Hertha BSC

Wir müssen reden!

Die aktive Fanszene und die Geschäftsleitung von Hertha sollten sich endlich an einen Tisch setzen. Eine Standpauke von Uwe Bremer.

Kein Dialog ist keine Lösung: Die Situation zwischen der aktiven Fanszene und der Geschäftsleitung von Hertha BSC ist völlig verfahren

Kein Dialog ist keine Lösung: Die Situation zwischen der aktiven Fanszene und der Geschäftsleitung von Hertha BSC ist völlig verfahren

Foto: Sebastian Wells

Berlin.  Das Thema nervt. Weil bei Immerhertha, dem Blog der Morgenpost, der Nutzer „Sunny“ geschrieben hat, er ertrage das „furchtbare Teil­verständnisgefasel“ nicht, das er „in Medien lese“, wird im Folgenden Klartext geschrieben. Da es um Fußball geht, werden die Beteiligten gebeten, nicht übersensibel zu ­reagieren, sondern sich die Standpauke anzuhören.

Es geht um die schon länger verfahrene Situation zwischen den ­Ultras und der Geschäftsführung von Hertha BSC, die sich in den vergangenen zehn Tagen zu einem schier unentwirrbaren gordischen Knoten verworren hat. Es soll hier um Lebenslügen ­gehen. Und die Notwendigkeit, sich ­davon zu verabschieden, damit das Projekt Hertha BSC nicht dauerhaft Schaden nimmt.

Beginnen wir mit euch, den Ultra-Gruppen der Harlekins und der HauptstadtMafia. Schon klar, ein Stück Größenwahn gehört immer dazu. Aber ihr überschätzt euch und euren Einfluss. Ihr seid nicht der Fußball. Ihr seid ein Teil vom Fußball. Ein wichtiger Teil.

Alle Beteiligten müssen sich wiederfinden

Es ist völlig in Ordnung, Fan-Anliegen zu formulieren und zu vertreten. Aber so wie Fans berechtigte Interessen haben, haben die anderen Teilnehmer der Inszenierung Profifußball berechtigte Interessen: Klubs, Sponsoren, Investoren – und die Fernseh-Anstalten. Die sorgen mit ihren hohen TV-Gebühren übrigens dafür, dass niemand so günstig ins Stadion kommt wie ihr. Wie überhaupt Herthas Preisstruktur im bundesweiten Vergleich günstig ist. Profifußball kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten sich wiederfinden.

Reizthema Pyrotechnik: Jeder Stadionbesucher weiß, Pyros sind verboten. Auch wenn es oft nicht sanktioniert wird, wenn die Polizei wie in Dortmund eine robuste Reaktion zeigt, fängt man nicht das Jammern an. Und einen brennenden Bengalo aus vier Metern Entfernung in eine Polizisten-Gruppe zu werfen, geht nicht. Das ist menschenverachtend. Auch Vandalismus ist indiskutabel. 50.000 Euro Schaden meldet Borussia Dortmund im Toilettenbereich, nachdem die Hertha-Fans abgereist waren. Geht’s noch? Und wenn Hertha nach diesen Aussetzern mit euch reden will, versucht ihr ein Gespräch als „Konfrontation“ und „Erpressung“ hinzustellen – Kindergarten.

Bevor die Herren Michael Preetz, Ingo Schiller, Thomas Herrich und Paul Keuter sich gemütlich zurücklehnen – auch für die Geschäftsleitung von Hertha heißt es: Runter vom hohen Ross! Die Legende, die sich intern seit Längerem erzählt wird: Im Großen und Ganzen gibt es einen prima Dialog mit den Fans – wäre da nicht diese kleine Menge der Ultras – die ist falsch.

Eine kritische Anhängerschaft kann ein Segen sein

300 Ultras im Olympiastadion erklären nicht, warum gegen Leipzig die meisten der 45.000 Hertha-Fans den Stimmungsboykott mitgetragen haben. 300 Ultras taugen auch nicht als Erklärung, warum in den vergangenen anderthalb Jahren mehrfach eine Mehrheit der Mitglieder gegen Vorhaben des Präsidiums gestimmt haben. Das Unwohlsein, das es unter Anhängern und Mitgliedern gibt, ist viel grundlegender, als in der Chefetage angenommen wird.

Wenn Manager Preetz im ZDF- „Sportstudio“ erklärt, der Weg der Modernisierung und Digitalisierung, den Hertha beschreitet, sei „alternativlos“ – hallo? Jeder Fan weiß, dass er seit Jahren ein Smartphone in der Tasche trägt. Jeder erlebt im Alltag, dass die Digitalisierung um sich greift. Natürlich muss sich auch ein Fußballklub für die Zukunft aufstellen. Aber das Projekt Hertha BSC 2030 (vielleicht mit neuem Stadion) gelingt nur, wenn die Mehrheit der Fans und Mitglieder mitgenommen wird. Im Klartext: Hertha muss besser kommunizieren.

Weil in Zeiten von Football Leaks, von schmutzigen Deals, von geldgierigen Großklubs, ein Verein wie Hertha froh sein kann über seine Fans. Ob Ultras oder in der aktiven Fanszene: Die kritische Basis jubelt nicht jedem neuen Vorschlag zu, rennt nicht jedem Kommerzvorschlag hinterher. Ja, sie ist regelmäßig anstrengend. Aber Hertha, das nicht zu den Großklubs vom Schlage Manchester City oder Paris St. Germain gehören wird, hat eine treue und leidensfähige Anhängerschaft.

Es fehlt die Hertha-Autorität

In den sozialen Medien wird über die Notwendigkeit eines Mediators diskutiert. Da ist jedoch festzustellen, dass es bei Hertha eine Leerstelle gibt. Seit dem Tod von Wolfgang Holst 2010 gibt es keine Person, die quer durch den Verein als Hertha-Autorität wahrgenommen wird. Egal, ob ein Er oder Sie als Mediator gefunden wird: Geschäftsführung und Ultras gehören an einen Tisch. Und das Erste, was ein Mediator gelangweilt beiseite winken wird, sind Vorwürfe, mit denen die eine Seite der anderen Seite jeweils irgendwelche Fehler vorwirft.

Ein Mediator wird volle Konzentration auf eine Frage einfordern: Was könnt Ihr Ultras tun, und was können die Herren von der ­Geschäftsleitung tun, um die jetzige Situation zu verbessern?