Pal Dardai denkt bereits über drastische Maßnahmen nach. „Vielleicht müssen wir eine Berliner Mauer bauen“, sagt Herthas Cheftrainer, als er auf die Offensivpower des kommenden Gegners Bayer Leverkusen angesprochen wird. Der Ungar weiß: Am Sonnabend (15.30 Uhr) kommt eine echte Bewährungsprobe auf seine Mannschaft zu, und zwar im Eiltempo. Mit Leon Bailey, Julian Brandt und Karim Bellarabi verfügt Bayer über den vielleicht rasantesten Angriff der Liga.

„Sie haben eine hohe individuelle Qualität“, warnt Dardai, und überhaupt sei Leverkusen in Topform. Das spektakuläre 4:2 der Werkself im DFB-Pokal gegen Werder Bremen hat er sehr wohl registriert, genauso wie den Fakt, dass Bayer in den vergangenen 16 Liga-Spielen nur ein einziges Mal verloren hat (1:3 gegen den FC Bayern).

Bellarabi und Bailey zählen zur Tempo-Top-10

Davor waren es ausgerechnet die Berliner, die Leverkusen in die Bredouille brachten. 2:1 gewannen sie das Hinspiel im Olympiastadion, zeigten dabei ihre vielleicht beste Halbzeit der Saison. Dardai ahnt jedoch: „Ich glaube, mit der Partie können wir in der Vorbereitung auf Sonnabend nicht mehr viel anfangen.“ Leverkusen hat in der Zwischenzeit den Turbo gezündet.

Mit Bellarabi (27) und Bailey (20) stellt Bayer in der Top 10 der schnellsten Bundesligaprofis gleich zwei Spieler. Rechtsfuß Bellarabi rangiert mit einer Spitzengeschwindigkeit von 34,69 km/ auf Rang zehn, Linksfuß Bailey mit 34,83 km/h auf Platz acht. Dazu kommen weitere flinke Akteure wie Brandt (21) oder Kevin Volland (25). „Ich sehe in der Bundesliga kein Team, das so schnell ist wie Leverkusen“, sagt Herthas Abwehrchef Niklas Stark.

Torgefährlichstes Mittelfeld der Liga

Vor allem die Flügelspieler sind es, die die Gegner reihenweise übertölpeln. Die Statistik spricht für sich: Kein Mittelfeld hat mehr Scorerpunkte gesammelt (43), keine Mannschaft der Liga häufiger nach Kontern getroffen (schon acht Tore). Zum Vergleich: Herthas Mittelfeld kommt bislang auf zwölf Torbeteiligungen. Treffer nach Kontern gelangen den Berlinern erst zweimal.

So groß wie der Abstand auf dem Papier ist der Abstand auf dem Feld allerdings nicht mehr, denn Hertha hat im Rennen mit der sprintstarken Konkurrenz systematisch Boden gut gemacht. Seit Pal Dardai vor drei Jahren das Amt des Cheftrainers übernahm, stand auf jedem Wunschzettel, den er bei Michael Preetz einreichte, ein Wort in Großbuchstaben: Schnelligkeit. Also drückte der Manager aufs Tempo.

2015 verpflichtete er Mitchell Weiser, 2016 Alexander Esswein – beide wurden in der Vergangenheit mit einem Top-Speed von 34,5 km/h „geblitzt“. Im vergangenen Sommer folgten Mathew Leckie (im Vorjahr mit 35,26 km/h einer der schnellsten Sprinter überhaupt), Davie Selke und Valentino Lazaro. Parallel wurde langsamere Akteure wie Valentin Stocker aussortiert, genauso wie Spieler, die trotz ihrer Schnelligkeit kaum Torgefahr ausstrahlen, etwa Genki Haraguchi.

Schnelligkeit als Gütekriterium

Schnelligkeit ist im Fußball längst zu einem der höchsten Gütekriterien geworden, nicht nur in Leverkusen oder Berlin, sondern auch in Madrid, Manchester, Paris oder London. Der FC Arsenal zahlte unlängst gut 60 Millionen Euro für den sprintstarken Pierre-Emerick Aubameyang. Manchester City investierte mit Kevin de Bruyne (76 Mio.) und Leroy Sané (50 Mio.) ebenfalls gezielt in Geschwindigkeit. Real Madrid hatte Laufwunder Gareth Bale 2013 zum teuersten Spieler der Welt gemacht (101 Mio.). Im Sommer wird Paris St. Germain für den Hochgeschwindigkeitsfußballer Kylian Mbappé 120 Millionen an den AS Monaco überweisen. Absurd anmutende Summen, die nur dann zustande kommen, wenn sich Tempo und fußballerisches Können in einer Person vereinen.

Weil Hertha in derartigen Regionen nicht ansatzweise mitbieten kann, benötigen die Berliner Fantasie. Dem Ex-Ingolstädter Leckie trauten sie mehr Torgefahr zu, genauso wie dem früheren Augsburger Esswein. Phasenweise ging der Plan auf, zuletzt jedoch nicht mehr. Beide warten seit viereinhalb Monaten auf einen Treffer.

Mitchell Weiser steht vor seinem Comeback

Selbst der sonst so gefährliche Weiser brachte zuletzt kaum Zählbares zustande. Nach zwei Spielen Verletzungspause steht der 23-Jährige immerhin vor seinem Comeback, allerdings wohl nur als Joker. Lazaro dürfte hingegen beginnen. Der Österreicher hat die jüngsten vier Hertha-Tore vorbereitet.

An die Zahlen der Bayer-Offensive reicht das jedoch nicht heran. Confed-Cup-Gewinner Brandt steht nach 21 Pflichtspielen bei sieben Toren und sechs Vorlagen. Bailey traf in 25 Partien zehn Mal selbst und legte für fünf Treffer auf. Wie Hertha diesen Blitz-Angriff stoppen will? „Wir müssen eng am Mann stehen“, sagt Stark, „auch schon im Mittelfeld.“ Trainer Dardai sieht es ähnlich: „Nach Ballverlusten müssen wir schnell ins Gegenpressing gehen, und taktische Fouls gehören auch dazu.“ Er weiß: Um eine Berliner Mauer zu errichten, wird die Zeit bei Bayers Tempo nicht reichen.