Europa League

Borussia Dortmund hat sich in Anfield verzockt

Für den BVB und seinen Coach Tuchel wird das Europacup-Aus gegen Liverpool zur ersten Nagelprobe. Es geht vor allem um die Einstellung.

Trainer Thomas Tuchel (2.v.r.), seine Mannschaft und die Dortmunder Leere nach der Lehre von Liverpool

Trainer Thomas Tuchel (2.v.r.), seine Mannschaft und die Dortmunder Leere nach der Lehre von Liverpool

Foto: Peter Powell / dpa

Berlin.  Es wird die überschäumende Euphorie gewesen sein, die werdenden Vätern eigen ist, erst recht, wenn sie Anhänger des FC Liverpool sind. Jedenfalls ließ ein Fan der Reds, der das Spektakel zwischen Liverpool und Borussia Dortmund (4:3) vor dem Krankenhaus-Fernseher miterlebt hatte, vor einem BBC-Mikrofon keinen Zweifel über den Namen seines in der Nacht zu Freitag geborenen Sohnes: „Ich werde ihn Dejan nennen.“

Dejan Lovren, kroatischer Innenverteidiger, und durch seinen Siegtreffer im Viertelfinal-Rückspiel der Europa League so etwas wie der Nagel, an dem ein für jeden Dortmunder gut sichtbares Bild mit dem feiernden Jürgen Klopp aufgehängt ist, auf das man beim BVB gern verzichtet hätte.

Keine Frage, das Scheitern auf europäischer Bühne an der Anfield Road hat Spuren hinterlassen bei der Borussia. Sämtliche Erklärungsversuche lassen sich auf einen Satz komprimieren: „Wir haben gedacht, das Ding ist durch“, wie es Kapitän Mats Hummels formulierte.

„Ich dachte eigentlich – das muss ich zugeben – dass wir das Ding holen“

Die verspielte 3:1-Führung wird zur echten Nagelprobe für Trainer Thomas Tuchel und seine Mannschaft. Denn der BVB hat sich verzockt, als er die Meisterschaft mit einer B-Elf und einem 2:2 auf Schalke abhakte, um sich nur noch der Europa League und dem DFB-Pokal zu widmen, wo am Mittwoch das Halbfinale bei Hertha BSC im Olympiastadion wartet.

Es ist schon entlarvend, wenn Hummels unumwunden zugibt: „Das war der realistischste Titel, der in dieser Saison rumlag. Ich dachte eigentlich – das muss ich zugeben – dass wir das Ding holen.“

Noch vor der Partie schwadronierte Hans-Joachim Watzke: „Wenn ich höre, dass wir mehr Druck haben als der FC Liverpool, lache ich mich tot. Wir spielen nächstes Jahr sicher in der Champions League. Das würde Liverpool nur im Falle eines Europa-League-Sieges schaffen.“ Nun presste der BVB-Geschäftsführer nur ein „Das kann ich nicht in Worte fassen“ hervor.

„Schafft einen Moment, von dem wir alle unseren Enkeln erzählen werden“

Hochmut kommt vor dem Fall, und so muss die Frage erlaubt sein, ob jenes Dortmunder Team es sich durch die desaströsen 30 letzten Minuten überhaupt verdient hat, sich für ausgezeichnete 60 Minuten vorher feiern zu lassen. „Wir brauchen kein Mitleid. Wir wollten gewinnen wie Champions, nun müssen wir wenigstens verlieren wie Champions“, machte Tuchel deutlich: „Das ist für uns alle eine Zeit, in der wir uns auch neu kennenlernen.“

Diese Phase ist in Liverpool offenbar abgeschlossen, die „Sun“ schrieb von dem „Tag, an dem Jürgen Klopp seine Reise von Gelb zu Rot beendete“. Der so Gelobte trat auf die Euphorie-Bremse. „Bitte macht uns nicht zu schnell zu Helden. Lasst uns erst mal das Halbfinale spielen“, sagte Klopp. Gegner dort ist der FV Villarreal.

Das Geheimnis des „neuen Kapitels in der Märchensammlung der Reds“ („Liverpool Echo“) ist aber gelüftet, dank Stürmer Divock Origi: „Er hat uns gesagt: Schafft einen Moment, von dem wir alle unseren Enkeln erzählen werden.“ Doch auch der kleine Dejan wird bestimmt genau zuhören, wenn ihm sein Vater bald von jener magischen Nacht erzählen wird.