An den Gesichtsausdruck von Lukasz Piszczek (32) kann sich Harald Gämperle noch recht gut erinnern. Der Blick ungläubig, die Augen leicht zugekniffen, die Stirn in Falten. „Zuerst war das natürlich ein Schock für ihn“, sagt Gämperle und lacht. „Welcher Stürmer hört schon gern, dass er in Zukunft verteidigen muss?“

Gämperle arbeitete von 2007 bis 2009 als Co-Trainer von Lucien Favre bei Hertha BSC. Gemeinsam machten sie aus dem Stürmer Lukasz Piszczek den Verteidiger Lukasz Piszczek. Und ebneten damit den Weg für eine Karriere, wie sie damals nicht im entferntesten zu erwarten war. Gut zehn Jahre später gehört Piszczek zu den erfolgreichsten ausländischen Spielern in der Bundesligageschichte. Zweimal wurde er Deutscher Meister, zweimal gewann er den DFB-Pokal und stand 2013 mit Borussia Dortmund im Finale der Champions League. Kein polnischer Spieler kam in der Bundesliga so oft zum Einsatz wie er (256 Mal). Piszczek gehört zu den prägendsten Figuren bei einem der sportlich relevantesten Klubs des Landes.

Mit der Verletzung des Polen kam der Bruch bei Borussia

Wenn er am Freitag mit dem BVB an seine alte Wirkungsstätte ins Berliner Olympiastadion zurückkehrt, um dort gegen Hertha BSC anzutreten (20.30 Uhr/Sky), personifiziert er die Dortmunder Hoffnung auf eine erfolgreiche Rückrunde. Piszczek ist derjenige, der der Mannschaft auf dem Feld die nötige Stabilität zurückgeben soll, die ihr im vergangenen Herbst abhandengekommen ist, so als hätte sie der Wind einfach davongetragen. Die Flut der Gegentore, das unstete Spiel, die Niederlagen – all das zieht Konsequenzen nach sich und reicht in die Gegenwart hinein. Vor wenigen Tagen verpflichtete Dortmund den jungen Innenverteidiger Manuel Akanji (22) vom FC Basel für bis zu 20 Millionen Euro, dafür können Neven Subotic und Marc Bartra den Klub noch in diesem Winter verlassen. Dazu kommt der Ärger um Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang. Borussia Dortmund ist Anfang 2018 ein Verein im Umbruch.

Der Vertrag von Piszczek läuft dagegen noch bis 2019 und dürfte verlängert werden. Was der BVB an einem seiner dienstältesten Profis hat, lässt sich mit Zahlen belegen: Am 8. Oktober 2017 war es, im WM-Qualifikationsspiel der Polen gegen Montenegro, als bei ihm das Außenband riss. Zweieinhalb Monate Pause lautete die Diagnose für Piszczek. Zweieinhalb Monate Krise bedeutete das für Dortmund. Mit ihm war der BVB an die Tabellenspitze gestürmt, sieben Spiele, 19 Punkte, dazu nur zwei Gegentore. 2017 hatte die Borussia mit Piszczek kein einziges Ligaspiel verloren. Nach seiner Verletzung begann das Abrutschen, das in der Entlassung von Trainer Peter Bosz mündete. Ohne Piszczek holte Dortmund in zehn Spielen nur noch neun Punkte. „Lukasz ist ein absolut stabilisierender Faktor in unserer Mannschaft“, sagt Manager Michael Zorc.

Auf seiner Position hat der BVB keinen Ersatz

Piszczek selbst versuchte seine Rolle zuletzt im Trainingslager zu negieren. Es sei halt viel zusammengekommen und seine Verletzung nur ein kleiner Teil gewesen, sagte er. Die Statistiken sagen etwas anderes. Was auch daran liegt, dass der Dortmunder Kader über keinerlei gleichwertigen Ersatz auf der Position des Rechtsverteidigers verfügt. Bartra, der gelernte Innenverteidiger, ist außen in der Abwehrkette nur eine Verlegenheitslösung. Jeremy Toljan benötigt nach seinem Wechsel aus Hoffenheim Zeit, sich an die neuen Mitspieler und das Spielsystem des BVB zu gewöhnen. Wie wichtig Piszczek für seine Mannschaft ist, zeigte sich bei seinem Comeback am vergangenen Wochenende. Beim 0:0 gegen Wolfsburg bot er eine gewohnt souveräne Leistung, verlieh der Abwehr wieder Stabilität und half so mit, dass Dortmund im dritten Spiel unter Trainer Peter Stöger zum zweiten Mal ohne Gegentor blieb.

Harald Gämperle, der inzwischen als Co-Trainer bei Young Boys Bern arbeitet, verfolgt Piszczeks Karriere weiterhin und freut sich: „Lukasz war schon in jungen Jahren ein Spieler, der eher Räume vor sich brauchte, als das Spiel in seinem Rücken zu haben. Als Stürmer war er bei Hertha damals hinten dran, aber er hatte alles, was ein moderner Außenverteidiger braucht“, sagt Gämperle und meint damit vor allem die Schnelligkeit, die Dynamik und den Offensivdrang des Polen. So war Piszczek wie geschaffen für das aggressive Pressing unter Jürgen Klopp. Dortmunds Trainer ist inzwischen ein anderer, die Art zu spielen auch, nur Lukasz Piszczek ist über die Jahre eine Konstante geblieben.

Gämperle und Piszczek haben sich vor einigen Jahren bei einem Testspiel getroffen. „Ich habe ihn gefragt, ob er noch sauer ist, dass wir ihn zum Verteidiger gemacht haben“, sagt Gämperle. Piszczek habe nur gelacht und ihm einen Klaps auf die Schulter gegeben.