Fussball

Lehren aus der Leere

Kein Klub verliert mehr Stadionbesucher als Hertha BSC. Ein Trend, der Veränderungen erfordert.

So sehr sich Vladimir Darida (r.) und Marvin Plattenhardt auch mühen: Ins Olympiastadion ziehen die Hertha-Profis immer weniger Menschen

So sehr sich Vladimir Darida (r.) und Marvin Plattenhardt auch mühen: Ins Olympiastadion ziehen die Hertha-Profis immer weniger Menschen

Foto: pa

Berlin.  Die Wetterprognose ist gut. Knapp über 20 Grad Celsius, dazu Sonnenschein, hin und wieder mal ein Wölkchen. Beste Voraussetzungen also, um Hertha im Heimspiel gegen den FC Augsburg zu unterstützen (15.30 Uhr, Sky). Rund 40.000 Zuschauer erwartet der Berliner Bundesligist am Sonnabend. Gemessen an der Tabellenregion, in der sich beide Teams befinden (Hertha 9./Augsburg 11.), eigentlich kein schlechter Wert. Je nachdem, wie man die Zahl betrachtet, kann sich die Wahrnehmung jedoch verschieben. Denn für das Olympiastadion mit einem Fassungsvermögen von mehr als 74.000 Menschen bedeuten 40.000 Besucher eben auch: fast halb leer. Alles andere als zufriedenstellend.

Erstmals seit 1990/91 istkein Heimspiel ausverkauft

Die Auslastung des Stadions liegt in der laufenden Saison knapp unter 60 Prozent – die schlechteste Quote der Liga. Der Zweitschlechteste in dieser Kategorie ist Mainz mit 77 Prozent. Weil vermutlich weder gegen Augsburg noch im letzten Heimspiel gegen Leipzig alle Plätze belegt sein werden, wird Hertha erstmals seit 1990/91 eine Spielzeit ohne ein einziges ausverkauftes Heimspiel beenden. Nicht mal die Duelle mit dem FC Bayern oder Borussia Dortmund garantierten eine maximale Besucherzahl.

Die negative Entwicklung macht sich in allen Statistiken bemerkbar. Lag Herthas Zuschauerschnitt in der vergangenen Saison bei 47.384, sind es 2017/18 aktuell 43.169. Hier handelt es sich vermutlich um einen Wert, bei dem Frei- und Ehrenkarten die Bilanz noch schönen. Da alle Bundesligisten am Ende der Saison verpflichtet sind, ihre Angaben gegenüber der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ohne diese Karten zu machen, dürfte sich die Zahl auf schätzungsweise noch weiter nach unten korrigieren, auf etwa 40.000

Intern wissen die Verantwortlichen um die schwere Situation. „Wir werden die Sommerpause nutzen, um uns zusammenzusetzen und Lösungen zu finden“, sagt Hertha Manager Michael Preetz: „Ziel ist es, dass sich die Zuschauerzahlen wieder in eine andere Richtung entwickeln.“ Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller wollte sich zu diesem Thema gar nicht äußern und lehnte eine Gesprächsanfrage ab. Man will sich zu gegebener Zeit ausführlich erklären.

Tatsächlich handelt es sich um ein komplexes Thema, das nicht durch ein oder zwei Thesen zu erklären ist. In den vergangenen Monaten war immer wieder zu hören, Fußball hätte aufgrund seiner immer aggressiveren, kapitalistischen Ausrichtung viele Sympathien beim Publikum eingebüßt. Das mag für den Einzelnen stimmen, trifft in der Masse aber nicht zu, was die Einschaltquoten bei Fernsehübertragungen oder Abo-Verkäufen der Bezahlsender zeigen. Hier floriert der Markt.

Dass die Menschen den Stadien immer öfter fernbleiben, hat auch mit der Entwicklung auf dem TV-Markt und den Veränderungen des Spiels zu tun. Inzwischen lässt sich jede Partie bequem von der Couch aus verfolgen. Wer daheim bleibt, ist sogar im Vorteil. Strittige Szenen, bei denen der Videobeweis zu Rate gezogen wird, werden in den Stadien nicht gezeigt, im TV dagegen aus zig Perspektiven.

Was Hertha angeht, gibt es allerdings einige Sonderpunkte, die zu bedenken sind. Den nur selten ansehnlichen Fußball etwa. Oder die geringe Attraktivität des historischen Olympiastadions gegenüber den modernen Arenen der Konkurrenz – allein schon wegen der großen Distanz zum Spielfeld durch die Laufbahn. Dazu kommt die enorme Dichte an Kultur-Angeboten und Spitzensport in Berlin. Neben Hertha buhlen die Topteams Eisbären, Füchse, Alba und Volleys um Zuschauer. Nicht zu vergessen der 1. FC Union, ein weiterer Klub, der Profifußball bietet. Und: Viele Zugezogene tragen ihren Heimat-Verein im Herzen. Sie für Hertha zu begeistern, ist nicht leicht.

Stadion-Planung mit dem Senat verzögert sich

Viele dieser Faktoren lassen sich nur schwer ändern. Einige Probleme sind aber auch hausgemacht. Mit der Digitalisierungskampagne ist es Hertha bisher nicht gelungen, eine neue Klientel ins Olympiastadion zu locken. Im Gegenteil. Der eingeschlagene Kurs löste vehemente Proteste in der Ostkurve aus, die schwelenden Grabenkämpfe mit Teilen des eigenen Publikums waren und sind für die öffentliche Wahrnehmung nicht gerade förderlich.

So wird der erhoffte Stadionneubau für die Klubführung immer stärker zum Heilsbringer. Mit dem Plan einer neuen 55.000-Plätze-Arena verknüpfen die Verantwortlichen mehr denn je die Hoffnung auf Besserung der Zuschauerproblematik. Ursprünglich sollte der Stand der Planung Ende April bekannt gegeben werden. Weil sich die Gespräche mit dem Senat verzögern, werden die vorläufigen Ergebnisse nun erst auf Herthas Mitgliederversammlung am 14. Mai verkündet. Das kleinere, zuschauerfreundlichere Stadion soll bis 2025 stehen. Ob es überhaupt dazu kommt und wann die Bauarbeiten gegebenenfalls beginnen, ist noch unklar. Das Fundament, damit mehr Fans kommen, muss Hertha aber schon in der Gegenwart legen.