BUNDESLIGA

Hertha und das Problem mit der Ausbeute

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Auch die Wechsel helfen Hertha gegen Leipzig nicht: Trainer Pal Dardai holt Marvin Plattenhardt (l.) vom Platz, Javairo Dilrosun (Nr. 16) übernimmt

Auch die Wechsel helfen Hertha gegen Leipzig nicht: Trainer Pal Dardai holt Marvin Plattenhardt (l.) vom Platz, Javairo Dilrosun (Nr. 16) übernimmt

Foto: Ottmar Winter

Hertha-Trainer Dardai hakt die Leipzig-Pleite wegen fehlender Frische schnell ab, stellt seinen Profis aber klare Forderungen.

Berlin.  Als Alibi für die schwache Leistung wollte Pal Dardai die gespenstische Stimmung im Olympiastadion nicht nutzen. „Aber so ein leises Heimspiel habe ich noch nie erlebt.“ Der Vergleich, der dem Cheftrainer von Hertha BSC einfiel: „Wenn ich böse bin, sage ich: Das war wie an Halloween – Friedhofsstimmung.“

Der Stimmungsboykott der Fan­szene (siehe Interview unten) täuscht nicht darüber hinweg, dass es beim 0:3 von Hertha BSC gegen RB Leipzig einen Klassenunterschied zu sehen gab. Die Gastgeber waren mit den Gegentoren von Timo Werner (7./53. Minute) und Matheus Cunha (75.) noch gut bedient. Hertha-Torwart Rune Jarstein verhinderte mit diversen Paraden ein Debakel.

RB-Fans singen: Ohne Leipzig wär’ hier gar nix los

Die nächste (selbstauferlegte) Schmach für die schweigenden 45.000 Hertha-Anhänger: Zu hören im Stadion waren vor ­allem RB-Fans, die sangen: „Ohne Leipzig wär’ hier gar nix los.“

„Wir haben den Einstieg in die erste Halbzeit verpasst und sind an einem tollen Gegner gescheitert“, sagte Manager Michael Preetz im ZDF-„Sportstudio“. Nach der dritten deftigen Pleite im dritten Heimspiel gegen RB (zuvor 1:4 und 2:6) zeigt sich erneut: Die Gäste sind in einer anderen Liga unterwegs. „Selbst unsere schnellsten Spieler sind nicht schnell genug für Leipzig“, sagte ­Dardai. Mit Ausnahme von Torwart Jarstein hatten fast alle Feldspieler Probleme. „Wir haben nicht nach vorne verteidigt, sondern sind ­immer einen Schritt nach hinten gegangen“, sagte Dardai.

Von Kritik an der Taktik wollte der Übungsleiter nichts wissen. Hertha hatte mit einer Fünfer-Abwehrkette begonnen. Wegen der vielen Probleme wurde nach 25 Minuten auf Viererkette umgestellt. Dardai sagte: „Fahrrad­kette, Viererkette, Fünferkette – in der zweiten Halbzeit haben wir überhaupt nicht gut ausgesehen.“

Kalou und Ibisevic treffen nicht

Seine Lesart: Den meisten ­Spielern ­habe die Frische gefehlt, um aggressiv in die Zweikämpfe zu gehen. Da habe er mit seinem Trainerteam bei der ­Belastungssteuerung ­etwas nicht ­richtig gemacht.

Ein anderes Manko erwischte Hertha unerwartet. Ausgerechnet die in der Liga für ihre Effizienz gefürchteten Salomon Kalou und Vedad Ibisevic vermochten keine von den fünf Berliner Großchancen zu nutzen.

Das Rezept, wie er seine Schlüsselspieler für die nächste Partie am Sonnabend in Düsseldorf in Schwung bringen will, beschrieb Trainer Dardai am Beispiel seines jüngsten Sohnes Bence (12): Der habe bei einem Turnier am ersten Tag schlecht gespielt. „Mama hat geschimpft: Hättest du auf mich gehört und wärst gestern früh ins Bett gegangen, wärst du besser drauf. Bence antwortet: Lass mich in Ruhe Mama, ich bin Stürmer. Das muss man akzeptieren.“ Am nächsten Tag, fuhr Dardai fort, ging es gegen die starken Gegner. Und Bence spielt gut, wird Torjäger des Turniers. Auf der Rückfahrt sagt er: „Mama, was habe ich gesagt?“

Drei Punkte aus vier Spielen

Dardai schaut in die Runde, ob jeder verstanden hat: „So sind Stürmer. Man muss sie in Ruhe lassen – dann treffen sie nächste Woche wieder.“ Klingt simpel. Doch die Verantwortlichen wissen: Hertha muss aufpassen. Einerseits kassierte der Hauptstadt-Klub trotz eines anspruchsvollen Programms am zehnten Spieltag erst die zweite Niederlage. Mit Blick auf die bisherigen Gegner wie Schalke (2:0), Gladbach (4:2), Bayern (2:0), Dortmund (2:2) sind 16 Punkte eine gute Ausbeute. Doch von zwölf möglichen Zählern, die es in den letzten vier Partien zu holen gab, hat Hertha lediglich drei ergattert – ein Sieg würde gut tun.

Die Gegner bis Jahresende: Düsseldorf, Hoffenheim, Hannover, Frankfurt, Stuttgart, Augsburg und Leverkusen. „Jetzt kommen Spiele, wo wir gewinnen müssen“, sagte Dardai. Sein Ziel: „Wenn wir gut mitmachen, ­werden wir Weihnachten vielleicht Sechster sein.“

Bleibt die Frage: Wie will Hertha die verfahrene Situation mit der aktiven Fanszene lösen? Nach der ­aktuellen Entwicklung steht zu ­befürchten: Die Situation wird noch komplizierter.

Ultras sagen Termin mit Geschäftsleitung ab

So veröffentlichten die Ultras der Harlekins am Sonntag eine Stellungnahme, auf der sie die Einladung der Geschäftsführung zu einem Treffen am heutigen Montag ablehnten.

Herthas Geschäftsleitung hatte für vergangenen Donnerstag Vertreter des Fanprojektes, der Fanbetreuung und Fans zu einem „Runden Tisch“ geladen, darunter auch Ultra-Vertreter. Die hatten zugesagt. Nach den Vorkommnissen im Hertha-Block in Dortmund (Pyros, Polizeieinsatz, Vandalismus) hatte Hertha das Date verschoben. Und für Montag die Ultras zu einem Treffen gebeten, um über Dortmund zu sprechen. Erst nach diesem Termin könnten die Ultras in großer Runde dabei sein. Dieses Gespräch lehnten die Harlekins ab: „Anstatt die Chance zu ergreifen, bei einem „Runden Tisch“ Themen kritisch zu diskutieren, geht die Geschäftsführung mit dieser ­Erpressung wieder auf Konfrontation.“