Nein, in der ersten Hälfte hatte es weder nach einem Heimsieg, geschweige denn nach einem Jubiläum ausgesehen. Doch am Ende feierte Hertha BSC genau das vor 49.253 Zuschauern gegen den 1. FC Köln: Mit dem schwer erkämpften 2:1 (0:1) gelang der erste Erfolg im Olympiastadion nach mehr als vier Monaten. Dazu gab es mit Davie Selke nicht nur einen Doppel-Torschützen – Selke erzielte mit seinem siebten Saisontreffer, dem 2:1, das 1000. Bundesliga-Heimtor von Hertha BSC. „Ich hatte das gar nicht richtig auf dem Schirm“, sagte er. „Aber das ist ein netter Nebeneffekt. Wichtiger war, dass wir den Fans den ersten Heimsieg in diesem Jahr geschenkt haben.“
Nachdem die Nachspielzeit von sechs Minuten vorbei war, sanken die Beteiligten zu Boden. Die Spieler des 1. FC Köln, weil sie wussten, dass nach der 19. Saisonniederlage der Abstieg immer mehr Gestalt annimmt. Die Spieler von Hertha BSC waren erschöpft, Marvin Plattenhardt musste sich wegen Krämpfen behandeln lassen. Der Lohn der Mühe: Hertha steht als Neunter erstmals seit dem fünften Spieltag wieder auf einem einstelligen Tabellenplatz.
Losgegangen war der Nachmittag mit einer Systemumstellung: Erstmals seit Längerem hatte Trainer Pal Dardai mit Selke und Vedad Ibisevic zwei Stürmer aufgeboten. Hertha legte rasant los – nach wenigen Sekunden kam Salomon Kalou zu einem Abschluss, FC-Torwart Timo Horn lenkte den Ball mit Mühe zur Ecke (1.). Doch der Schwung bei den Hausherren erlahmte rasch. Die Mannschaft machte den Eindruck, als fühle sie sich in dem 4-4-2-System nicht wohl.
Hatte Köln Ballbesitz, versuchte Hertha, das Spielfeld eng zu halten – was aber nur selten gelang. Regelmäßig schafften es die Gäste, sich in Richtung Berliner Tor zu kombinieren. Mehr als ein Kopfball von Yuya Osako, der in den Armen von Hertha-Torwart Rune Jarstein landete, sprang zunächst nicht heraus (12.).
Fans kritisieren erneut Herthas Geschäftsführung
An der Seite schimpfte Trainer Dardai mehrfach mit Mitchell Weiser, dem rechten Außenverteidiger, der den Kölner Simon Zoller nicht unter Kontrolle bekam. Als der FC-Stürmer verletzt raus musste, hätte es besser werden können (21.). Doch es war erneut Weiser, der als letzter Mann Leonardo Bittencourt nicht stoppen konnte, der Kölner schoss den Ball im Fallen Torwart Jarstein durch die Beine, 0:1 (29.).
Nach den vorangegangenen schwachen Heimspielen gegen Mainz (0:2), Freiburg (0:0) und Wolfsburg (0:0) tat sich Hertha erneut schwer. Bezeichnend für die Stimmung, die derzeit bei den Blau-Weißen herrscht: Die aktive Fanszene kritisierte einmal mehr den Kurs der Hertha-Geschäftsführung. Auf Bannern in der Ostkurve hieß es: „Preetz, Schiller, Herrich, Keuter & Co – Eure Prioritäten sind ein Griff ins Klo“ oder „Peinliche Videos bringen weder Punkte noch Identität. Ändert die Neuausrichtung, sonst ist es zu spät.“ Was sich nicht änderte: die fehlende Durchschlagskraft der Hausherren. Zur Pause reichte es dem Trainer, Weiser blieb in der Kabine, dessen Position übernahm Lazaro, neu im Spiel war fortan Mathew Leckie.
Nun kamen die Minuten des Davie Selke. Nach einer Flanke von Marvin Plattenhardt beendete er seine persönliche Durststrecke – sein letztes Tor datierte von Mitte Januar (1:1 gegen Dortmund): Der Angreifer jagte den Ball mit Macht aus fünf Metern flach ins linke Eck, 1:1 (49.). „Das war eine Befreiung“, sagte Selke, „dieses Gefühl habe ich vermisst. Ich bin Stürmer, ich will Tore machen.“
Die Beteiligten dachten: Was einmal geht, geht auch zweimal. Scharfe Flanke von Plattenhardt, Selke spritzt in den Ball, 2:1 (52.), innerhalb von drei Minuten hatte Hertha die Partie gedreht. Ein Tor fürs Geschichtsbuch: Selke gelang Herthas 1000. Bundesliga-Heimtor. Vorbereiter Plattenhardt war heilfroh: „Wir haben uns die Tore von der Seele geballert.“ Die Kulisse in Feierstimmung. „Dank an alle Torschützen“ hieß es auf der Videowand. Die Fans riefen den Kölner Anhängern zu: „Absteiger, Absteiger.“ Doch der FC dachte nicht ans Aufgeben. Es entwickelte sich ein turbulentes Spiel, das in der Schlussphase vogelwild war.
Schieber trifft kurz vor Schluss das leere Tor nicht
So hatte der eingewechselte Julian Schieber das nächste Hertha-Tor auf dem Fuß – doch statt ins leere Tore zu treffen, schaufelte er den Ball über den Kölner Kasten (87.). Im direkten Gegenzug eilte Jhon Cordoba alleine auf Hertha-Torwart Jarstein zu – und drosch den Ball übers Tor. Dazu gab es Rudelbildung, Gelbe Karten für Selke und Marcel Risse. Herthas Abwehrchef Niklas Stark verließ den Platz an seinem 23. Geburtstag mit einer geschwollenen Nase, er hat sich wohl einen Nasenbeinbruch zugezogen – auch für den neunten Saisonsieg musste Hertha 100 Prozent geben.
Lazaro sagte über die Stimmung nach dem Rückstand in der Halbzeit: „Es ist schwer, da kühlen Kopf zu bewahren. Der Trainer hat das super gemacht. Er hat uns in der Kabine wieder aufgebaut.“


