Duell der Ähnlichen

Hertha gegen Köln – Zwei Klubs, ein Erfolgsrezept

Hertha und Gegner Köln verzichteten im Sommer auf teure Einkäufe. Nun begeistern sie die ganze Bundesliga

Beim bisher letzten Aufeinandertreffen zwischen Hertha mit Mitchell Weiser (l.) und Köln mit Jonas Hector Ende Februar siegten die Berliner 1:0

Beim bisher letzten Aufeinandertreffen zwischen Hertha mit Mitchell Weiser (l.) und Köln mit Jonas Hector Ende Februar siegten die Berliner 1:0

Foto: Ralph Goldmann / picture alliance / R. Goldmann

Berlin.  Die Antwort fiel knapp aus. Der Verein werde sich nicht dazu äußern, sagte Michael Preetz, als nach der pikanten Affäre um Hertha-Profi Sinan Kurt gefragt wurde. Zwei Hinweise schickte der Manager dann aber doch noch hinterher. Erstens, dass „wir in einem demokratischen Land leben, in dem die Unschuldsvermutung gilt“.

Und zweitens, dass sich die Berliner vorerst nur auf sportliche Aspekte konzentrieren – auch in der Personalie Kurt. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass gegen den 20-Jährigen ein juristisches Verfahren anhängig ist. Ausgang offen.

Im Heimspiel gegen den 1. FC Köln wird Kurt am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) eine untergeordnete Rolle spielen. Pal Dardai betonte zwar, dass er ihn für den 18er-Kader nominieren werde, das aber dürfte eher symbolischen Wert haben. Bislang stand das Talent in dieser Bundesligasaison erst eine Minute auf dem Platz, und um Experimente zu wagen, steht gegen Köln zu viel auf dem Spiel.

Unerwartetes Spitzenspiel zwischen dem Vierten und dem Zweiten

Hertha gegen Köln, das ist das Duell des Tabellenvierten gegen den Zweiten, eine Konstellation, die im Sommer so nicht zu erwarten war. Beide Traditionsklubs zählen zu den Positiv-Überraschungen der Saison: Vermeintliche Pflichtaufgaben wurden erfüllt, Favoriten geärgert und Ausrutscher vermieden – an beiden Standorten ist das Selbstvertrauen mit jedem Erfolg gewachsen. Nun kommt es zu einem „ganz spannenden Vergleich von zwei Mannschaften, die sich richtig gut entwickelt haben“, wie Preetz sagt.

Bemerkenswert sind dabei die Parallelen zwischen den beiden Vereinen. Im Vergleich von Emporkömmlingen wie Leipzig oder Hoffenheim, die das Kapital großer Konzerne oder Mäzene in ihrem Rücken wissen, verfügen Hertha und Köln zwar über eine große Geschichte, aber kleine Etats. Ein Wettbewerbsnachteil, den sie mit Mitteln kompensieren, die im modernen Fußball fast schon altmodisch wirken.

Mit Beständigkeit etwa, und – anders als in der Vergangenheit – inzwischen auch mit der nötigen Geduld. In Berlin und Köln wird mit Traditionsrezepten gekocht, statt mit teuren Edelzutaten.

Nur zwei Teams gaben im Sommer weniger Geld aus

In der Bundesliga warfen im vergangenen Sommer nur Frankfurt und Darmstadt weniger Geld auf den Markt als Hertha (6,5 Mio. Euro) und Köln (5,1 Mio.), hielten gleichzeitig aber an den bewährten Zutaten fest. Die Kritik, dass fehlende Einkäufe zu Stagnation führen, ließen die beiden Manager Preetz und Jörg Schmadtke stoisch über sich ergehen.

Stattdessen kümmerten sie sich darum, wichtige Stützen langfristig zu binden. Nun werden beide Teams dafür gelobt wie eingespielt sie sind. Weniger ist eben manchmal mehr. Die Chefeinkäufer haben ganze Arbeit geleistet.

Diejenigen, die aus den einzelnen Bestandteilen ein stimmiges Ganzes erschaffen müssen, wissen das zu schätzen. Pal Dardai hat das, was er den Hertha-Fans Woche für Woche präsentiert, genauso verfeinert wie sein Kölner Kollege Peter Stöger. Ihre Teams seien variabler geworden, sagen die beiden Trainer unisono. Längst nicht die einzige Qualität.

Die defensive Stabilität, schon in der Vorsaison eine Stärke, haben sich beide Mannschaften bewahrt. Mit bislang erst vier Gegentoren stellt Köln den Topwert der Liga. Hertha hielt dreimal die Null.

Trainer Dardai sieht die Berliner als Favoriten

Am anderen Ende des Feldes lässt sich derweil eine beeindruckende Effizienz ausmachen. Die Berliner benötigen für ihre zwölf Saisontore nur 61 Chancen – die beste Quote der Liga. Köln belegt in diesem Ranking immerhin Platz fünf. Die Mechanismen greifen, und die Stürmer Vedad Ibisevic (fünf Tore, drei Vorlagen) und Anthony Modeste (siehe Text unten) verleihen dem Angriffsspiel die nötige Würze. „Wir sind zwei ähnliche Teams mit ähnlicher Spielanlage“, sagt Herthas Mitchell Weiser, der seine Karriere einst beim Effzeh begann.

Sowohl Hertha als auch Köln sind gereift in dieser Saison, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Während Stöger das Spiel über die Flügel forciert, arbeitete Dardai an der Torgefahr durchs Zentrum. Erfolg haben beide mit ihren Ideen.

„Köln ist eine kompakte Mannschaft“, sagt Dardai vor dem Duell, „aber wir sind Favorit, denn zu Hause sind wir eine sehr unangenehme Mannschaft.“ Die Heimbilanz spricht für ihn: drei Spiele, drei Siege.

Nach Auf und Ab herrscht endlich Kontinuität

Wie nachhaltig der Aufschwung beider Vereine ist, wird sich freilich zeigen müssen. Eines ist jedoch sicher: Abheben werden die Macher weder am Rhein, noch an der Spree – Tabellenplatz zwei hin, Traumstart her. Preetz und Schmadtke werden nicht müde, den Überschwang unter den Fans zu bremsen. „Wahrscheinlich ist es die größte Leistung von Jörg, als Düsseldorfer die Kölner zu befrieden und für Ruhe im Verein zu sorgen“, sagt Preetz über seinen Kollegen.

Die Fans träumen natürlich trotzdem von Höherem, wissen die nüchterne Art der Verantwortlichen aber zunehmend zu schätzen. Nach Jahren voller Aufs und Abs herrscht endlich Kontinuität. Dank guter, unaufgeregter Rezepte. Wer das bessere hat, zeigt sich am Sonnabend.