Da beim Fußball nicht anders als in anderen Lebensbereichen der letzte Eindruck bleibt, war die Stimmung nach dem 2:2 gegen den FC Augsburg grundsätzlich positiv. Das lag vor allem daran, dass dem Berliner Bundesligisten etwas gelungen war, was ihm in dieser Saison nur selten glückte. Herthas Profis verliehen einem bereits verloren geglaubten Spiel in der Schlussphase einen neuen Dreh, holten nach einem 0:2-Rückstand und einer bis dahin schwachen Leistung noch einen Punkt. „Es war enttäuschend, was wir in den ersten 80 Minuten gezeigt haben. Wir können mit dem Punkt sehr zufrieden sein“, sagte Stürmer Davie Selke. Trainer Pal Dardai wurde noch deutlicher. „Die erste Halbzeit kann man in die Tonne schmeißen, das war ganz schlecht.“
Wie schon in der Vorwoche in Frankfurt spielte Selke bei der Aufholjagd die entscheidende Rolle. Zuerst holte er im Duell mit dem ehemaligen Herthaner Christoph Janker einen Elfmeter heraus, den der eingewechselte Vedad Ibisevic verwandelte (84.). Dann traf er mit einem flachen Schuss in die lange Ecke zum 2:2 (87.). Augsburg musste die letzten Minuten nach der Roten Karte gegen Marcel Heller gar in Unterzahl überstehen, aber die Zeit für Hertha reichte nicht mehr, um noch den Lucky Punch zu setzen.
Gemessen am Spielverlauf kam der Punktgewinn überraschend zustande. Lange Zeit fehlten Hertha Überzeugung und Esprit. Die Berliner zeigten daheim wieder ihr fahles Gesicht und erspielten sich kaum eine nennenswerte Torchance.
Dass es für Hertha noch um etwas ging, war erst spät spürbar. Anders sah es auf Seiten der Gäste aus. Augsburg benötigte einige Minuten, um ins Spiel zu finden, kam dann aber regelmäßig zu guten Gelegenheiten. Bei einem Schuss von Jonathan Schmid stand Karim Rekik am rechten Fleck und blockte den möglichen Einschlag (10.). Dann versuchte es Martin Hinteregger zweimal, zuerst per Kopf, dann per Gewaltschuss (14./16.). Hertha wirkte unkonzentriert. Sechser Per Skjelbred leistete sich einen katastrophalen Rückpass und hatte Glück, dass Torwart Rune Jarstein gerade noch vor Augsburgs Alfred Finnbogason an den Ball kam (23.). Danach unterliefen Vladimir Darida und Niklas Stark leichtsinnige Patzer. „Wir haben uns mit unseren Fehlern selbst verunsichert“, sagte Skjelbred. Dardai klang fast verzweifelt: „Wir haben in dieser Phase so schlecht gespielt, das kann ich nicht verstehen.“
Bezeichnend, dass in dieser Berliner Schwächeperiode die Augsburger Führung fiel. Darida machte aus einem Schuss des sehr auffälligen Gregoritsch unfreiwillig eine Bogenlampe, der Ball stieg hoch, änderte die Flugbahn gegen die Laufrichtung Jarsteins, der sich vergeblich streckte – 0:1 (32.).
Die Augsburger hatten Hertha nun da, wo sie wollten. Die Berliner mussten das Spiel machen, der FCA konnte kontern. Nach einer Eingabe von Caiuby auf den gerade eingewechselten Sergio Cordova drehte der sich blitzschnell um Stark und traf zum 0:2 (61.).
Hertha schien in diesem Moment geschlagen, aber im Gegensatz zu den meisten Heimauftritten in diesem Frühjahr konnte sich die Mannschaft mit zunehmender Spielzeit steigern. Dardai brachte Ondrej Duda (62.) sowie Vedad Ibisevic und Sohn Palko (71.), der sein Bundesliga-Debüt feiern durfte. Alle drei Einwechselungen sorgten für viel Belebung. „Hinten raus hat uns unser Teamgeist gerettet mit Vedad und Palko, die frischen Wind gebracht haben“, sagte Karim Rekik, der berichtete, dass es „in der Pause ganz schön laut“ war. „Es bestand die Gefahr, dass wir 0:4 verlieren. Deshalb haben wir einen Mentalitätsspieler wie Vedad gebracht“, sagte Dardai.
Rückstand auf Platz sieben beträgt nur noch drei Punkte
Was die Energieleistung am Ende wert ist, wird sich wohl erst in zwei Wochen nach dem letzten Saisonspiel gegen Leipzig zeigen. Zuvor geht es kommenden Sonnabend nach Hannover. Weil Frankfurt selbst von Bayerns C-Elf eine Abfuhr bekam (1:4) und Gladbach gegen Schalke (1:1) auch nur einen Punkt holte, konnte Hertha den Rückstand auf Platz sieben auf drei Zähler verkürzen. Gewinnt der FC Bayern den DFB-Pokal, startet der Siebte in der Europa-League-Qualifikation.
Dardai wollte von all dem nichts wissen. „Wir haben nichts in der Hand. Die Top 10 zu verteidigen war unser Ziel, das ist uns gelungen. Alles andere sind Träumereien“, sagte er und redete sich zeitweise in Rage. Dass sein Team nicht mit Druck umgehen könne, habe man deutlich gesehen, fand der Ungar.
„Für mich ist das allerwichtigste, das wir das letzte Heimspiel gegen Leipzig gewinnen und die Fans glücklich nach Hause gehen.“ Warum Dardai so viel Wert darauf legt? Weil es der letzte Eindruck ist, der über den Sommer hinweg bleibt.


