Hertha BSC

Abwehrchef Niklas Stark: „Müssen im Kopf drauflegen“

Herthas Niklas Stark über den Reifeprozess des Berliner Teams, den Umgang mit Fehlern und das Duell gegen Bayerns Robert Lewandowski.

Niklas Stark (l.) hat für Hertha 78 Pflichtspiele absolviert und fünf Tore erzielt. Nach dem Abgang von Sebastian Langkamp ist der U21-Europameister zu Herthas Abwehrchef aufgestiegen

Niklas Stark (l.) hat für Hertha 78 Pflichtspiele absolviert und fünf Tore erzielt. Nach dem Abgang von Sebastian Langkamp ist der U21-Europameister zu Herthas Abwehrchef aufgestiegen

Foto: Andreas Karpe-Gora / picture alliance / Andreas Karpe

Berlin.  Niklas Stark hatte schon mal mehr Lust auf Medientermine. Das enttäuschende 0:2 gegen Mainz am vergangenen Wochenende hat Herthas Abwehrchef gewurmt, und statt Worten möchte er lieber Taten sprechen lassen. Der U21-Europameister steht in dieser Saison stellvertretend für die zwei Gesichter der Berliner. Zwischen beeindruckend starke Auftritte mischen sich immer wieder kleine Aussetzer. Vor der heutigen Partie bei Tabellenführer FC Bayern (15.30 Uhr, Sky) spricht der 22-Jährige über Lernprozesse, mentale Härte und die Perspektiven mit Hertha.

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Herr Stark, Glückwunsch zur Beförderung.Sie sind seit Februar einer der jüngsten Abwehrchefs der Bundesliga. Haben Sie sich schon an die neue Rolle gewöhnt?

Niklas Stark: So viel hat sich für mich gar nicht verändert. Gut, dadurch dass Basti (Sebastian Langkamp Anm. d. Red.) gegangen ist, fehlt ein Erfahrener. Das heißt für mich, dass ich im Spiel jetzt noch mehr reden muss. Das war bei Basti eher nicht nötig. Insgesamt muss ich das große Ganze etwas mehr im Blick haben. Diese Rolle hatte vorher eher er inne, wenn er gespielt hat.

Am vergangenen Wochenende waren Sie gleich gefordert. Ihrem Partner in der Innenverteidigung, Eigengewächs Jordan Torunarigha, unterlief gegen Mainz in der Anfangsphase ein grober Fehler. Danach wirkte er sehr verunsichert. Wie haben Sie versucht, ihn aufzubauen?

Jeder ist da ein bisschen anders. Der eine braucht vielleicht einen kleinen Einlauf, andere muss man eher aufbauen. Jordan ist noch einer, den man aufbauen muss. Das habe ich auch probiert. Solche Situationen hängen aber nicht an einem Einzelnen, da muss die ganze Mannschaft mithelfen. So eine Aktion kann immer mal passieren. Egal ob das jetzt hinten oder vorne ist – da muss das Team geschlossen hinter der Person stehen und ihr Mut zusprechen.

Sie selbst wirken nach missglückten Aktionen oder Spielen schnell sehr aufgeräumt. Haben Sie sich während Ihrer jungen Karriere schon eine gewisse mentale Härte zugelegt?

Ich mache solche Dinge eher mit mir selbst aus. Natürlich frage auch ich mich immer, was ich hätte besser machen können. Am Tag danach beschäftige ich mich meist noch damit, aber dann ist es auch schon wieder ganz weit weg. In der Vergangenheit lässt sich nichts mehr ändern, in der Zukunft schon. Natürlich setzen nach schlechteren Leistungen bestimmte Mechanismen ein. Dass es nach Spielen wie zum Beispiel in Stuttgart Kritik gibt, ist mir klar.

Dort unterlief Ihnen ein Eigentor, das zur 0:1-Niederlage führte.

Wenn ich nicht so hingehe, macht Mario Gomez wahrscheinlich das Tor. Ich geh dann lieber das Risiko ein, dass ich im Zweikampf blöd aussehe, als einfach wegzubleiben und den Stürmer machen zu lassen. Das finde ich viel schlimmer. Wer viel macht, kann auch manchmal was verkehrt machen.

Mit 22 haben Sie bereits über 100 Profieinsätze hinter sich. Zählen Sie sich bereits zu den Erfahrenen?

Ich habe tatsächlich schon einiges erlebt. In Nürnberg hatte ich vier Trainer in zwei Jahren. Das ist eine Sache, die eher negativ ist, aber aus der man auch seine Schlüsse ziehen kann und muss. Ich versuche generell allen Erfahrungen etwas Positives abzugewinnen, weil ich überzeugt davon bin, dass sie mir bei meiner Entwicklung helfen, wenn ich richtig damit umgehe.

Haben Sie gleich zu Beginn Ihrer Karriere durch die vielen Trainerwechsel gelernt, dass bestimmte Dinge im Profifußball nicht steuerbar sind?

Auf jeden Fall. Am Anfang hatte ich in Person von Michael Wiesinger gleich einen Trainer, der auf mich gebaut hat. Wenn der dann weggeht, ist es gerade als ganz junger Spieler nicht einfach. Ich habe dann versucht, meinen Platz zu behaupten, war aber – auch wegen Verletzungen – hinten dran. So musste ich mich wieder zurückkämpfen.

Apropos Zuspruch durch den Trainer: Nach dem Spiel gegen Mainz hat Pal Dardai gesagt, dass Sie und Jordan in zwei Jahren solche Gegentore nicht mehr kassieren. Sehen Sie das ähnlich?

Natürlich werden wir in den nächsten Jahren etwas erfahrener und natürlich geht dann vieles besser. Davon bin ich überzeugt. Aber Vertrauen muss natürlich immer auch bestätigt werden. Sonst ist es irgendwann weg. Fehler wie am Freitag passieren, die sind aber Älteren auch schon passiert. Das alles ist Teil eines Lernprozesses. Wir haben eine junge Mannschaft.

Wie viel Lernprozess darf sich ein Klub wie Hertha BSC in der Bundesliga erlauben?

Nicht so viel. Wenn man wie wir nach einem Sieg in Leverkusen solch eine Leistung wie gegen Mainz abliefert, muss man daraus lernen, auch gegen schwächere Gegner konzentrierter zu sein. Das soll aber nicht heißen, dass wir Mainz unterschätzt haben. Im Moment kann in der Bundesliga jeder jeden schlagen. Ausgenommen die Bayern.

Ausgerechnet jetzt müssen Sie mit Hertha nach München. Könnte der Zeitpunkt günstiger sein?

Ich habe gelesen, wir haben jetzt eine Krise. Vor zwei Wochen war noch alles gut, da waren wir die Mannschaft, die in Leverkusen gewonnen hat. Natürlich war das jetzt gegen Mainz ein Scheißspiel, da brauchen wir gar nicht drum herum reden. Aber so schlecht, wie viele unsere Situation sehen, ist sie nicht. Bayern und danach Schalke sind sicher schwere Aufgaben, aber wir haben schon bewiesen, dass es geht. Warum sollen wir nicht auch von dort was mitbringen?

Auffällig ist, wie gut Hertha in dieser Saison gegen vermeintlich stärkere Gegner zurechtkommt. Hat das in erster Linie mentale Gründe?

Für mich ist es schon viel Kopfsache. Fußballerisch haben wir einen guten Kader. Wir kriegen es nur noch nicht hin, in gewissen Situationen den Schalter umzulegen und den unbedingten Willen zu zeigen, auch mal in kritischen Momenten ein Tor zu machen. Eines, das die ganze Mannschaft beruhigen würde oder das dem Spiel eine andere Richtung gibt. Wenn wir am Freitag früh gegen Mainz getroffen hätten, wäre es sicher anders gelaufen.

In Leipzig oder in Leverkusen hat Hertha genau diese Tore gemacht. Zufall?

Gegen diese Gegner waren wir sehr frisch im Kopf. Da haben wir so eine Einstellung gehabt, dass wir heute nur gewinnen können. Das hat uns gut getan. In München ist die Situation wieder ähnlich. Deshalb gehe ich auch positiv ins Spiel gegen die Bayern.

Worauf wird es am Sonnabend besonders ankommen?

Wichtig ist, dass wir als Team vom Kopf her deutlich drauflegen und mehr Bereitschaft zeigen. Ein Auftritt nach dem Motto „Ich hab meinen Mann und Schluss“ wird nicht reichen. Jeder muss sich fragen: Was kann ich tun, damit wir kein Gegentor kriegen? Was kann ich tun, um für Entlastung zu sorgen?

Wie bereiten Sie sich auf Weltklassestürmer wie Robert Lewandowski vor?

Lewandowski ist ein Sonderfall, weil er ein Spieler ist, der alles kann. Das ist echt blöd (lacht). Normalerweise schaue ich mir die Stürmer vor den Spielen immer genau an und kann eine Tendenz erkennen, was ihr Handeln angeht, also was sie wann machen. Aber wenn es gegen Lewandowski geht, versuche ich einfach, mit allem zu rechnen. Er kann alles – und das in Perfektion.

Wenn jemand weiß, wie man gegen die Bayern gewinnt, dann Sie. Mit Nürnberg haben Sie als Kapitän in der Jugend regelmäßig den Platz als Sieger verlassen.

Das war in der U17, da hatten wir einen guten Lauf (lacht). Zwei Jahre später in der U19 haben wir dann aber leider verloren.

Abgesehen vom Spiel am Sonnabend: Was denken Sie, was ist in dieser Saison für Hertha BSC noch möglich?

Grundsätzlich viel. Wenn wir aus München vielleicht etwas Zählbares mitbringen und auf Schalke gut ausschauen, ist es komplett offen. Tabellarisch sind alle ja sehr eng beieinander. Anderseits muss man dadurch jedes Wochenende an die Grenze gehen. Macht man das nicht, wird es sehr schwer.