Immer Hertha

Pyrotechnik im Stadion ist keine Fußballromantik

Bengalos und Böller der Fans von Union und Hertha schaden den eigenen Vereinen und verhindern Veränderungen, meint Uwe Bremer.

Fans von Union Berlin brennen in Dortmund  Pyrotechnik ab

Fans von Union Berlin brennen in Dortmund Pyrotechnik ab

Foto: Ina Fassbender / dpa

Normalerweise ist es der letzte ruhige Moment, ehe der Showdown steigt: die Seitenwahl nach vorausgegangenen 120 umkämpften Minuten. Jener Augenblick, in der der Schiedsrichter die Kapitäne der beiden Mannschaften ein letztes Mal zusammenbittet, um herauszufinden, auf welches Tor das Elfmeterschießen stattfinden wird.

Nicht so in Dortmund. Der Münzwurf für die Festlegung des Tores fiel aus. Schiedsrichter Jochen Drees legte fest, auf welches Tor geschossen wird. Die entsprechende Regel lautet: „Sofern nicht andere Überlegungen den Ausschlag geben ... wirft der Schiedsrichter eine Münze, um das Tor zu bestimmen, auf das geschossen wird. Diese Bestimmung darf nur aus Sicherheitsgründen oder wegen der Unbespielbarkeit des Spielfeldes geändert werden.“ Drees entschied, dass auf die Südtribüne mit den Dortmunder Fans geschossen wird.

Dass die Sicherheit auf der anderen Seite nicht gewährleistet war, dafür hatten die Fans des 1. FC Union ab der zweiten Hälfte mit wieder und wieder aufflammender Pyrotechnik gesorgt. Heißt: Die Unverbesserlichen unter den Union-Anhängern konterkarierten mit ihren Pyros den starken Auftritt der eigenen Mannschaft. Denn vor der Südtribüne, dort, wo 25.000 gelb-schwarze BVB-Fans für die wohl eindrucksvollste und lauteste Kurve in Fußball-Europa sorgen, versagten beim Außenseiter die Nerven. Union brachte keinen einzigen Elfmeter an Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller vorbei – Pokal-Aus im ­Elfmeterschießen.

Auch am Tag zuvor am Millerntor beim Pokalsieg von Hertha BSC beim FC St. Pauli haben einige Berliner schwer gezündelt. Dreimal wurde, stets hinter Sturmmasken versteckt, gefackelt. Die Rechtfertigung lautet: Das sei Fußballromantik und gehöre zum echten Stadion­erlebnis dazu.

Uneinsichtigkeit kostet viel Geld

Die Uneinsichtigkeit dieser Fraktion wird Hertha (wie auch Union) viel Geld kosten. Der Deutsche Fußball-Bund wird den Hauptstadt-Vereinen Strafen in Höhe von einigen Zehntausend Euro aufbrummen. Erstaunlich ist, dass die „Pro Pyro“-Fraktion wieder und wieder ein Pferd reitet, das längst tot ist. Kein Innenminister in Deutschland wird zulassen, dass in Menschenmengen mit ­Fackeln hantiert werden darf, die bis zu 2000 Grad heiß werden.

Daran wird der x-te Versuch der „Pro Pyro“-Fraktion, einer Legalisierung näherzukommen, nichts ändern. Die Fraktion meint, sie würde sich besonders kritisch mit dem aktuellen Fußball auseinandersetzen. Richtig ist das Gegenteil: Die Pyro-Aktionen setzen den immer gleichen Kreislauf in Gang, wo die Vereine Strafen bezahlen müssen, mit ihren Fans reden … und einige Wochen später mit der nächsten Pyro-Aktion konfrontiert sind. Statt besonders kritisch zu sein, bewegt sich die „Pro Pyro“-Fraktion seit vielen Jahren auf dem immer gleichen Nebenkriegsschauplatz: Bengalos, Böller, Strafen …

Wichtige Entscheidungen geraten aus dem Blick

So schwer beschäftigt mit dem Reiten des toten Pferdes, geraten die wichtigen Entwicklungen im Fußball aus dem Blick: Die Kommerzialisierung in der Unterhaltungsindustrie Profifußball schreitet voran. Trendsetter ist wieder einmal England. Der englische Verband hat soeben einen Sechs-Jahres-Vertrag für den FA-Cup abgeschlossen. Der ­garantiert ab 2018 insgesamt 934 Millionen Euro – nur für die Auslandsrechte.

Bei anderen Vereinen investieren die Fans mehr Energie und Nachdenken in die wirklich interessanten Fragen. Was bedeutete es, wenn die Klubs immer mehr Geld aus TV- und Sponsoring-Rechten einnehmen? Die Fans des 1. FC Köln warben im Pokalspiel gegen Hoffenheim dafür: „Fußball als Volkssport erhalten.“ Der Slogan „Volkssport Fußball …“ wurde ergänzt durch Pappschilder „… bedeutet Tradition!“, „bedeutet Solidarität!“, „bedeutet Fankultur!“ oder „ist unverkäuflich!“.

Hertha spielt am Sonntag beim ungeliebten Gegner, der TSG Hoffenheim. Mal ­sehen, wie intelligent die Unterstützung des Berliner Anhanges für die eigenen Mannschaft ausfällt …

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