Hertha BSC

Herthas Niklas Stark – Einer wie Joshua Kimmich

Herthas Niklas Stark ist Teil einer neuen, deutschen Profi-Generation: schlau, selbstbewusst und sozialkompetent.

Niklas Stark

Niklas Stark

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Berlin.  Joachim Löw hat am Donnerstag in die Zukunft geschaut. Der Bundestrainer hat sich in Frankfurt mit Stefan Kuntz und Hansi Flick getroffen und wollte wissen, was sie für ihn bereit hält. Und es ist davon auszugehen, dass Löw den neuen U21-Trainer und den DFB-Sportdirektor auch nach Niklas Stark gefragt hat.

Neulich stand Löw in einem Berliner Hotelzimmer und sollte über Mitchell Weiser sprechen. Ob der Rechtsverteidiger der erste deutsche Nationalspieler von Hertha BSC seit Arne Friedrich werde, hat diese Zeitung Löw gefragt. „Vielleicht“, sagte Löw, „vielleicht auch nicht.“ Es gebe ja noch andere spannende Spieler bei Hertha, „zum Beispiel Niklas Stark. Er ist physisch gut, vielseitig und klar im Kopf“.

Jenen Kopf neigt Stark ein wenig zu Boden, als er das hört. Drei Wochen später und kurz vor Herthas Heimspiel gegen Köln heute (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) sitzt der U21-Nationalspieler auf einem Hocker und weiß nicht, was er dazu sagen soll. Vielleicht, dass der Weg zu Löw tatsächlich noch lang ist. Vielleicht auch nicht.

Bundestrainer Joachim Löw lobt den 21-Jährigen

Es spricht viel dafür, dass der Defensiv-Allrounder irgendwann seine Chance in der Nationalelf bekommt. Denn Stark ist Teil einer neuen, deutschen Profi-Generation, die sich durch besondere Eigenschaften auszeichnet: schlau, selbstbewusst und sozialkompetent. Und das ist das, was Löw von der Zukunft erwartet.

„Ich glaube, dass wir schon ein bisschen anders sind als die Generationen vor uns. Wir sind alle ziemlich perfektionistisch“, sagt Stark und nennt seine Kohorte etwas scherzhaft „eine mutierte Generation“. Und dann erzählt der 21-Jährige von Julian Weigl. Mit dem A-Nationalspieler und heutigen Dortmunder hat Stark lange in Auswahlteams und bei der U20-WM in Neuseeland 2o15 gespielt. „Er ärgert sich wahnsinnig über einen schlechten Pass, obwohl er zuvor ein Dutzend Zauberbälle gespielt hat“, sagt Stark. „Irgendwie schauen wir immer auf die Fehler bei uns und versuchen, uns zu verbessern.“

Mit Kimmich U19-Europameister

Und dann ist da Joshua Kimmich, der Anführer jener Generation, wenn man so will. Der Münchner hat es bereits nach oben geschafft, ist bei Löw als Rechtsverteidiger im Moment gesetzt und gilt als neuer Musterschüler. Stark war Kimmichs Kapitän bei der U19-EM in Ungarn vor zwei Jahren, als sie zusammen Europameister wurden.

Und er stach ihn im selben Jahr bei der Vergabe der Fritz-Walter-Medaille aus – der Auszeichnung für die besten Jugendspieler des Landes. Er beschreibt Kimmich so: Als beide mal bei einer Jugendnationalelf für eine Prüfung lernen sollten und Stark keine Lust hatte, sagte Kimmich zu ihm: „Es ist dumm, nicht zu lernen.“ Und Stark dachte: „Ok, dann mach ich’s.“

Weigl (21), Kimmich (21), der Leverkusener Julian Brandt (20), die Schalker Leon Goretzka und Max Meyer (21), der Leipziger Timo Werner (20): Der Jahrgang 1995/96 ist gespickt mit diesen neuen Spielertypen der klaren Köpfe und Ziele.

Ein guter Jahrgang mit Brandt, Weigl, Werner und Goretzka

Und er verspricht einiges für Löw: Denn es gibt auch Leroy Sané (20), der für 50 Millionen Euro zu Manchester City gewechselt ist, es gibt Jonathan Tah (20), Niklas Süle (21) und Serge Gnabry (21). Und es gibt Stark. Viele Ehrgeizlinge, viel Qualität. Stark sagt: „Das Ziel muss ein Spiel ohne Fehler sein. Das ist eigentlich unmöglich, aber wenn man das immer wieder versucht, kommt man vielleicht irgendwann mal an die 90 bis 95 Prozent heran.“

Doch bei aller Fokussierung ist da noch eine weitere Eigenschaft, die viele der neuen Generation vereint: der Blick für die Gruppe. Herthas Manager Michael Preetz beschreibt es so: „Es gibt Profis, die tragen das Führungsspieler-Gen in sich. Niklas ist so einer.“

Herthas Manager Preetz: „Er hat das Führungsspieler-Gen“

Stark hat seit der U17 alle Jugendnationalteams durchlaufen. Dort und im Nachwuchs seines Ausbildungsvereins 1. FC Nürnberg war er oft Kapitän oder Stellvertreter. Neulich, als die U21 von Stefan Kuntz Österreich schlug und Maximilian Arnold ausgewechselt wurde, übernahm Stark die Spielführerbinde von ihm.

Frank Wormuth, Starks Trainer bei der U20-WM 2o15, sagt: „Niklas kann eine Mannschaft führen. Er hat auch abseits des Rasens eine starke Meinung.“ Woher das kommt? Stark überlegt. Vielleicht ist es wirklich ein Gen. Kürzlich hat er gelesen, dass es zu 30 Prozent genetisch bedingt sei, ob jemand ein guter Anführer ist. Dann hätte es bei Niklas Stark mit einem Autohaus zutun. Sein Vater Wolfgang leitet eines in Herzogenaurach. „Er ist auch jemand, der gern steuert und einfach will, dass es läuft“, sagt Stark.

Heute gegen Köln soll er vor der Abwehr aufräumen

Eine weitere Eigenschaft der neuen Profi-Generation ist ihre Vielseitigkeit – was letztlich auf Lernfähigkeit beruht. Kimmich ist dafür das beste Beispiel. Er war bei Bayern schon Innen- und Außenverteidiger, Sechser und zuletzt sogar regelmäßig Torjäger. Auch auf Stark trifft das zu. „Das macht ihn für uns so wertvoll“, sagt Preetz.

Während der 1,90-Meter-Profi zumeist in Berlin als Innenverteidiger aufgelaufen ist, wird er nun gegen Köln wie zuvor gegen Dortmund im defensiven Mittelfeld aufräumen. In Nürnberg war er auch schon Linksverteidiger und Achter. „Ich bin ein bisschen perfektionistisch, wenn es um Taktik und Stellungsspiel geht“, sagt Stark, was zuträglich ist, wenn man sich an unterschiedliche Aufgaben auf dem Feld anpassen muss.

Beim 1:1 gegen Dortmund hat ihm Herthas Trainer Pal Dardai nach drei Minuten eine neue Anweisung übertragen: Er sollte Mario Götze in Manndeckung nehmen – was zuvor nicht geplant war. Stark hat es gemacht und damit „dem Löwen den Zahn gezogen“, wie Dardai sein Spiel intern lobte.

Gewiss, die Zukunft hat schon oft Besitzer gehabt. Und nicht immer war das zuträglich. Starks Generation gehört sie in der Nationalelf. Löw will im November bei den Länderspielen gegen San Marino und Italien ebenso wie beim Confed-Cup in Russland nächstes Jahr verstärkt auf Nachwuchskräfte setzen. Ob Niklas Stark selbst irgendwann einmal dabei sein wird, weiß keiner. Dass ihm die Zukunft bei Hertha gehört, ist allerdings sicher.