DFB-Pokal

39 Jahre Hertha-Fan, jetzt erlebt er sein erstes Halbfinale

Gunnar Proske hat mit Hertha schon in Braunschweig, Wuppertal und Worms gelitten. Jetzt erlebt er sein erstes Halbfinale.

Hertha Fan Gunnar Proske vor dem Olympiastadion

Hertha Fan Gunnar Proske vor dem Olympiastadion

Foto: Reto Klar

Berlin.  Erdbeeren. Wenn sich Gunnar Proske an schöne Erlebnisse mit Hertha BSC im DFB-Pokal erinnert, fallen ihm schnell Erdbeeren ein. Es gab sie beim Regionalligisten ZFC Meuselwitz, wo Hertha 2011 in der ersten Runde spielte: „Die waren lecker und haben nur einen Euro gekostet.“ Und Hertha gewann 4:0, „sehr souverän“, sagt Proske. Eine angesichts der Pokal-Historie durchaus angebrachte Ergänzung.

Dabei passten Hertha und der DFB-Pokal einst gut zusammen: Zwischen 1976 und 1981 gelang vier Mal der Einzug ins Halbfinale, 1977 und 1979 stand Hertha im Endspiel. Ab den frühen 80ern folgte reichlich Zweitliga-Tristesse, zwischendurch sogar Oberliga. Niederlagen im Pokal waren da das geringste Übel. In dieser Zeit ist Proske Fan ­geworden. Ins Olympiastadion ging er anfangs oft allein. Mitschüler brauchte er nicht zu fragen. „Da hat sich niemand für Hertha interessiert.“

Rot für Simunic, Minus-Grade auf St. Pauli

Nach vielen hundert Spielen gibt es an diesem Mittwoch mit der Partie gegen Borussia Dortmund eine Premiere: Proskes erstes Pokalhalbfinale mit den Profis im Stadion. „Ich hatte kaum noch damit gerechnet, dass ich das erlebe.“ Er ist erst 44, doch er kennt die Schreckensbilanz des Vereins nur zu gut. Eine Auswahl: Braunschweig (2:3) mit einem Eigentor von Alexander Madlung, St. Pauli (3:4 n.V.) bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, Wuppertal (0:2) mit einer Roten Karte für Josip ­Simunic und Worms (1:2) bei 38 Grad – Proske war immer dabei. Deshalb sagt er nun: „Dieses Halbfinale ist etwas ganz Besonderes für mich.“

Proske wurde durch seinen Vater in Sa-chen Hertha geprägt, 1977 durfte er zum ersten Mal mit. Seit 1991 hat er eine Dauerkarte. Vor fast 20 Jahren war er einer der Gründer des Fanklubs „HFC Holland Mühle“. Die großen Pokal­zeiten hat Proske als kleiner Junge erlebt. 1979, Besuch beim Onkel in Ost-Berlin. Sein Vater schaute sich das Endspiel zwischen Hertha und Fortuna Düsseldorf auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher an. Hertha verlor nach einem fatalen Rückpass von Uwe Kliemann in der Verlängerung 0:1. Proske war sieben Jahre alt. Eines weiß er noch genau: „Mein Vater war stinksauer.“

Desaster 1989 gegen Oberligist Gütersloh

1981 blieb nur das Radio. Das 0:1 im Halbfinale bei Eintracht Frankfurt verfolgte er in der elterlichen Küche. Dass die Pokalauftritte ihm einiges ab­verlangen würden, merkte Proske spätestens im August 1989. Hertha empfing als Zweitligist den FC Gütersloh aus der Oberliga Westfalen im Wiederholungs-spiel. Vor 3221 Zuschauern. Meik Tisch-ler, der später exakt ein Zweitligaspiel bestritt, erzielte das Siegtor zum 1:0 für Gütersloh. „Ein grausames Spiel“, sagt Proske, „das hat mich richtig geärgert.“

Später trat ein gewisser Gewöh-nungseffekt ein. Vielleicht sogar Gleich-gültigkeit? „Nein. Wenn ich im Pokal ­irgendwo hingefahren bin, hatte ich ­immer Hoffnung.“ Hoffnung und die ewige Sehnsucht, dass es endlich die eine Saison wird, an die sich alle ­erinnern. Die Hertha ins Finale führt.

Sogar Union hat ein Pokalfinale gespielt

Viele Bundesligisten – auch unterhalb der Kategorie FC Bayern oder Dortmund – triumphierten im Olympiastadion. Unter anderem der 1. FC Nürnberg oder der VfL Wolfsburg. Werder Bremen und der FC Schalke holten gleich mehrfach den Pokal. Zweitligisten kamen ins Finale. Selbst Drittligisten, wie der 1. FC Union – oder Herthas Amateure. Proske, der als Mediengestalter arbeitet, hat das Endspiel 1993 gegen Bayer Leverkusen im Stadion gesehen, „eine tolle Sache, aber nicht dasselbe wie mit den Profis“. Die schafften es nie. Ab und zu sah es ganz gut aus. Wie gegen den 1. FC Köln im Viertelfinale 2002. 1:0 geführt – Endergebnis 1:2 nach Verlängerung. Oder 2007: Drei Siege bei unterklassigen Gegnern, dann schickte das Los Hertha zum VfB Stuttgart – 0:2. 2012 leitete eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters das Aus gegen Borussia Mönchengladbach ein (0:2 n.V.).

Wenn Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller bei Mitgliederversammlungen der vergangenen Jahre verkündete, dass Hertha mit Einnahmen aus der zweiten Runde plane, erntete er Lacher. Längst lacht keiner mehr, dafür träumen die Anhänger vom Finale im eigenen ­Stadion. Nach dem 2:0 beim 1. FC Nürnberg im Dezember hatte er erstmals das Gefühl, dass der Pokalfluch besiegt werden kann, sagt Proske.

Ein Bier am Südtor

Zum Halbfinale gegen Dortmund wird er wie immer mit der S-Bahn fahren, vor dem Spiel ein Bier am Südtor trinken. Ins Olympiastadion wird ­Proske früher gehen als sonst. Es ist eben kein beliebiges Spiel. Es ist das erste Halbfinale der Profimannschaft, das er vor Ort erlebt. 39 Jahre nachdem er erstmals bei ­Hertha war.