Kolumne Immer Hertha

Langeweile als Luxus

Viele Hertha-Fans hadern mit der mittelmäßigen Saison der Berliner. Dabei hätten sie durchaus Anlass zur Freude.

Die Profis von Hertha BSC haben schon nervenaufreibendere Spielzeiten erlebt

Die Profis von Hertha BSC haben schon nervenaufreibendere Spielzeiten erlebt

Foto: Annegret Hilse / picture alliance / Annegret Hils

In seiner Größe war der Autokorso überschaubar, aber zu hören war das Hupen auf dem Kudamm bis spät in die Nacht. Nur in den einschlägigen Hertha-Kneipen wurde noch länger gefeiert, weil es so was eben nur einmal gibt, oder zumindest nicht so schnell wiederkommt. „Finale, ooohhooo“, grölten die seligen Berliner Fußballfans an den Tresen, immer und immer wieder. Hertha im Endspiel des DFB-Pokals im Olympiastadion, endlich, nach all den Jahren, die Erfüllung der Träume zum Greifen nah – hach, zu schön, um wahr zu sein.

So oder ähnlich hätten sie in dieser Woche aussehen können, die Jubelszenarien in der Hauptstadt. Stattdessen: blau-weiße Euphorie-Windstille, kein Autokorso, kein enthemmtes Gejohle, kein gar nichts. Um den Einzug ins Endspiel durften am Dienstag und Mittwoch andere kämpfen, Hertha hingegen hatte auf dem Weg zum großen Ziel mal wieder gewirkt wie ein Läufer, der kurz nach dem Start über die nicht zugeknoteten Schnürsenkel stolpert. Aus in Runde zwei, zu allem Überfluss auch noch zu Hause und gegen den bis dahin desolaten 1. FC Köln, einen Gegner, der nur in einem Rennen Favorit war: dem um den Abstieg. Hertha brachte es trotzdem fertig zu verlieren. Das 1:3 war die bitterste Pleite der Saison.

„Dit hätten wir ooch noch jekonnt“

Nun also versuchte sich etwa Bayer Leverkusen an der Mission Pokal-Finale. Gegen den FC Bayern ging die Werkself am Dienstag regelrecht unter, verlor mit 2:6. „Dit“, wird sich manch Hertha-Fan gedacht haben, „hätten wir ooch noch jekonnt.“ Recht hatte er.

Kritische Beobachter mögen nun behaupten, dass die Berliner Anhängerschaft auch so einen guten Anlass hätte, um sich an der Theke einzufinden. Nüchtern sei Herthas maues Gekicke schließlich kaum zu ertragen. Vor dem Hintergrund, dass das Team dem Saisonende im Niemandsland der Tabelle entgegenächzt, mag das stimmen; nur sollte man dabei nicht vergessen, dass Sorglosigkeit in der Bundesliga inzwischen ein nicht zu unterschätzendes Gut ist.

Ja, Spiele wie die Nullnummern gegen Freiburg und Wolfsburg oder das 0:2 gegen Mainz waren schwer verdauliche Kost – so genießbar wie ein Candle-Light-Dinner in einer Bundeswehrkantine. Mit Blick auf die Probleme der Konkurrenz dürfen die Hertha-Fans ihrer Situation aber ruhig etwas Positives abgewinnen. Bleibt man bei dem Bild der Bundeswehrkantine, haben sie immerhin einen sicheren Platz im Trockenen, und dazu noch etwas zu essen auf dem Tisch. Kein sportlicher Überlebenskampf, keine Abstiegsangst, keine wirtschaftlichen Nöte – das ist nicht nichts.

Neidische Blicke aus Köln, Hannover und Frankfurt

In Köln beispielsweise würden sie den Sieg gegen Hertha im Pokal wohl tausend Mal hergeben, wenn sie dafür in der Bundesliga bleiben dürften. In Hannover können die von ihrem Präsidenten Martin Kind geplagten Fans über den Konflikt, den ihre Berliner Pendants mit Herthas Klubführung austragen, nur müde lächeln. In Bremen oder Stuttgart hätte man – dem aktuellen Erfolg zum Trotz – gern auf turbulente Wochen und Trainerwechsel verzichtet. Letzteres gilt übrigens auch für Eintracht Frankfurt. Der im Pokal so erfolgreichen SGE wird ihr Coach, der Berliner Niko Kovac, bekanntlich bald verlustig gehen.

Bei Hertha hingegen hat Pal Dardai die Chance, das Team in seiner vierten vollen Saison als Trainer weiterzuentwickeln. Dann wieder ohne die Mehrbelastung der Europacup-Teilnahme, die in diesem Jahr zwar zu einem Gewinn an Erfahrung, aber auch zu einem Verlust an Leichtigkeit führte.

„Es ist eine Übergangssaison“, hatte Dardai schon vor Monaten betont. Eine, in der es gilt, Schiffbruch zu vermeiden und stabil zu bleiben. Eine, in der eigene Talente in den Kreis der Stammkräfte aufsteigen und Zukäufe zu Leistungsträgern werden sollten. Das ist weitgehend gelungen, insofern darf man die aktuelle Langeweile um Hertha ruhig als Luxus begreifen. Natürlich nur bis zur nächsten Saison, wenn es tunlichst ein bisschen mehr sein darf. Gelingt das – vor allem im Pokal –, gibt’s vielleicht sogar mal wieder einen Autokorso.