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Herthas Ascacibar: „Dass ich klein bin, hat mich geprägt“

Herthas Santiago Ascacibar im Morgenpost-Interview über seine Körpergröße, Jürgen Klinsmann und das Glücksgefühl, Vater zu sein.

Santiago Ascacibar war ein Wunschkandidat von Jürgen Klinsmann. Deshalb wechselte er vom VfB Stuttgart zu Hertha BSC.

Santiago Ascacibar war ein Wunschkandidat von Jürgen Klinsmann. Deshalb wechselte er vom VfB Stuttgart zu Hertha BSC.

Foto: Soeren Stache / picture alliance/dpa

Berlin. Der Wind bläst kalt über den Schenckendorffplatz. Doch ausgerechnet Santiago Ascacibar (22), Herthas Argentinier, trägt als einziger kurze Hosen während des Trainings. Zum Interview vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln am Sonnabend im Olympiastadion (15.30 Uhr, Sky) kommt der nur 1,68 Meter große Profi dann dick eingepackt. Im Gespräch mit der Morgenpost erzählt der Neue über seine Kindheit in einer Großfamilie, Luxus und einen Ratschlag des legendären Juan Sebastian Veron.

Berliner Morgenpost: Sie werden „der Russe“ genannt, Herr Ascacibar. Woher stammt dieser Spitzname?

Santiago Ascacibar: Den habe ich seit meiner frühesten Kindheit. In Argentinien sind die meisten Menschen dunkleren Typs, mit braunen Augen und schwarzen Haaren. Ich habe sehr helle Haut und blonde Haare, war also ein echter Exot. Weil bei uns daheim das alle mit Nordeuropa in Verbindung bringen, hat man mich so genannt. Darauf höre ich, seit ich klein bin. Als ich nach Stuttgart kam, riefen plötzlich alle: Santi, Santi. Damit konnte ich erst nichts anfangen, ich dachte: Wer ist dieser Santi?

Sie sind in einer Familie mit vier Brüdern aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?

Unsere Eltern haben uns Werte mitgegeben, nach denen ich heute lebe. Sei höflich, nimm Rücksicht auf andere, teile das, was du hast. So wurde ich früh zu einem Teamplayer erzogen. So eine große Familie ist ja wie eine kleine Mannschaft. Mein Vater war Polizist, meine Mutter machte in einer Schule sauber. Sie haben immer darauf geachtet, dass wir uns an Regeln halten und aus uns ordentliche Menschen werden. Aber eigentlich hatte ich nicht vier, sondern sechs Brüder.

Wie bitte?

Als ich bei Estudiantes de la Plata anfing, meinem ersten Klub, hatten zwei meiner Mitspieler Probleme. Sie kamen von weiter weg, durften aber nicht auf dem Klubgelände wohnen. Ich fragte meinen Vater, ob sie bei uns einziehen könnten, und er sagte ja. Plötzlich war meine Familie noch mal um zwei Mitglieder gewachsen. Für mich sind die beiden bis heute meine Brüder. Leider haben sie es nicht in den Profifußball geschafft.

Sieben Jungs unter einem Dach. Konnte das gut gehen?

Es war wunderbar. Wir waren von früh bis spät draußen und haben auf der Straße gekickt. Alle zusammen. Nach der Schule, selbst nach dem Training im Klub. Ich war der zweitälteste, aber schon immer klein. Die meisten Jungs bei uns in der Nachbarschaft waren so alt wie mein älterer Bruder und mir körperlich klar überlegen. Ich musste mich besonders anstrengen, um mithalten zu können.

Im Alter von acht Jahren traten Sie Estudiantes bei, einem der größten Klubs Argentiniens. Bei Ihrem ersten Training staunte Ihr Trainer, dass sie für einen so kleinen Kerl so durchsetzungsfähig sind. Sie sollen Ihre Gegenspieler regelrecht vom Feld gefegt haben.

Das hatte ich so in mir drin, vom Spielen auf der Straße. Wie gesagt, ich musste mich besonders beweisen, indem ich meine körperlichen Nachteile wettmachte. Das hat mich geprägt, von klein auf. Am Fußball hat mich immer fasziniert: Wenn du das Herz am richtigen Fleck trägst, kannst du auf dem Platz ein Riese sein.

Ihr Wunsch war es schon als kleiner Junge, Fußballprofi zu werden. Manche Lehrer haben gelacht, als Sie das gesagt haben.

Stimmt. In der Schule musste man öfter sagen, was man später werden will. Für mich war klar, ich werde Fußballer und spiele in der Primera, Argentiniens erster Liga. Manche Lehrer lachten dann, schließlich war ich der kleinste und schmächtigste Junge der Klasse. Ausgerechnet der wollte Fußballer werden. Das kam ihnen wohl komisch vor. Aber mich hat das nie gestört. Und am Ende habe ich ja recht behalten.

Trotz Ihrer Leidenschaft für den Fußball waren Sie ein guter Schüler. Wie kam das?

Ich habe mich immer in einem Umfeld bewegt, in dem Bildung wichtig war. Meine Eltern legten Wert darauf, dass wir was lernen. Sie kannten zwar meinen Traum, aber sie wussten auch, wie schwer er zu erreichen war. Falls es mit dem Fußball nicht geklappt hätte, sollte ich nicht mit leeren Händen dastehen, das war ihr Wunsch. Als ich zum Ende meiner Schulzeit schon bei der ersten Mannschaft von Estudiantes mittrainierte, habe ich mich trotzdem an der Uni eingeschrieben.

Welches Fach?

Anthropologie.

Tatsächlich? Wie hat der Klub reagiert?

Sie haben mich dabei unterstützt. Sogar von oberster Stelle. Der Präsident hat mir nahegelegt, mich einzuschreiben. Das könne nur gut für mich sein, sagte er.

Der Präsident?

Ja. Juan Sebastian Veron.

Der ehemalige Nationalspieler, der für Manchester United und Lazio Rom spielte?

Genau der. Wenn so jemand dir einen Rat gibt, hörst du natürlich darauf. Aber ich habe nie ein Seminar besucht. Alles ging ziemlich schnell nach meinem Schulabschluss. Ich unterzeichnete meinen ersten Profivertrag bei Estudiantes, Debüt in der Liga, bald war ich Stammspieler.

Dann kam das erste Gehalt, trotzdem blieben Sie bei Ihren Eltern wohnen. Hatten Sie nie das Verlangen nach teuren Autos, Frauen und Parties?

Ich bin weiterhin mit dem Bus zum Training gefahren. Ich war ja nicht plötzlich ein anderer Mensch. Bei meinen Eltern auszuziehen, kam mir auch nie in den Sinn. Dort hatte ich alles, was ich brauchte. Meine Mutter ist eine großartige Köchin, und meine Wäsche musste ich auch nicht machen (lacht). Im Ernst, ich bin ein sehr familiärer Mensch, ich brauche die Nähe und meine Familie, keine teuren Autos. Das hat mich alles nie interessiert.

Umso schwerer muss Ihnen der Schritt gefallen sein, als Sie Argentinien mit 20 Jahren Richtung Stuttgart verlassen haben.

Am Anfang war es gar nicht so schwer. Ich würde sagen, das erste halbe Jahr verging wie im Rausch. Alles war neu und aufregend. Schon als Kind habe ich davon geträumt, irgendwann in Europa zu spielen, aber ich hatte ja keine Ahnung, wie es dort sein würde. Ich bin vorher nie ins Ausland gereist, habe nie was anderes gesehen. Von Europa hatte ich nur eine vage Vorstellung. Alles war toll, aber das Heimweh kam dann trotzdem.

Was vermissten Sie am meisten?

Meine Familie. Das Essen. Die Menschen. Das Wetter. Den Mate. Einfach meine Heimat. Die meiste Zeit des Jahres so weit von zu Hause weg zu sein, ist nicht immer einfach. Und ich bin nicht der Typ, der stundenlang am Telefon hängt. Da kann man sich nicht berühren, nicht in den Arm nehmen. Das ist nicht echt.

An die Bundesliga haben Sie sich recht schnell gewöhnt. Wo liegt der größte Unterschied zum argentinischen Fußball?

Im Tempo und im Niveau. Bei einem Bundesliga-Spiel befinden sich alle 22 Spieler auf einem gleich hohen Level, der Ball läuft viel schneller, man muss viel schneller denken. Selbst kleine Fehler können schon ein Spiel entscheiden. Es ist brutal.

Mit Stuttgart sind Sie abgestiegen. War es die Aussicht, wieder in der Bundesliga zu spielen, die Sie bei Hertha hat unterschreiben lassen?

Jürgen hat mich angerufen und mir das Projekt erklärt. Ich musste da nicht lange überlegen. Der Klub verfolgt ehrgeizige Ziele, und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass wir sie erreichen. Ich glaube fest daran, dass sich Hertha in Zukunft prächtig entwickelt.

Sie gelten als ausdrücklicher Wunschspieler von Jürgen Klinsmann. Wie schwer wiegt sein Abgang für Sie persönlich?

Im ersten Spiel nach seinem Rücktritt habe ich wie vorher auch über die kompletten 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Ich fühle mich weiterhin wichtig, alles ist gut. Dass Trainer kommen und gehen, ist normal. Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem sich die Dinge so schnell verändern wie beim Fußball.

Waren Sie trotzdem überrascht von seinem fluchtartigen Abschied?

Niemand konnte ahnen, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln werden, aber wir schauen nach vorn. Ich bin mir sicher, dass wir mit dem jetzigen Trainerteam unsere Ziele erreichen werden.

Inwiefern unterscheidet sich die Situation, in der Hertha steckt, von der in Stuttgart vergangene Saison?

Wir haben jetzt neun Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, wir sind also deutlich über dem Strich. Das war in Stuttgart nicht der Fall, dort wurde der Druck irgendwann immer größer. Die Stimmung in der Mannschaft ist hervorragend. In diesem Team steckt so viel Qualität. Wenn wir die immer abrufen, können wir noch einige Punkte sammeln.

Wenn gegen Köln gewonnen wird, ist Hertha durch?

Nein, aber dann steigen unsere Chancen automatisch. Es wäre schön, wenn wir noch einige Plätze nach oben klettern könnten. Das würde nach hinten raus allen ein gutes Gefühl geben.

Sie sind vor Kurzem Vater geworden. Wie sehr hat das Ihr Leben bisher verändert?

Es ist einfach großartig, nach Hause zu kommen und da ist dann noch jemand, der sich auf dich freut. Ich glaube, Eltern zu werden ist das schönste Gefühl, das das Leben für uns bereithält. Ich bin sehr glücklich.

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