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Fußball: Fast wie frisch verliebt

Wer vom modernen Fußball genervt ist, sollte es mit einer Auszeit probieren. Über eine heilsame Beziehungskur.

Jörn Lange

Jörn Lange

Foto: Reto Klar

Berlin. Ich will kein Geheimnis daraus machen, ich komme frisch aus einer Beziehungskrise. Meine Liebe zu König Fußball hatte gegen Ende der Saison merklich gelitten, statt flammender Leidenschaft spürte ich plötzlich nur noch kalten Verdruss. Die ewige Bundesliga-Dominanz der Bayern? Ermüdend. Die nicht enden wollenden Diskussionen um den Videobeweis? Zermürbend. Die unmoralisch anmutenden Transfersummen, die im Markt bewegt werden? Mehr als erschütternd. Der Fußball und ich, seit ich denken kann unzertrennlich, manövrierten uns zielsicher ins Abseits.

Um unsere Liaison zu retten, sah ich nur noch einen Ausweg: fliehen, Abstand gewinnen, Distanz schaffen – bloß weg, so weit wie möglich, am besten ans andere Ende der Welt. So machte ich mich auf nach Nicaragua, in eines der erfolglosesten Fußballländer Lateinamerikas, das in der Weltrangliste auf Platz 136 rangiert, noch hinter Tadschikistan, Swasiland oder Antigua und Barbuda. Hier sollte er doch wohl gelingen, mein Fußballentzug, der ja eigentlich eine Beziehungskur sein sollte. Nur kam alles ganz anders als gedacht.

Plötzlich zeigt der Fußball seinen ganzen Charme

Nur gut eine Woche lang ging mein Plan auf. Acht Tage spielte der Fußball nicht die geringste Rolle in meinem Leben, ehe er zu einer unverhofften Charme-Offensive ansetzte. Dort, wo ich es am allerwenigsten erwartet hatte, auf einer dünn besiedelten Vulkaninsel inmitten des Nicaraguasees, gewann der Fußball mein Herz zurück. Wie ihm das gelang? Indem er sein wahres Gesicht zeigte, ganz ungeschminkt, ohne die dicke Make-up-Schicht, die ihn in den Augen seiner Stil-Berater attraktiver macht, in Wahrheit aber fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Stattdessen offenbarte sich der Fußball in der Ferne so herrlich pur und unperfekt, wie wir es uns in unserem Weltmeister-Land kaum noch vorstellen können. Mit einem verbeulten Platz, mehr Acker als Rasen, mit windschiefen Auslinien und Toren ohne Netz.

Die Bewohner des kleinen Dorfes am Fuße des Maderas nahmen daran keinerlei Anstoß. Am Sonnabend um 15.30 Uhr stand der halbe Ort am Spielfeldrand, um sich das Duell zweier B-Jugend-Teams anzusehen. Dass das Niveau bestenfalls Kreisliga-Level erreichte – geschenkt. Die Spielfreude, der Ehrgeiz und Stolz der Kontrahenten zog die Zuschauer trotzdem in ihren Bann, sie feierten den Rumpel-Kick wie andere ein Champions-League-Finale. Für mich ein Moment mit kathartischer Wirkung. Wenn der Fußball seine Magie selbst hier, unter den widrigsten Umständen zu entfalten vermochte, wie sollte ich mich ihm dann verschließen? Plötzlich pochte es wieder in meiner Brust. Ein Gefühl wie frisch verliebt.

Ibisevics Moment für die Ewigkeit

Die Kur hat also gewirkt. Der Weltmeisterschaft in Russland, an die ich vor vier Wochen kaum denken mochte, fiebere ich inzwischen entgegen. Eine Woche noch, dann beginnt das Hohefest des Fußballs, und auch bei der WM werden es wieder die kleinen, die überraschenden Momente sein, die lange nachhallen. Herzerwärmende Außenseiter-Storys wie die der Fußballzwerge Haiti (1974), Kamerun (1990), Jamaika (1998) oder Nicaraguas Nachbarland Costa Rica (2014), die bei Endrunden mit Mut und Kreativität begeisterten. Überhaupt: Nicht selten war bei den Spielern mit den kleinsten Erfolgsaussichten die Freude am größten. Herthas Kapitän Vedad Ibisevic etwa kam mit Debütant Bosnien vor vier Jahren nicht über die Gruppenphase hinaus, erzielte dafür aber das erste WM-Tor für sein Land – der vielleicht heroischste Moment seiner Karriere.

Für seinen Berliner Teamkollegen Marvin Plattenhardt ist indes schon die WM-Nominierung ein gewaltiger Erfolg. Sollte er in Russland für die DFB-Auswahl zum Einsatz kommen, wird dieser Augenblick auf ewig in die Hertha-Historie eingebrannt sein. Zu wünschen wäre es dem fleißigen Linksverteidiger allemal. Genauso wie der Welt ein WM-Turnier zu wünschen ist, das nicht wegen seiner opulenten Inszenierung in Erinnerung bleibt, sondern wegen seines mitreißenden, ehrlichen Fußballs und vielen fröhlichen Fans. So wie der Fußball in Nicaragua.

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