ehe die Spieler bei strömendem Regen auf dem Trainingsplatz antraten. Gegenbauers Worte durften nicht die freundlichsten gewesen sein nach dem 0:5 gegen den 1. FC Köln, so viel ist sicher. Die Spieler wurden in die Pflicht genommen.

Der Ton wird rauer bei Hertha. Der Berliner Fußball-Bundesligist hat in dieser Saison schon einige desaströse Auftritte hingelegt. Erinnert sei an das 0:4 in Augsburg oder das 1:3 gegen Mainz, aber die Leistung gegen Köln war doch noch mal besonders. Selbst hartgesottene Dauerkartenbesitzer mussten lange überlegen, wann eine Hertha-Mannschaft derart schlecht Fußball spielte im heimischen Olympiastadion.

Hertha wurde über 90 Minuten vorgeführt. Nicht von einer Spitzenmannschaft, sondern von einem Team, das wie die Berliner gegen den Abstieg kämpft. Köln sicherte sich wichtige drei Punkte für den Klassenerhalt, Hertha muss nun am kommenden Freitag in Düsseldorf (20.30 Uhr, DAZN) mindestens einen Zähler holen, um nicht wieder ganz unten hineinzurutschen.

Nouris System funktioniert bei Hertha nicht

Trainer Alexander Nouri (40), der zunächst im Amt bleiben darf, tat sich auch einen Tag nach diesem verheerenden Schauspiel schwer mit der Analyse. Seine Worte glichen denen vom Spieltag, er wirkte ratlos. „Dafür die richtige Erklärung zu finden, ist nicht einfach. Die Jungs waren gut vorbereitet, sie haben sich gut gefühlt.“

Auf dem Platz sah das anders aus. Herthas Strategie ging schon wie im letzten Heimspiel gegen Mainz nicht auf. Nouri hatte sich erneut für eine Dreierkette in der Abwehr entschieden. Dieses System hat den Vorteil, im Mittelfeld durch drei zentrale Spieler ein Übergewicht schaffen zu können. Arbeiten die Außenbahnspieler defensiv mit, lassen sich auch die Flügel gut damit schließen. Problematisch ist die Vorwärtsbewegung. Weil die Außen bei eigenem Ballbesitz weit mit aufrücken, ist die Verteidigung bei schnellen Kontern entblößt oder gar in Unterzahl.

Gegen Köln bot Hertha ein Lehrstück, wie man dieses System nicht spielen sollte. Die Außen Marius Wolf und Maximilian Mittelstädt hatten arge Probleme in der Rückwärtsbewegung und das vermeintlich kreative Mittelfeld um Arne Maier und Marko Grujic existierte nur auf dem Papier. Maier musste zur Pause mit Symptomen einer Gehirnerschütterung in der Kabine bleiben, bei Hertha geht man aber davon aus, dass er in dieser Woche wieder ins Training einsteigen kann.

Kölns Coach Gisdol gewinnt das Trainerduell gegen Nouri

Kölns Trainer Markus Gisdol hatte Herthas Vorgehensweise genau so erwartet, er war der klare Sieger des Trainerduells. Nouri hielt dennoch über die komplette Zeit an seinem System fest und ging damit unter. „Wir haben es in den einzelnen Szenen nicht gut gemacht und sehr oft die falschen Entscheidungen getroffen“, sagt er. Einen anderen Ton hätte er auch einen Tag nach der Blamage nicht angeschlagen. „Ich bin kein Freund davon zu sagen, wer der Lauteste ist, hat das letzte Wort“, so Nouri. Viel mehr wolle er Argumente mit den Spielern austauschen und gemeinsam analysieren, woran es gelegen hat.

Ob er bei den Spielern Gehör findet, ist fraglich. Bisher gibt sich Nouri als lockerer Typ, der jedem Einzelnen viel Eigenverantwortung zuspricht. Doch seine Art soll nicht bei allen Mannschaftsteilen gut ankommen. Auch ist es ihm bisher nicht gelungen, dass Team durch Inhalte auf seine Seite zu ziehen, bei seinen Entscheidungen fehlt ihm das Glück. Den formstarken Per Skjelbred durch den formschwachen Marko Grujic zu ersetzen, ging trotz guter Trainingsleistungen des Serben nicht auf.

Manager Michael Preetz gerät in Bedrängnis

Genau wie das starre Festhalten am System. Nouri ist deutlich kommunikativer als sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, aber dessen Hinterlassenschaften wiegen schwer. Die Mannschaft ist längst nicht mehr die geschlossene Einheit, die sie noch vor einem Jahr war. Das wurde gegen Köln überdeutlich. Niemand stemmte sich gegen die Niederlage, es fehlte an allem, gerade was die Einstellung betrifft. Aktuell hat jeder Spieler am meisten mit sich selbst zu tun.

Drei verschiedene Trainer allein in dieser Saison haben am Gebilde viel Putz abgetragen, die Hierarchie ist zerbröselt zwischen all den verschiedenen Ausrichtungen, Personalentscheidungen und Systemwechseln. So ist Hertha BSC im Winter 2020 eine Mannschaft ohne Kompass, auf dem Feld verliert sie sich leicht, sobald der erste Gegenwind aufkommt.

Als Steuermann wirkt Alexander Nouri verloren, ihm fehlen in einer Zeit die Antworten, in der es eines klaren Kurses bedarf. Den lässt der gesamte Verein derzeit vermissen. Manager Michael Preetz könnte als Kapitän bald in Bedrängnis geraten. Allein für die Entscheidung, den nicht sonderlich sturmerprobten Nouri in dieser Wetterlage auf die Kommandobrücke geschickt zu haben.

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