Immer Hertha

Komfort von 2020 zu Preisen von 1985

Fans, Vereine, Investoren, TV-Anstalten, der Staat, Political Correctness - alle wollen etwas vom Fußball.

In Frankfurt protestieren Eintracht-Fans gegen die Montagsansetzungen von Bundesliga-Spielen

In Frankfurt protestieren Eintracht-Fans gegen die Montagsansetzungen von Bundesliga-Spielen

Foto: Uwe Anspach / dpa

Geplant war ein Besuch unter Freunden. 200 Hertha-Fans auf Visite in der Dritten Liga in Halle, um den befreundeten Karlsruher SC zu unterstützen. Um es vorweg zu nehmen: Alles blieb im Rahmen – keine besonderen Vorkommnisse. Umso erstaunlicher das Sicherheitsaufgebot, das in Sachsen-Anhalt im Einsatz war. Die 200 Fans wurden von vielen Polizisten, zwei Wasserwerfern und einem Polizeihubschrauber eskortiert. Am Stadion war ein dritter Wasserwerfer positioniert. Der Aufwand erscheint unverhältnismäßig.

Überhaupt wird viel diskutiert über den Fußball. Das Oberverwaltungs­gericht Bremen hat in zweiter Instanz entschieden, dass Profiklubs sehr wohl an den Kosten, die der Polizei bei Bundesliga-Spielen entstehen, beteiligt werden dürfen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sehen das anders. Da der Fall – es geht um eine Partie zwischen Werder Bremen und dem HSV aus dem April 2015 – von grundsätzlicher Bedeutung ist, wird es eine dritte Runde vor dem Bundes­verwaltungsgericht geben.

Wie hält es Dein Verein mit 50+1?

Einen neuen Höhepunkt hat die Diskussion um die Kommerzialisierung am Montag mit dem Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig erreicht: Der Termin zum Wochenbeginn als jener Tropfen, der ein ohnehin volles Fass zum Überlaufen bringen kann. Von der Zersiedlung der Spieltage ist es nur ein kleiner Schritt zu einer Diskussion, zu der die DFL die 36 Profiklubs gerade aufgefordert hat. Hinter der Frage „Wie hält dein Verein es mit der 50+1-Regel“ steht eine andere: Wem gehört der Fußball? Die Fans, die Mitglieder, die Klubs die Sponsoren, die Investoren, die TV-Anstalten – welche Interessens­gruppe hat wie viel Einfluss?

Zuneigung oder Abkehr vom Fußball – nicht nur bei Hertha BSC sinkt der Zuschauerschnitt. Diverse Akteure befeuern die Skepsis: Etwa die Staaten, die xxl-Summen ausgeben, um Prestige und Einfluss zu gewinnen, Stichwort Paris St. Germain oder Manchester City. Die teilweise kriminelle Energie, die Berater von Superstars wie Cristiano Ronaldo, Messi oder Neymar aufwenden, um die ohnehin schwindelerregenden Verdienste nicht oder möglichst gering versteuern zu müssen.

Der merkwürdig blinde Fleck im deutschen (und internationalen) Fußball, dass in so gut wieder jeder Sportart gedopt wird – nur in der Sportart, in der am meisten Geld zu verdienen ist, wird so gut wie nie jemand erwischt: im Fußball.

Fußball-Magie 1970 mit Kickers Offenbach

Schon merkwürdig. Die Faszination Fußball hat für jeden anders begonnen. Das prägende Erlebnis bei mir war das DFB-Pokalfinale 1970. Ein krasser Außenseiter, Kickers Offenbach, ein klarer Favorit mit dem 1. FC Köln und Wolfgang Overath. Der Moment, als ich neben meinem Vater die letzten Stufen im Niedersachsenstadion Hannover erklimme und zum ersten Mal hinunter blicke: Der Rasen, die Tore, die rote Laufbahn - für die jüngeren Leser: Die gab es früher in jedem Stadion – der Lärmpegel, die Tribüne gegenüber - 55.000 Fans, ich war einer davon: ein magischer Fußball-Moment für den Neunjährigen. Der am Ende einen sensationellen 2:1-Sieg vom Außenseiter Offenbach bejubeln durfte.

Fußball, du hast dich verändert. So viele Interessensgruppen wie nie zerren an dir: Du sollst hochprofitabel sein, heute und vor allem in der (digitalen) Zukunft. Ob old Economy oder new Economy – du nimmst Geld von allen. Und egal, wieviel es ist, es reicht dir nie.

Der Wunsch nach Political Correctness

Du sollst attraktiv und modern sein. Du sollst den Fans eine heimelige Atmosphäre bieten. Komfort von 2020 zu Eintrittspreisen von 1985. Du sollst dich um Menschenrechte kümmern, wenn die WM in Russland oder in Katar ­gespielt wird. Und Dich einmischen, wenn auf der Welt Unrecht geschieht. Fußball, wo soll das hinführen? Ich weiß es auch nicht.

Und die magischen Momente? Wenn ich an Leipzig denke, den bitterkalten Dezemberabend im vergangenen Jahr, an das 3:2 von Hertha BSC trotz Unterzahl... doch, es gibt sie heute noch.